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Harter Poker um Chrysler

Von Helmut Dité

Wirtschaft
Kleinwagen für die USA: Im Frühsommer trafen per Schiff die ersten 3000 Fiat-Kleinwagen in Amerika ein: Der 500 L kam aber nicht aus einer italienischen Fabrik, sondern aus einem neuen Werk im serbischen Kragujevac.
© Fiat

Fiat-Chef Marchionne braucht die Komplettübernahme der US-Tochter dringend.


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Detroit/Turin. Fiat-Chef Sergio Marchionne ist - trotz stets freundlichem Auftritt im kuscheligen Pullover - als cleverer und knallharter Verhandler berühmt. Das brachte ihm seit dem Einstieg beim damals insolventen drittgrößten US-Autobauer Chrysler immerhin die Kontrolle von fast 59 Prozent der Anteile - zu einem als Schnäppchen geltenden Basispreis von knapp zwei Milliarden Euro. Im harten Poker um den Preis für die restlichen 41 Prozent der Chrysler-Anteile, die noch der gewerkschaftsnahe Gesundheitsfonds Veba hält, könnte er jetzt aber sein Blatt überreizen.

Seit mehr als einem Jahr tobt der Streit um die Bewertung der Anteile, auch vor Gericht kam nichts heraus. Marchionne sieht den Wert der Veba-Anteile, auf die er eine Option erworben hat, eher bei 2,5 Milliarden Dollar, der Gewerkschaftsfonds tendiert in Richtung des Doppelten.

Nun setzte Veba Marchionne die Pistole an die Brust und beantragte einen Börsengang. Man will Fakten schaffen und hofft, dass die Bewertung des Marktes den Druck auf Marchionne erhöht, die geforderten 5 Milliarden Dollar doch zu zahlen.

Marchionne wiederum fühlte sich überrumpelt und drohte im Gegenzug, die "Zusammenarbeit mit Chrysler auf den Prüfstand zu stellen" - auch die technische Zusammenarbeit. Diese und der Einstieg von Fiat waren zentraler Bestandteil der Pläne von Präsident Barack Obama zur Sanierung der US-Autobranche.

Eine Win-win-Situation schien es zu sein: Für die auf Kleinwagen spezialisierte und auf Europa und Südamerika fokussierte Fiat bot die Übernahme von Chrysler die Überlebensgarantie, wäre man doch mit einem Schlag am wieder größten Pkw-Markt der Welt präsent und stiege zum siebtgrößten Automobilbauer auf.

Chrysler wiederum, nach dem Ausstieg von Daimler durch eine Blitzinsolvenz gegangen und zu 90 Prozent vom US-Geschäft abhängig, sollte von der Spritspar-Technik Fiats profitieren, nicht zuletzt, um kommende schärfere Emissions- und Verbrauchsvorschriften zu packen.

Inzwischen sind die beiden Autobauer sehr stark aufeinander angewiesen. Fiat profitierte zuletzt aber deutlich mehr als die mittlerweile wieder hochprofitable US-Tochter. Während etwa der neue Kompaktwagen Dodge Dart - mit Fiat-Motor - in den USA nicht so wirklich einschlug, ersetzen Minivans, Limousinen- und Kombimodelle aus USA mehrere Fiat- und Lancia-Baureihen.

Ob es daher tatsächlich zu einem Börsengang kommt? Der Veba wurde dieses Recht für einen 25-Prozent-Anteil eingeräumt, als der Gewerkschaftsfonds 2009 durch die Umwandlung von Schulden in Anteile mithalf, Chrysler aus der Insolvenz zu holen. Laut IPO-Prospekt wird der Börsenwert von Chrysler aber mit weniger als 8,9 Milliarden Dollar angesetzt - die Veba-Anteile wären da nur 3,7 Milliarden wert, Stückzahl und Angebotspreis der Aktien blieben offen.

Die Börsenpläne sind wohl für beide Kontrahenten mehr Druckmittel als Ziel. Ursprünglich hatte Marchionne ja selbst Börsenpläne gehegt, um den Preis zu senken.

Chrysler boomt - und wird immer teurer

Inzwischen eilt aber Chrysler von Rekord zu Rekord. Man profitiert wie die anderen US-Autobauer von der wieder boomenden Nachfrage vor allem nach den großen Pick-up-Trucks. Die Aktienkurse von General Motors und Ford sind in den vergangenen zwölf Monaten um mehr als 60 bzw. mehr als 70 Prozent gestiegen - dieser Logik folgend wird auch Chrysler von Tag zu Tag teurer: Im Frühjahr hat die Investmentbank UBS den Wert von Vebas Chrysler-Anteilen noch auf knapp unter vier Milliarden Dollar geschätzt, im Sommer waren es schon fast fünf Milliarden. Analysten erwarten daher, dass Marchionne seine Flucht über den Atlantik nicht abbricht und das Veba-Aktienpaket schließlich im letzten Moment selbst für Fiat übernimmt.

Denn Marchionne braucht die Komplettübernahme - samt Zugang zu den auf gut 12 Milliarden Dollar geschätzten Cash-Reserven der US-Tochter - ganz dringend, um das miese Europa-Geschäft verdauen zu können. Der Fiat-Absatz in Europa ist heuer bis Ende August noch einmal um fast zehn Prozent auf nur mehr knapp mehr als 500.000 Autos eingebrochen - das ist erstmals weniger als der deutsche Premiumhersteller BMW in Europa verkauft hat.

Das Produktionsvolumen Fiats im Heimatland Italien ist in den vergangenen Jahren überhaupt um zwei Drittel geschrumpft. Während die neuen Erfolgsmodelle wie der 500 und seine Varianten im polnischen Tychy und im serbischen Kragujevac vom Band rollen, werken im kaum zur Hälfte ausgelasteten Stammwerk in Turin seit Monaten Tausende Fiat-Arbeiter in staatlich unterstützter Kurzarbeit - die seit Jahren versprochene Milliardeninvestione dort wird es wohl nur mit Chrysler-Geld geben.