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Handel mit allerlei Eitelkeiten

Von Michael Schmölzer

Politik

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Das Inserat in der Bildungsbeilage einer österreichischen Tageszeitung wirkt auf den ersten Blick durchaus vieversprechend: PROMOTION steht da in großen Lettern und weiter unten: D"Dr.rer.oec. MBA oder Professur - Wir anerkennen Ihr erworbenes Wissen und ihre beruflichen Fähigkeiten." Die Einrichtung, die mit akademischen Würden winkt, gibt sich als "Freie Universität Teufen" zu erkennen, die charakteristische Schweizer Flagge weht von rechts in die Annonce.

Wer sich allerdings näher für diese Hochschule zu interessieren beginnt, wird bald vor einige Rätsel gestellt. Denn die Ortschaft Teufen im Schweizer Kanton Inner-Rhoden kann zwar auf immerhin zwei Diskotheken, fünf Restaurants, 5.645 Einwohner und einen Polizeiposten verweisen, was man dort aber vergebens suchen wird, ist eine Universität im engeren Sinne. Was existiert ist die Firma "COSMOS AG, Aktiengesellschaft für Forschung und Bildung" mit Sitz in der Schweiz, die als Trägerorganisation der Freien Universität Teufen - F.U.T. firmiert. Die Philosophie des Unternehmens ist der HomePage, info@universitaet.ch, zu entnehmen - dort steht geschrieben:

"Auf dem Weg nach oben zählt der Hochschul- oder Universitätsabschluss. Ein akademischer Grad verleiht Prestige in der Öffentlichkeit, vor allem aber ist er das entscheidende Kriterium für die Beurteilung der gesamten Laufbahn."

Weiters wird dem Studiosus in spe mitgeteilt, dass kein Unterricht im konventionellen Sinn vorgesehen ist, der Student betritt den Bildungstempel - laut "Neue Züricher Tageszeitung" ein simples Mehrfamilienhaus in Appenzell - nur zweimal: Bei der Immatrikulation und der Abschlussprüfung. Das reichhaltige Studienangebot der Teufen-Uni besteht aus diversen wirtschaftswissenschaftlichen und philosophischen Fächern, auch den "Freien Künsten" kann man sich an Teufens Universität hingeben. Der Fairness halber macht die F.U.T. allerdings auf folgendes aufmerksam:

"Die verliehenen Diplome können nach unserer Erkenntnis ohne Einschränkung geführt werden. Da allerdings international unterschiedliches Recht gilt, weisen wir ausdrücklich darauf hin, dass grundsätzlich immer die Bestimmungen des jeweiligen Landes zu berücksichtigen sind, in welchem der Student wohnt. Anlässlich des persönlichen Immatrikulationsgespräches informieren wir Sie ausführlich über alle Details."

Dieter Jurkschat, ehemaligen Direktor der Sparkasse Konstanz, wurde da anscheinend völlig falsch beraten: Der Bankier, dessen Geschäftsführung bis zu seinem Hinauswurf 1996 immer "untadelig" gewesen war, wie die "Neue Züricher Zeitung" berichtete, gab bei seiner Bewerbung um den Posten des Vorstandsvorsitzenden des größten Geldinstitutes im Bundesland Baden-Württemberg 1988 an, er habe mit einer Arbeit über "Factoring im Exportkreditgeschäft" promoviert. Die Tageszeitung D"Südkurier" warf dem Banker 1996 vor, dass er den Titel für 32.000 Franken (18.604 Euro) bei der "Freien Universität Teufen" gekauft habe. Jurkschat musste gehen.

Die "Schweizerische Hochschulrektorenkonferenz" bestätigt auf Anfrage der "Wiener Zeitung", dass die Diplome der Appenzeller Briefkastenfirma nicht das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt werden. In der Schweiz sei das auch allgemein bekannt, weshalb das Unternehmen ausschließlich im Ausland auf Kundenfang gehe. Es sei nach der Schweizer Rechtsordnung nicht direkt strafbar, Titel zu verkaufen oder auf der Visitenkarte zu führen, solange man sich damit nicht berufliche Vorteile zu erschleichen suche. Die zentrale Hochschulrektorenkonferenz könne gegen die COSMOS AG nicht einschreiten, da das Bildungswesen autonome Kantonssache sei. Die Erziehungsdirektion des Kantons Inner-Rhoden wiederum kann nicht tätig werden, da die F. U. T. nicht die gesetzlichen Anforderungen einer Schul-Institution erfüllt, das Schulgesetz daher nicht angewandt werden kann. Die F. U. T. war dazu weder telefonisch noch schriftlich zu einer Stellungnahme bereit.

In Österreich ist die Schweizer Doktorschmiede ebenfalls seit langem amtsbekannt, erläutert Heinz Kasparowsky vom Wissenschaftsministerium. "Zielgruppe der Uni Teufen in Österreich ist vor allem das mittlere oder höhere Management, Menschen, die zwar verantwortungsvolle berufliche Funktionen, aber keinen Titel innehaben." Die Dunkelziffer derer, die sich einen Teufen-Titel erworben haben, schätzt Kasparowsky als "hoch" ein, er selbst ist "fast wöchentlich" mit dem Problem konfrontiert.

In Österreich, wo dem Titel seit jeher eine große Bedeutung zugemessen wird, geht man übrigens mit Hochstaplern weniger sanft um als in der Schweiz: Wer einen Titel unrechtmäßig führt, begeht eine Verwaltungsübertretung, wer darüber hinaus durch Vortäuschung eines akademischen Grades einen Beruf ausübt, der ein Studium erfordert, macht sich des Betruges schuldig.

Gerade die in Österreich grassierende Titelsucht bietet aber einen fruchtbaren Boden für gewiefte Geschäftsleute, die aus der Eitelkeit ihrer Mitmenschen Kapital schlagen. Robert Geher beschreibt das in "Wiener Blut", erschienen in der Edition S.: Auf dem Gebiet des umfassenden Handels mit Insignien der Würde und Gelehrsamkeit sorgte demnach der "Fall Kowes" Anfang der 70er- Jahre für viel Gelächter. Thomas Kowes, vierfacher Doktor und Honorarkonsul, brachte es in seiner Blütezeit auf 50 Mitarbeiter und ein Millionenvermögen. Er selbst war bis zu seinem zehnten Lebensjahr Analphabet, danach Tagelöhner und ohne jeden erlernten Beruf. Der Titelhändler gab sich vorzugsweise als Repräsentant und Kanzler der "National University of Toronto" aus, eine Einrichtung, die es wirklich gab. Allerdings war es eine Schule für Sprachbehinderte in Kanada.

Das Vertrauen seiner Kunden erwarb er, indem er seine Kandidaten erst einer eingehenden Prüfung unterzog und dann nur die "Würdigsten" auserkor. Nach der Leistung von bis zu 200.000 S (14.534 Euro) durfte der "Erwählte" zwischen Diplomatenurkunden, Ritterorden und Doktorhüten wählen. Die Verleihungszeremonien waren perfekt inszeniert: Kowes mietete den Turnsaal eines Colleges in Sheffield, der in prächtigen Ornat gehüllte "Dekan", ein lokal ansässiger Konditormeister, überreichte in einer salbungsvollen Zeremonie die Doktorrolle, während die Anhängerschaft des frischgebackenen Akademikers den erhebenden Moment fotografierte.

Ein deutscher Großindustrieller wurde auf ähnliche Weise zum "Ritter vom Holy Cross" geschlagen - er erhielt von Kowes einen Phantasieorden, den es nie gab. Die Verleihungsurkunden wurden in Kowes' Auftrag sämtlich von einem oberösterreichischen Zeichenprofessor kunstvoll entworfen.

1972 flog der Betrug schließlich auf, Thomas Kowes wanderte 1974 für eineinhalb Jahre hinter Gitter. Der Betrüger konnte sein Handwerk unter anderem deswegen so lange unbehelligt ausüben, da die meisten von ihm Genarrten aus Angst, sich dem Gespött der Öffentlichkeit auszusetzen, von einer Anzeige absahen. Ein Umstand, der Geschäfte in Sachen Eitelkeit auch heute noch relativ ungefährlich und lukrativ macht.