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Hauptquartier der müden Krieger

Von Alexander U. Mathé aus Brüssel

Politik
Streng geheim geht es im Nato-Hauptquartier in Brüssel zu.
© © NATO

Kooperation zwischen dem Bündnis und der EU wird verstärkt.


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Brüssel. Bunkermentalität im Nato-Hauptquartier. "Sprechen Sie hier nicht über vertrauliche Informationen", steht in großen Lettern über dem Speisesaal. Der Weg dorthin beginnt draußen, vor dem grau-braunen Betonbau. Das Areal ist umzäunt und mit Stacheldraht sowie durch private Sicherheitskräfte geschützt. Nach drei Kontrollposten befindet man sich im Inneren des Gebäudes, doch das zählt nicht viel. Wehe dem, der - selbst als ausgewiesener Gast - ohne offizielle Begleitung in einem der Gänge angetroffen wird. Die sind an sich schon beklemmend genug und fallen in die Kategorien futuristisch oder lebenslänglich. Am laufenden Meter werden die Mitarbeiter daran erinnert, ihre Tastatur zu sperren, wenn sie eine Pause machen. Alles ist wahnsinnig vertraulich. Doch manches, das hier geheim gehalten wird, ist ohnedies schon längst offenkundig.

"Militärisch haben wir den Krieg in Afghanistan verloren", sagt ein hochrangiger Vertreter des Militärbündnisses beim Essen. Offiziell spricht das niemand aus, doch hinter vorgehaltener Hand ist es auch in der Nato eine Gewissheit. Ob man am Hindukusch 40.000 oder 140.000 Soldaten stationiert habe, sei einerlei. Der Westen wird gehasst und bis zum letzten Blutstropfen bekämpft. Von daher ist der Abzug logisch, den die Nato bis 2014 vollziehen will. Richten sollen es die Afghanen selbst. Schon nächstes Jahr werden die regionalen Kommanden an die lokalen Behörden übergeben, ein Jahr später soll der Abzug im ganzen Land abgeschlossen sein, die Polizei und das Militär in Afghanistan die Kontrolle übernehmen.

Da sie im Gegensatz zum Westen nicht das ultimative Hassbild repräsentieren, hofft dieser, dass den Afghanen gelingt, was die Nato in elf Jahren nicht geschafft hat: das Land zu befrieden. Perfekt getimt sind die Wahlen, die ebenfalls 2014 stattfinden. Wenn erst einmal die Konvoikolonnen der Nato-Truppen aus dem Alltag der Afghanen verschwunden sind, soll mit neuer Regierung und neuem Elan ein vereintes und demokratisches Afghanistan geschaffen werden. Doch, dass das gelingt, wird vielerorts bezweifelt.

"Uns ist schon klar, dass wir in Afghanistan keine neue Schweiz aufbauen werden", heißt es bei der Nato scherzhaft. Präsident Hamid Karzai ist weit und breit der größte Hoffnungsträger des Westens, doch unter Afghanen nennt man ihn schon einmal den Bürgermeister von Kabul. Weiter als bis an die Grenzen der Hauptstadt reiche seine Macht nicht. Er und seine Regierung seien eine korrupte Bande, propagieren die Taliban mit Erfolg unter den Leuten. Beobachter fürchten ein Szenario wie im Irak, der bis heute in blutigen Kämpfen unter den Bevölkerungsgruppen versinkt. Für alle Fälle wird die Nato auch nach 2014 in Afghanistan bleiben - nicht als kämpfende Macht, sondern als Partner, wie es heißt.

Nato blickt auf weniger militärische Zukunft

Doch was kommt dann, nach dem Krieg, den die Nato militärisch nicht gewonnen hat? Das Bündnis stellt sich bereits auf neue Aufgaben ein, die auf den ersten Blick so gar nicht zu einem militärischen Zweckbündnis passen wollen. Von Entwicklungshilfe in Afrika ist die Rede, von der Kontrollierung der Migrationsflüsse und von Grüner Energie. Die Nato ist dabei, sich neu zu erfinden: vom Militärbündnis zum globalen Fürsorger. Die Zukunft der Nato, so hört man, liegt in den Bedrohungen, denen mit militärischer Abschreckung nicht beizukommen ist. Dazu gehört auch das große Thema Cyber-Krieg.

Hacker oder Regierungen, die via Internet ganze Staaten lahmlegen, sind das neue Alptraumszenario. In solchen Fällen muss schnell gehandelt werden, weshalb die Nato bereits daran tüftelt, wie ein Handlungsbeschluss der 28 Mitgliedsstaaten in einer Frage von Minuten durchgesetzt werden kann. Gehandelt soll nur auf Nachfrage werden, doch um ihre Geheimnisse in Sicherheit zu wissen, wird die Nato den Mitgliedsländern eigene Sicherheitsstandards vorschreiben.

Wenn sie in die Zukunft blickt, dann sieht die Nato mit großen Augen auf die EU. Die USA sähen beispielsweise gerne eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Nato und EU. Schon jetzt gibt es kaum ein Engagement des nordatlantischen Bündnisses, an dem nicht irgendwie auch eine EU-Einheit beteiligt wäre. Egal ob es um die Juristen-Division Eulex im Kosovo geht, oder um die Polizeiausbildner von Eupol in Afghanistan. Vor der somalischen Küste gibt es derzeit sogar zwei Missionen: die EU-Operation "Atalanta" und die Nato-Operation "Ocean Shield", an der ebenfalls EU-Staaten beteiligt sind. Überlappungen gebe es aber keine, wird versichert.

Das Interesse der Nato an einer Kooperation mit der EU hat in Zeiten der Wirtschaftskrise auch finanzielle Gründe. "Die EU hat Geld", erklärt ein Nato-Vertreter. Dieses Geld in Verbindung mit zivilen und militärischen Einheiten ergibt das derzeitige Schlagwort bei den Europäern: "comprehensive approach", "umfassendes Vorgehen". Zur vollen Blüte wird dieses Konzept dann wohl im neuen Nato-Hauptquartier gelangen, das derzeit in Brüssel im Bau ist. Das sieht dann weniger nach Bunker aus, was wohl auch ganz gut zu der neuen Nato passen wird. Geheim wird dann wahrscheinlich trotzdem alles sein, doch das in einem charmanteren Ambiente.