Zum Hauptinhalt springen

"Hatte Angst, allein nach Hause zu gehen"

Von Alexander Maurer

Politik

Bereits im Vorfeld der Ermittlungen bei Wiener Wohnen kam es zu anonymen Drohungen gegen die Geschäftsleitung.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 7 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wien. 32 Dienstnehmer. Das sind in etwa fünf Prozent der rund 700 Mitarbeiter umfassenden Belegschaft von Wiener Wohnen. Wie die "Wiener Zeitung" berichtet hat, wird diesen 32 Bestechlichkeit im Zusammenhang mit von Unternehmen für den Gemeindewohnungsverwalter nicht oder mangelhaft erbrachten Leistungen angelastet. Die Schäden für Wiener Wohnen gehen in die Millionen. Hätte nicht früher bemerkt werden müssen, dass es intern nicht mit rechten Dingen zuging? Wurde den Mitarbeitern zu wenig auf die Finger geschaut?

"Diese Einschätzung kann ich nicht teilen", bekräftigt Wohnbaustadtrat Michael Ludwig bei der Bürgermeisterpressekonferenz im Rathaus am Dienstagvormittag. Er betont zudem die Zusammenarbeit mit den Behörden und die "Aktion scharf", die er selbst beim Lautwerden eines Korruptionsverdachtes ins Leben gerufen und die sowohl Unternehmen als auch sanierte Wohnungen genauer unter die Lupe genommen habe. Bereits damals habe er mit Konsequenzen für aufgedecktes Fehlverhalten gedroht, sagt er.

Im Büro des Wohnbaustadtrats erklärt man, dass die Liste mit den betroffenen Mitarbeitern von Wiener Wohnen erst durch die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft zugespielt wurde. Anfangs sei man hauptsächlich von Betrug durch beauftragte Unternehmen ausgegangen. Die ursprüngliche Anzeige von Wiener Wohnen richtete sich auch gegen den ehemaligen Geschäftsführer einer Glaserei- und Malereigesellschaft. Im Zuge dessen wurde ein Konstrukt von mehr als 70 Firmen aufgedeckt, die dem Gemeindeunternehmen Leistungen verrechnet hatten, die nur teilweise oder von minderer Qualität gewesen sein sollen.

Keine Schäden beibetroffenen Mietern

Den in verschiedenen Berichten kolportierten Gesamtschaden von rund 60 Millionen Euro für Wiener Wohnen kann Ludwig nicht bestätigen. "Die Höhe der Schäden kann noch gar nicht genau bemessen werden. Die bisher kursierenden Schätzungen basieren vor allem auf nicht getätigten Steuerleistungen, durch die aber nicht Wiener Wohnen, sondern die Republik geschädigt ist", so der Wohnbaustadtrat.

Ludwig bekräftigt aber, dass für die Mieter von betroffenen Gemeindewohnungen keine Gefährdungen bestünden oder auch nur der Verdacht naheliege. Viele der mangelhaft sanierten Wohnungen seien noch nicht vergeben worden und stünden leer. "Es handelt sich überdies bei den vorenthaltenen Leistungen oft um kleinere Dinge, beispielsweise, dass an Fassaden nur zwei Anstriche durchgeführt, aber die in Auftrag gegebenen drei verrechnet wurden", sagt er. Der Schaden, der Wiener Wohnen entstanden sei, bestünde oft aus einer Vielzahl an derartigen Kleinigkeiten, meint Ludwig. "Da geht es teilweise um Beträge, bei denen ich nicht nachvollziehen kann, wieso jemand seine berufliche Laufbahn dafür aufs Spiel setzen würde."

Damals gab es noch keine Beweise, dass innerhalb des Unternehmens Misswirtschaft betrieben wurde. "Ich halte es auch nicht für sinnvoll, Mitarbeiter auf Verdacht zu kündigen", erklärt Ludwig. Als Konsequenz der Ermittlungen wurden jedoch jene Mitarbeiter, die als Vertragsbedienstete beschäftigt sind, einer anderen Abteilung innerhalb des Magistrats zugewiesen. Der Bestechlichkeit beschuldigte Beamte wurden suspendiert, heißt es seitens Wiener Wohnen. Die verdächtigten Beamten seien alle im operativen Bereich tätig gewesen, es läge kein Verdacht gegen eine Führungskraft vor. "Die leitenden Mitarbeiter haben die Behörden überdies tätlich bei den Ermittlungen unterstützt", betont Ludwig. Vor allem dem derzeitigen Geschäftsführer Josef Neumayer, der Wiener Wohnen seit Ende 2011 leitet, wurde vom Wohnbaustadtrat stets der Rücken gestärkt. Er stehe auch weiterhin hinter Neumayer, betont Michael Ludwig überdies am Dienstag.

Karin Ramser, stellvertretenden Geschäftsführerin von Wiener Wohnen kam im Jahr 2012 ins Unternehmen. "Wir haben damals gleich gemerkt, dass gewisse Dinge scheinbar nicht rechtens laufen und begonnen, Material zu sammeln", schildert sie im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Anonyme Drohungengegen Geschäftsleitung

Die interne Revision, die in einer Anzeige bei der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft mündete, stieß damals schon auf großen Widerstand. Die anonymen Aktionen muteten dabei wie aus einem Krimi an. Es kam zu mehreren Anzeigen gegen Josef Neumayer, auch mit Drohungen wurde nicht gespart. "Es war damals wirklich schlimm. Man hat sich nicht mehr allein ins Parkhaus getraut, wir haben unsere gesammelten Dokumente sicherheitshalber bei Notaren hinterlegt. Ich selbst habe mich nicht mehr allein nach Hause getraut, ohne dabei zu telefonieren, damit ich im Notfall um Hilfe rufen kann, wenn etwas passiert", erinnert sich Ramser.

Nach 2012 habe es aber keine Vorfälle mehr gegeben, auch keine Betrugsfälle gegen Wiener Wohnen. Ramser führt dies vor allem auf die strengeren Kontrollen bei Wiener Wohnen zurück. "Wir haben damals aufgrund des Verdachts der Misswirtschaft das Unternehmen umstrukturiert, um unseren Mitarbeitern stärker auf die Finger schauen zu können", betont sie. Zu den Neuerungen zählten unter anderem die Einführung des Vier- beziehungsweise Sechsaugenprinzips für Entscheidungen oder dass Mitarbeiter in ihren Positionen rotieren.

Neues Seestadt-Quartierbis Herbst 2020

Ungeachtet des Skandals um Wiener Wohnen setzt die Stadt ihre Wohnbauoffensive fort, insbesondere in der sich entwickelnden Seestadt Aspern. Das bis Herbst 2020 fertiggestellte Quartier "Am Seebogen" soll 1210 Wohnungen umfassen, davon seien 860 gefördert. So würden rund 120 neue Gemeindewohnungen entstehen, betont Michael Ludwig. Er betont hierbei auch, dass das Angebot an Nahversorgung von den Seestadtbewohnern gut aufgenommen werde. "Wir haben bereits bei der Flächenwidmung auf ein größeres Einkaufszentrum verzichtet und in Abstimmung mit der Bezirksvorstehung vor allem die Erdgeschosszonen für Nahversorger eingerichtet", erklärt er. Es sei bei den Widmungen vor allem auf die Durchmischung geachtet worden. "Da gibt es strenge Regeln, damit nicht beispielsweise fünf Handygeschäfte nebeneinander aufsperren", betont Michael Ludwig.

Das neue Quartier ist auch Teil einer mehrjährigen internationalen Bauausstellung, der "IBA_Wien", die von 2020 bis 2022 stattfinden wird. Unter dem Motto "Neue soziale Quartiere" sollen Innovationen für den europäischen sozialen Wohnbau am Beispiel der Seestadt präsentiert und diskutiert werden.