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Handwerker mit Leib und Seele

Von Wenzel Müller

Reflexionen
Wolfgang Brunner, der 70-jährige Ottakringer aus Magdeburg, in seiner Werkstatt. Man beachte das Schild "Rauchverbot"!
© Fotos: Wenzel Müller

Ende dieses Jahres legt Wolfgang Brunner, Wiens letzter noch tätiger Fahrradmechanikermeister, den Schraubenschlüssel endgültig aus der Hand.


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Auf dem Tisch des Fahrradladens steht ein Aschenbecher. Früher mag das in Geschäften alltäglicher, kundenfreundlicher Brauch gewesen sein, heute erscheint das höchst ungewöhnlich, ja anachronistisch. Ungewöhnlich ist auch der Beruf des Ladeninhabers. Wolfgang Brunner ist Fahrradmechanikermeister - der letzte in Wien noch tätige, denn seit den 1970er Jahren kann man diesen Beruf nicht mehr erlernen, seit nämlich die bis dahin gültige Gewerbeordnung von 1860 geändert wurde.

Brunner ist 70 Jahre alt. Begonnen hatte er eine Fahrradmechanikerlehre im Jahr 1956, dreieinhalb Jahre dauerte sie. Er schaffte die Meisterprüfung und machte sich bald darauf selbstständig, erst in Wien-Margareten, später übernahm er ein Fahrradgeschäft in Ottakring, in jenem Bezirk, in dem er auch zu Hause ist.

Und dieses Geschäft führt er auch heute noch. Ein Eckladen in der Degengasse. Sie ist alles andere als eine belebte Einkaufsstraße. Hier wohnen die Menschen, hier gehen sie nicht einkaufen. Ein Geschäft also weitab vom Schuss.

Trotzdem kann sich Brunner nicht über ausbleibende Kundschaft beklagen. Im Gegenteil, in der Branche ist der Herr, der - noch so etwas Anachronistisches - stets einen Hut zu tragen pflegt, auch bei der Arbeit, bestens bekannt. Und das liegt daran, dass er, erstens, schon lange genug im Geschäft ist und, zweitens, sich überaus umtriebig zeigt. Er hält unter anderem regelmäßig Vorträge in der Volkshochschule zum Thema "Check dein Fahrrad".

Das schönste Chaos

An der Wand hängt ein Kruzifix, und gleich daneben eine ganze Reihe von Fahrradfelgen. In der einen Ecke türmen sich Pedale, in der anderen Fahrradleuchten. Kein Millimeter bleibt in Brunners Fahrradladen ungenutzt. Wohin das Auge blickt: überall Fahrradteile. Jedes Kinderzimmer ist besser aufgeräumt. Oder freundlicher ausgedrückt: Hier herrscht das schönste Chaos. Für den Chef hat freilich alles seine Ordnung. Ein Griff genügt, und er hat das gewünschte Teil.

Ein Kunde kommt herein. Er bräuchte für sein Moped ein Stück Benzinschlauch. Kein Problem. In einem seiner unzähligen Kartons findet es Brunner auf Anhieb. Macht zwei Euro.

Vor wenigen Jahren hat Brunner auch noch Mopeds repariert. Nun konzentriert er sich auf sein Kerngeschäft, das Fahrrad. Nicht der Fahrradverkauf, sondern Reparaturen machen den Hauptteil seiner Arbeit aus. Je kniffliger ein Problem, desto interessanter für Brunner. Dann blüht er richtig auf. Wie der Besucher sehr bald merkt, ist er Mechaniker mit Leib und Seele.

1946 kam Brunner nach Wien. Aus der Nähe von Magdeburg stammt er, Ostdeutschland. Während seiner Fahrradmechanikerlehre lernte er Rahmen bauen, Gewinde drehen, Gabeln ausrichten, mit der Rohrbiegemaschine umgehen - und natürlich auch "Patschen picken".

Es war die Nachkriegszeit, die Zeit des Aufbaus. Autos waren noch ein Luxusgut, die Leute fuhren mit dem Fahrrad, das konnten sie sich leisten. Damals gab es, erzählt Brunner, rund 100 Fahrradgeschäfte in Wien. Viele von ihnen bauten selbst Räder, Marken wie Select, Argo oder National. Von den vielen Herstellern haben in Österreich im Grunde nur zwei überlebt: Simplon und KTM. Das eine Unternehmen hat seinen Sitz in Hard (Vorarlberg), das andere in Mattighofen (Oberösterreich).

Es ist kalt und regnet. Die kalte Jahreszeit ist schlecht fürs Geschäft. Das ist heute so, und das war auch schon früher so, mit dem Unterschied, dass Brunner früher, in seiner Lehrzeit, die Flaute damit überbrückte, Stahlkanten an Skier zu montieren. Doch diese Dienstleistung ist nicht mehr gefragt.

Früher war es besser

Nach der Mittagspause erst einmal eine Zigarette. Wolfgang Brunner nimmt einen tiefen Zug und bläst den Rauch genussvoll aus. Ja, früher sei alles anders gewesen. Wenn er nur an den Fahrradrahmen denke, der sei einst aus Stahl gebaut worden. Und wie er so erzählt, bekommt er leuchtende Augen: "Ein herrliches Material! Stahl ist stabil und gibt nach. Ganz im Gegensatz zu Aluminium: Das ist nur starr. Ein Stahllenker zeigt an, bevor er bricht. Er verbiegt sich. Ein Aluminiumlenker reißt dagegen sofort ab." Einfach so, von einem Moment auf den anderen. So etwas tut Brunner in seiner Mechanikerseele sichtlich weh.

Auch die Rahmengeometrie habe sich geändert. "Der Radstand war früher größer. Sie konnten ohne Schwierigkeiten freihändig fahren, das ist heute nur noch schwer möglich." Na gut, konzediert Brunner, manches sei auch besser geworden, so beispielsweise die Gangschaltung.

Einen Rahmen verstärken, ein zusätzliches Rohr einziehen: Wovon Sportgeschäfte tunlichst ihre Finger lassen, schon aus Haftungsgründen, da ist Brunner ganz in seinem Element. "Ich tüftle gerne und freue mich über besonders knifflige Reparaturfälle." Schweißen und Löten sind ihm im Laufe der Jahre in Fleisch und Blut übergegangen. Und Röhren und Muffen sind ihm so vertraut wie seine rechte Hosentasche.

Es gibt sie noch, die unverdrossenen Radfahrer, die widriges Wetter nicht schrecken kann. So einer kommt ins Geschäft, ein Stammkunde. Das hintere Schutzblech hat sich bei seinem Fahrrad gelöst. Ob das noch heute repariert werden könne, morgen brauche er das Rad wieder. Ist doch selbstverständlich! Brunner macht sich im hinteren Raum, der Werkstatt, sofort an die Arbeit. "Der Clemens" hilft ihm dabei. Das ist sein Kollege, sein Angestellter.

Bis Ende dieses Jahres werde er noch arbeiten, dann endgültig aufhören. Schließlich sei er nicht mehr der Jüngste. Langweilig, sagt er, werde ihm gewiss nicht werden. Es gebe genug zu tun. Bücher lesen und Wanderungen machen. Dann werde er "dem Clemens" den Fahrradladen übergeben, mit gutem Gefühl. Denn auch "der Clemens", obwohl um etliche Jahre jünger, halte das gute alte Handwerk hoch.

Wenzel Müller, geboren 1959 in Sindelfingen (Deutschland), lebt und arbeitet als Journalist und Sachbuchautor in Wien.