Zum Hauptinhalt springen

Handkes Preis

Von Haimo L. Handl

Gastkommentare
Haimo L. Handl ist Politik- und Kommunikationswissenschafter.

Die Verleihung des Ibsen-Preises an Peter Handke hat wieder einmal schlafende Hunde unter den politisch Korrekten geweckt.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 10 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Dem österreichischen Dichter und Schriftsteller Peter Handke wurde vor kurzem im Nationaltheater in Oslo der prestigeträchtige Internationale Ibsen-Preis zugesprochen, der mit rund 300.000 Euro auch lukrativ ist.

Handke hat schon sehr viele Preise und Auszeichnungen erhalten. Aber sein Verhalten und seine politische Haltung brachten ihm ebenso wüste Anfeindungen und Verurteilungen ein und führten dazu, dass bereits zugesprochene Preise wieder annulliert wurden, wie skandalöserweise 2006 in Düsseldorf; oder dass man Stücke von ihm absetzte, wie es zum Beispiel die Comédie Française tat.

Handke polarisiert. Die Ankündigung der Preisverleihung in Oslo weckte schlafende Hunde, die als Gerechte und Korrekte wieder einmal publikumsträchtig kläfften. In einem Artikel, geschickt mit einem Porträtfoto Handkes aus der Froschperspektive aufgemacht, das ihn alt, faltig, in die Ferne spähend zeigt und bloßstellt, legt etwa Ingvar Skobba los. Er ist historischer Fachmann und zugleich einer fürs politisch Korrekte. Er meint, Handkes "Bagatellisierung und Trivialisierung von Kriegsverbrechen" seien unvereinbar mit der Preisverleihung. Und überhaupt sei Handkes Haltung zum Balkankrieg, zu Slobodan Milosevic, inakzeptabel.

Sekundiert wird dieser Ausfall durch den Slawistikprofessor Svein Mønnesland, unter anderem Mitglied der Wissenschaftsakademien in Norwegen und Bosnien. Er findet Handke nicht preiswürdig, weil dieser "mit der Weltgemeinschaft gebrochen" habe. Er fühlt sich auch bemüßigt, eine Nachbarschaft mit Norwegens berühmtestem Kollaborateur herzustellen: "Die Parallele zu Knut Hamsun ist offensichtlich."

So weit, so ungut. Wir wissen, dass wir in Zeiten der niederen Instinktkultur, des Gesinnungsterrors leben. Aber dass verdiente Akademiker in den Chor der Moralapostel und Tugendhaften einstimmen, um Ehrungen nur für solche als zulässig zu reklamieren, die politisch korrekt, moralisch "einwandfrei" sind, dokumentiert doch einen Rückfall in dunkle Zeiten.

Man könnte eine neue Preiskategorie einrichten: Auszeichnungen für Dichter oder Künstler, denen öfter als einmal ein Preis aberkannt wurde oder die öffentlich Preise ablehnten und zurückwiesen (1999 gab Handke das Preisgeld für den 1973 erhaltenen Georg-Büchner-Preis zurück, 1985 lehnte er den Anton-Wildgans-Preis ab).

Sind unsere Tugendhaften in der Mehrzahl nicht Kollaborateure? Und zwar mit der bedenklichsten Kriegsmacht der Gegenwart, den USA? Haben sich Leute wie Skobba und Mønnesland gegen die Umtriebe der westlichen Leitmacht gewendet, haben sie Konsequenzen gezogen? Wie sieht’s aus mit der Kritik an den Kriegsbeteiligungen europäischer Länder, an der Unterstützung für Warlords und Mordbanden durch die EU im Schulterschluss mit den USA? Politisch korrekt, im Einklang mit der "Weltgemeinschaft"? Wenn irgendjemand Kritik äußerte, blieb es bei Worten oder folgten Taten? Welche?

Handke, ein "homme de lettres", blieb und bleibt nicht nur beim Wort. Er setzt, neben seiner Literatur, auch (andere) Taten. Die mögen umstritten sein. Nichts steht außerhalb von Kritik. Aber sie sind allemal mehr als das Gekläffe der Kritiker, Hetzer und Denunzianten.