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Hallo Wissenschaft, wir haben ein Problem

Von Walter Hämmerle

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Wenn in der Politik etwas schiefgeht, prügelt man entweder die Politiker oder Bürger. Dabei sollte man nicht auf die Wissenschaft vergessen.


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Die weitaus beliebteste Form der Aufarbeitung markerschütternder Wahlergebnisse besteht darin, die handelnden Politiker zur Verantwortung zu ziehen. Man kann auch einen anderen Blickwinkel wählen, wie das etwa der britische Ökonom Paul Johnson anlässlich des Brexit-Votums tut: Der Direktor des renommierten Londoner Institute for Fiscal Studies nimmt dabei nicht andere, sondern sich selbst und seine ganze Profession in die Pflicht.

Immerhin, so konstatiert Johnson in einem Gastbeitrag für die "Times", sei sich die überwältigende Mehrheit der Ökonomen einig gewesen, dass ein Brexit massive negative Folgen für Wachstum, Arbeitsplätze und Pensionen haben werde - und diese Erkenntnisse wurden auch durchaus von den Medien berichtet.

Warum dann aber, so Johnson, "glauben bis heute viele Menschen, dass eine Abwertung des Pfunds die Briten reicher und nicht ärmer mache, dass es in einer Wirtschaft eine feste Zahl an Arbeitsplätzen gebe, oder dass ein kurzfristiger Konjunkturabsturz keine langfristigen Folgen habe"? Zu all diesen Fragen gibt es gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse. Und trotzdem ist es möglich, dass eine kritische Masse vom genauen Gegenteil überzeugt ist.

Den Wirtschaftswissenschaften gelingt es ganz offensichtlich nicht, eine kritische Masse an Bürgern von einigen wenigen grundlegenden Zusammenhängen zu überzeugen.

In seiner durchaus quälenden Suche nach den Ursachen für das Versagen seiner eigenen Zunft kommt Johnson zu folgenden Schlussfolgerungen: Erstens, statt sich um nebensächliche Detailfragen zu kümmern, sollten Ökonomen mehr Energie darauf verwenden, die ökonomischen "Basics" zu vermitteln. Zweitens, die Debatte um wirtschaftswissenschaftliche Fragen leide an fehlender Führungsstärke: Ökonomen gebe es schließlich ziemlich viele und das mache die Unterscheidung von seriösen und weniger seriösen, von reinen Scharlatanen nicht zu reden, für eine breitere Öffentlichkeit ziemlich schwierig. Und dann sei da noch diese besondere Expertensprache: Solange abstrakte Begriffe wie "Wirtschaft", "Wachstum" oder "Handel" nicht direkt in so konkrete Inhalte wie "Einkommen", "Jobs" oder "Lebensstandards" übersetzt werden können, so lange würden auch die Warnungen und Mahnungen von Ökonomen ungehört verhallen.

Die gleichen oder jedenfalls ganz ähnliche Fragen wie die Ökonomen sollten sich nicht auch andere, für das Funktionieren eines Gemeinwesen relevante Wissenschaften stellen: die Politologen etwa oder die Klimaforscher und natürlich die Juristen.

Denn eines wird immer deutlicher: Keine Demokratie, und schon gar nicht ihre postmoderne Variante, bei der simple Tatsachen oft nur als ein möglicher Problemaspekt erscheinen, aber eben keineswegs als ein zwingender, kann es sich auf Dauer leisten, dass sich die Wissenschaft im Allgemeinen und die Universitäten im Besonderen aus der öffentlichen Debatte über Politik heraushalten. Nicht nur, weil die Bürger den Großteil dieser Wissenschafter finanzieren, das auch, aber vor allem, weil diese einen unverzichtbaren Beitrag leisten, richtig von falsch zu unterscheiden.