Zum Hauptinhalt springen

Hauptsache Demokratie?

Von Lisz Hirn

Gastkommentare

Das westliche Wahrzeichen zu hinterfragen, grenzt an politische Blasphemie.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 1 Jahr in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Bevor Wladimir Putin die Ukraine und damit "den" Westen angriff, schien sie hochgelobt und viel kritisiert, vor allem aber alternativlos zu sein. Die Rede ist vom westlichen Wahrzeichen Demokratie. Sie zu hinterfragen, grenzt an politische Blasphemie. Schließlich ist die ganze Welt "demokratisch"! Und wo sie es nicht mehr ist, soll sie es möglichst rasch wieder werden. Ob und wie das gelingen kann, darüber scheiden sich die Geister.

Zeit also für einen kurzen Blick zurück. Dieser zeigt, dass das Verhältnis von Philosophie und Demokratie seit jeher angespannt ist. Seit ihren Anfängen kritisiert, zweifelte schon der griechische Philosoph Platon an der Demokratie als geeigneter Herrschaftsform, um das Überleben der griechischen Polis zu sichern. Diese war zur damaligen Zeit weniger offen und progressiv, als allgemein angenommen wird. So stützte sich die Volkssouveränität der Stadtstaaten nur auf einen Teil der Bevölkerung, nämlich männliche Vollbürger. Frauen, Sklaven und Fremde durften an sich weder wählen noch politische Ämter in der Volksversammlung, im Rat der 500 oder in den Volksgerichten bekleiden.

Auch das intellektuelle Klima war angespannt. Platons Lehrer Sokrates wurde kurze Zeit nach dem Ende der gewaltsamen oligarchischen Herrschaft der 30 angeklagt und wegen Blasphemie und Verführung der Jugend verurteilt. Er habe sie Inhalte gelehrt, die die neu etablierte Demokratie zu unterminieren versucht hätten. lautete die Anklage. Statt zu flüchten oder für eine Alternativstrafe zu plädieren, akzeptierte Sokrates sein Todesurteil durch den berühmten Schierlingsbecher. Ein herber Schlag für Platon, der sich nach dem Tod seines Lehrers weniger exponierte. Er mag gefürchtet haben, ihn könnte ein ähnliches Schicksal ereilen.

Aller Ehrfurcht zum Trotz lässt sich einiges an der hehren attischen Demokratie bekritteln. Die Erfahrung, wie schnell sie durch andere Herrschaftsformen ausgetauscht werden kann, prägte die Philosophen dieser Zeit. Sokrates hielt die gewissenhafte Prüfung und Kritik der Demokratie ebenso für wesentliche Pflichten des Bürgers wie auch den Wehrdienst oder den Respekt vor dem Gesetz.

Platon überraschte die Athener in seinem Alterswerk "Nomoi" ("Gesetze") mit seinem Ansatz, dass Frauen grundsätzlich gleichberechtigt sein und an der Ausbildung der Jungbürger sowie den Symposien teilnehmen sollten. Was den Militärdienst für Frauen anging, vertrat der Philosoph einen höchst emanzipierten Ansatz. So sollten Frauen nach der Geburt ihres jüngsten Kindes bis zum 50. Lebensjahr Militärdienst absolvieren und dafür ganz selbstverständlichen Zugang zu den hohen Staatsämtern bekommen. Diese Idee setzte sich bei Platons Zeitgenossen ebenso wenig durch wie die attische Demokratie selbst.

Der demokratischen Ära in Griechenland folgten wenig später die makedonische Herrschaft unter Alexander dem Großen - bekanntlich kein großer Demokrat - und einige Jahrhunderte danach die Eingliederung ins römische Imperium. Was von damals blieb, sind Nostalgie und historische Anekdoten, zu denen wir aktuell allerorts beunruhigende Parallelen finden können.