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Haltung bewahren

Von Reinhard Göweil

Leitartikel
Chefredakteur Reinhard Göweil.

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Angeschwemmte Kinderleichen auf der Insel Kos, entsetzliche Zustände auf Lesbos. Brandanschläge auf Asylheime in Deutschland, Hakenkreuzschmiererei auf einer Flüchtlingsunterkunft in Hohenems. Ein Flüchtlingsstrom, der nicht endet, und diametrale Vorschläge von Politikern, wie damit umzugehen sei.

Nein, es hat trotzdem keinen Sinn, sich in Verzweiflung zu stürzen und die Angst zum Ratgeber zu machen. Ja, es sind viele, die da kommen. Darunter sind viele unbegleitete Jugendliche, die tausende Kilometer und Monate unterwegs waren, um dem Elend ihrer Heimatländer zu entfliehen.

Politiker, die jetzt mit Vorschlägen kommen, wie diese Menschen von Europa (und damit auch Österreich) ferngehalten werden können, haben die Tragweite nicht erkannt. Ungarn ist mit seinem Zaun an der Grenze zu Serbien kläglich gescheitert, es kommen nach wie vor tausende Menschen in Nickelsdorf an.

Bis die Konfliktregionen in Nahost und Nordafrika so stabil sind, dass sich Menschen dort wieder sicher fühlen, wird viel Zeit vergehen. Bis die (gerade beschlossene) EU-Hilfe in deren Nachbarländern eine menschengerechte Unterbringung ermöglicht, ebenso. Und was machen wir bis dahin? Grenzen dicht? Das würde wohl bedeuten, dass im Winter viele Flüchtlinge auf der Balkanroute erfrieren. Europa - und damit auch Österreich - kann nicht sehenden Auges Menschen in den Tod schicken.

Es gilt also, Haltung zu bewahren und das zu geben, was wir an deren Stelle auch erwarten würden: Hilfe. Ja, es sind viele, die kommen. Ja, es wird eine Herausforderung. Ja, viele haben dabei ein mulmiges Gefühl. Aber jetzt gilt es, diese Menschen ordentlich über den Winter zu bringen. Es heißt zusammenrücken.

Die Politik sollte aufhören, über Asyl auf Zeit nachzudenken. Aktuell muss die Regierung - wie es die Gemeinde Wien tut - einfach helfen. Dazu gehört auch die Bereitstellung von Kursen in politischer Bildung. Flüchtlinge müssen verstehen können, in welcher Gesellschaft sie sich befinden und dass sie sich in diese integrieren müssen. Das ist ein Muss, weil es so viele sind.

Grenzen dicht funktioniert nie, Menschlichkeit immer. In den kommenden Monaten ist Hilfe das Thema, politischer Aktionismus vergeudet nur wertvolle Zeit und macht schlechte Stimmung.