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Die ägyptische Sexualtherapeutin Heba Kotb über das Tabuthema Sex im arabischen Raum, fehlende westliche Werte - und warum sie Homosexualität für therapierbar hält
Wiener Zeitung: Frau Kotb, Sie sind gläubig, tragen ein Kopftuch und sprechen über vorzeitigen Samenerguss und Oralsex. Wie geht das zusammen?Heba Kotb: Das geht sehr gut zusammen! Der Islam war in Sachen Sex schon immer führend. Er war die erste Religion, der Frauen das Recht zugestand, Sex zu genießen, und spricht offen alle Tabu-Themen an - die Bedeutung des Vorspiels, Zungenküsse, die Hündchen-Stellung, also jene Position, wo der Mann von hinten in die Frau eindringt, ja selbst der weibliche Orgasmus kommt zur Sprache: So ist überliefert, dass Prophet Mohammed einen seiner Gefährten anwies, man müsse beim Geschlechtsakt seine Frau so lange befriedigen, bis sie ihren Höhepunkt erreicht hat. Als die US-Wissenschaftler Masters und Johnson vor 50 Jahren über den weiblichen Orgasmus gesprochen haben, wurde das im Westen als große Entdeckung gepriesen. Der Islam predigt das aber schon sehr mehr als 1400 Jahren.
Dennoch: Über Sex so offen zu sprechen, ist ungewöhnlich im arabischen Raum. Wie reagieren die Leute auf Ihre TV-Sendung?
Ich bin überrascht, wie positiv sie reagieren. Wenn ich in den Supermarkt oder spazieren gehe, kommen die Menschen auf mich zu und bedanken sich für das, was ich ihnen gegeben habe. Das ist ein sehr befriedigendes Gefühl. Damit erfülle ich meine Mission, anderen zu helfen.
Keine negativen Erfahrungen?
Nur wenige. Meistens bekomme ich Kritik allerdings nicht direkt zu hören, sondern sie wird mir über Dritte zugetragen. So meinte zum Beispiel ein Religionsgelehrter, ich würde mit meiner Sendung zu "open sex" einladen. Und einmal fragte mich eine Bekannte irritiert: "Du bringst den Menschen bei, wie man miteinander schläft?!" Darauf meinte ich: "Ja, genau das tue ich - und ich bin stolz darauf!"
Was müssen Sie den Menschen in Sachen Sex beibringen?
Vieles. Im arabischen Raum ist das Wissen darüber gleich Null, Sex ist ein Tabuthema. Da sind wir - leider - sehr von unseret Tradition und Kultur geprägt, und das hat kaum noch etwas mit den ursprünglichen Lehren des Islam zu tun. Meine Aufgabe ist es daher, den Leuten beizubringen, wie schön, lustvoll und vor allem wie wichtig Sex ist. Da der Ehepartner die erste und einzige Quelle dafür ist, muss man darauf achten, dass es nicht langweilig wird. Deshalb sollte man regelmäßig Sex zu ungewöhnlichen Zeiten praktizieren und neue Stellungen ausprobieren - guter Sex ist die Basis für eine gute Ehe. Derzeit ist das nicht der Fall: Laut Schätzungen ist in arabischen Ländern das nichtfunktionierende Sexualleben für 80 Prozent aller Scheidungsfälle verantwortlich.
Wo liegen die Probleme?
Bei Frauen sind es oft Orgasmusschwierigkeiten. Viele wissen nichts über ihren Körper, geschweige denn über Sex - und auch nichts von ihrem Recht, Sex genießen zu dürfen. Noch immer wachsen Frauen häufig im Glauben auf, das sei etwas Schmutziges und Sache der Männer. Ein weiteres Problem ist der Vaginismus, d.h. die reflexartige Verkrampfung der Scheidenmuskulatur. Meistens hat das psychologische Ursachen: Die Frau will schlicht nicht, dass der Mann in sie eindringt. Das hat entweder mit früheren schmerzhaften Erfahrungen zu tun oder mit Schauergeschichten, die im Familien- und Freundeskreis kursieren.
Und womit kommen die Männer zu Ihnen?
Häufig gibt es Klagen über Erektionsstörungen und über vorzeitigen Samenerguss, was oft mit der kulturell bedingten Vorstellung zusammenhängt, dass Frauen keinen Spaß beim Sex haben dürfen. Auch Homosexualität ist übrigens mitunter ein Thema.
Wie meinen Sie das?
Es kommen Männer, die unter ihrer Homosexualität leiden und geheilt werden wollen.
Ist Homosexualität für Sie denn eine Krankheit?
Homosexualität ist eine Angewohnheit, eine Art von Abhängigkeit, so wie Rauchen oder Alkohol. Es hat nichts mit einer genetischen Veranlagung zu tun, niemand wird als Homosexueller geboren. Mit anderen Worten: Homosexualität ist therapierbar.
Wie schaut so eine Therapie aus?
Zunächst geht es um eine Analyse des Status Quo, wo Faktoren wie Alter, Bildungsniveau, sozialer Background und das Ausmaß der Homosexualität berücksichtigt werden. Anhand dessen designe ich eine auf den Patienten zugeschneiderte Behandlung. Neben Gesprächen, Konzentrationsübungen und manchmal auch der Verabreichung von Medikamenten spielt die Gestaltung des Freizeitprogramms eine sehr große Rolle. Nehmen wir etwa an, jemand hat die Angewohnheit, nach der Arbeit einschlägige Clubs aufzusuchen. In so einem Fall gebe ich dem Patienten die Hausübung, Tag für Tag zu versuchen, diese Gewohnheit durch eine andere zu ersetzen, zum Beispiel nach der Arbeit Tennis spielen zu gehen, anschließend ins Café und Freunde treffen usw. Es ist eine hochkomplexe Angelegenheit, jeder Fall bedarf einer ganz spezifischen Behandlung. Grundsätzlich kann man sich das Ganze als Umtrainierungsprogramm vorstellen.
Und das funktioniert?
Ja, ich habe schon viele Patienten geheilt. Eine Behandlung dauert im Schnitt neun bis zwölf Monate; dann ist die Sache aus der Welt geschafft.
In Europa würden Sie mit solchen Aussagen Proteste auslösen.
Auch in Europa hat man früher Homosexualität als Störung bzw. Fehlfunktion bezeichnet. Erst seit Mitte der 90er Jahre gilt es als etwas Normales. Wissen Sie, der Westen hat das Problem, keine absoluten Werte mehr zu haben - alles ist beliebig und austauschbar geworden. Ich aber frage mich: Wo bleiben die göttlichen, die absoluten, die für alle Ewigkeiten gültigen Werte?
Gewisse Moralvorstellungen sind aber einem Wandel ausgesetzt.
Woran halte ich mich im Zweifelsfall: an von Menschen oder an von Gott geschaffene Werte? Alle drei Weltreligionen sind gegen Homosexualität, doch der Koran verurteilt sie in besonders harscher Weise. Daher hätte Gott niemals einen von Natur aus homosexuellen Menschen geschaffen.
Sehen Sie Vorteile im freien Umgang des Westens mit Sexualität?
Nein, keinen einzigen. Je mehr Beziehungen man hatte, umso schwieriger wird es, einen Partner zu finden, mit dem man sexuell harmoniert, nicht zuletzt deshalb, weil die Erwartungen steigen.
Das klingt, als hätte man im Westen andere Sexualprobleme als im Orient.
Interessanterweise nicht, unterm Strich sind es die gleichen: Orgasmusschwierigkeiten und zu wenig Lust auf Sex bei Frauen, Erektionsstörungen und vorzeitige Ejakulation bei Männern. Der einzige Unterschied besteht darin, dass der Westen überinformiert, der arabische Raum unterinformiert ist.
Was kann man tun, um das Wissensdefizit zu beheben?
Es ist hoch an der Zeit, an den Schulen endlich Sexualunterricht einzuführen. Ich hoffe, das noch zu meinen Lebzeiten zu erleben ( lacht ). Derzeit überwiegt in Ägypten aber noch die Angst. Man setzt Sexualkunde mit Unterricht zu "how to have sex" gleich.
Sollte im Sexualunterricht auch die in Ägypten verbreitete Beschneidung von Frauen ein Thema sein?
Ja, natürlich.
Sie vertreten aber die Meinung, dass sich die Beschneidung nicht auf das Sexualempfinden der Frau auswirkt.
Zunächst will ich ausdrücklich festhalten, dass ich komplett gegen die Beschneidung bin. Nur: Die Beschneidung hat - bis auf eine einzige Form, die in Ägypten jedoch nicht praktiziert wird - tatsächlich keinen Zusammenhang mit dem Bedürfnis nach Sexualkontakt sowie der Fähigkeit, Befriedigung zu empfinden oder zum Höhepunkt zu kommen. Sie werden lachen, aber ich habe sogar männliche Patienten, die sich über die exzessive Libido ihrer beschnittenen Frau beklagen.
Unter Ihren Patientinnen gibt es also keine Frauen, die gar keine oder zu wenig Lust auf Sex haben?
Im Gegenteil, viele suchen mich auf und sagen: "Ich bin frigide, was kann ich dagegen tun?" Ich antworte ihnen: "Seid bitte ruhig, das ist mein und nicht euer Geschäft, zu bestimmen, ob ihr frigide seid." Die Krux ist, dass das Gros der beschnittenen Frauen den Standpunkt, keinen Orgasmus erreichen zu können, verinnerlicht hat, weil sie es ständig von allen Seiten zu hören bekommen. Dabei ist die Angelegenheit einfach und schnell zu lösen: Ich bringe der Frau und ihrem Mann bei, wo sich ihre sensiblen Punkte befinden und wie man diese mittels Massage stimulieren kann.
Wie viel Wissenschaft liegt dem noch zugrunde?
Das ist Wissenschaft! Ich bin mir aber bewusst, dass ich damit der Meinung westlicher Wissenschaftler zuwiderlaufe. Nur, das mit der Wissenschaft ist halt so eine Sache; das ist wie mit grünem Tee: Heute lesen Sie in dem einen Fachmagazin, wie gesund grüner Tee sei, am nächsten Tag erscheint ein anderer medizinischer Bericht, der behauptet: Vorsicht, grüner Tee ist krebserregend! Wissenschaft ist immer fragwürdig.
Ein anderes Thema: Aufgrund ökonomischer Zwänge ist das durchschnittliche Heiratsalter stark gestiegen, viele Ägypter können sich eine Heirat erst spät leisten. Wie soll man bis dahin mit seinen sexuellen Bedürfnissen umgehen?
Masturbation ist die Lösung. Man muss allerdings darauf achten, dass ein gewisses Maß nicht überschritten wird. Das ist schädlich - wie übrigens auch ein Zuwenig an Masturbation ungesund ist.
Selbstbefriedigung wird doch überall scheel beäugt.
Schon, nur wenn ich vor der Wahl stehe: vorehelicher Sex oder Masturbation, wähle ich logischerweise Masturbation. Es ist das kleinere Übel.
Welcher Schicht muss man in Ägypten eigentlich angehören, um offen über Selbstbefriedigung und ähnliche Themen reden zu können?
Das hat sich sehr geändert. Als ich vor sechs Jahren meine Klinik in Kairo eröffnet habe, waren es meistens junge Upperclass-Pärchen. Heute geht das quer durch alle Schichten und Altersklassen. Mein bisher ältester Patient war 72 Jahre alt. Er und seine Frau wollten ihr Sexleben wieder in Schwung bringen.
Und das Geschäft läuft gut?
Jetzt schon. Ich bin auf Monate hinaus ausgebucht, Patienten reisen sogar aus Europa und den USA an. Zu Beginn war es jedoch ein Desaster, pro Woche kam ich nur auf ein bis zwei Patienten.
Ihre Patienten sind Muslime?
Es kommen auch Christen. In Ägypten unterscheiden sich die Probleme der Muslime nicht von jenen der Christen. Beide sind in ihrem Umgang mit Sexualität stark von althergebrachten Traditionen beeinflusst; das, was die Religion sagt, steht im Hintergrund. Theoretisch gibt es aber sehr wohl einen grundlegenden Unterschied: Im Christentum dient Sexualität der Fortpflanzung, im Islam hingegen spielt auch der Lustfaktor eine große Rolle.
Unverheiratete Paare behandeln Sie aber nicht.
So ist es. Ich bewege mich ausschließlich innerhalb des religiösen Rahmens.
Das heißt, Sie verlangen, dass bei der Erstbehandlung ein Ehezeugnis vorgelegt wird?
Jetzt hören Sie aber auf, so einen Kontrollwahn habe ich auch wieder nicht! Außerdem würde sich ein unverheiratetes Paar gar nicht zu mir trauen. Die wissen, welche Regeln bei mir gelten.
Regeln sind das eine, die Realität ist das andere. De facto läuft in Ägypten vieles außerhalb der religiösen Vorschriften ab, man macht es eben heimlich.
Das stimmt. Es gibt eine sehr große Kluft zwischen dem, was der Islam sagt, und dem, was die Muslime tun.
. . . etwa, dass vorehelicher Sex bei Männern akzeptiert ist, Frauen hingegen mit schlimmen Konsequenzen rechnen müssen.
Das ist korrekt. Hielte man sich an den wahren Islam, wäre das nicht der Fall. Es herrscht die absolute Gleichberechtigung. Ein Beispiel: Auf Ehebruch steht für beide Geschlechter dieselbe Strafe, obwohl Männer wegen ihres höheren Testosteron-Spiegels im Schnitt einen zehn- bis zwanzigfach größeren Sexualtrieb als Frauen haben und damit von Natur aus gefährdeter sind, fremdzugehen.
Was hat das mit Gleichberechtigung zu tun?
Da Männer einem größeren Risiko ausgesetzt sind, außerehelichen Sex zu begehen, sollten sie - streng genommen - milder be-straft werden als Frauen.
Daraus folgern Sie, dass Frauen bevorzugt behandelt werden.
Ich will sagen, dass Frauen und Männer im Islam gleichberechtigt sind. Ich habe in meiner Religion alle Rechte und kann tun und lassen, was ich will. Nicht nur das, ich habe geradezu das Gefühl, verhätschelt zu werden.
Verhätschelt dadurch, dass es für eine Frau ungleich schwieriger ist, sich scheiden zu lassen oder dass vor Gericht die Zeugenaussage von zwei Frauen der Aussage eines Mannes entspricht?
Eine Scheidung durchzubringen, ist für Frauen in der Tat mühselig und demütigend. Ginge es nach den Lehren des Islam, wäre dies nicht der Fall: Man könnte etwa im Ehevertrag ein spezifisches Procedere fixieren, wie im Scheidungsfall vorgegangen werden soll. Der Regelung mit den Zeugenaussagen wiederum liegt schon eine gewisse Logik zugrunde. In der Realität ist es nun einmal so, dass Männer eher überlegt und bedachtsam handeln, während Frauen überhastet und emotional vorgehen. Wie oft kommt es vor, dass eine Frau heute etwas sagt und am nächsten Tag ihre Entscheidung bitter bereut. Damit will ich nicht sagen, dass das etwas Schlechtes ist! Es beweist lediglich, dass Frauen aufgrund ihres Doppeleinsatzes durch Job und Familie überlastet sind und weit mehr Verantwortung zu tragen haben als Männer.
Mit Verlaub, das hört sich nach Klischee an.
Natürlich gibt es Ausnahmen, aber generell ist es schon so, wie ich gesagt habe. Ich selbst nehme mich davon auch nicht aus: Ich habe drei Kinder, meinen Job in der Klinik und auf der Uni. Erlauben Sie mir an dieser Stelle eine Gegenfrage: Weshalb konzentriert man sich im Westen immer auf die eine Seite der Medaille, warum schaut man sich nie die andere an, warum spricht man nie über die Vorteile der Frauen?
Zum Beispiel?
Gemäß meiner Religion müsste ich weder putzen noch kochen oder - selbst wenn ich um das Dreifache mehr verdiente als mein Mann - keinen einzigen Groschen für den gemeinsamen Haushalt beisteuern! Warum habe ich an dieser Stelle aber noch nie gehört: Arme Männer, ihr werdet im Islam unterdrückt, warum wehrt ihr euch nicht?!
Im Schnitt geben Sie monatlich 20 Interviews. Welche Frage können Sie nicht mehr hören?
Ehrlich gesagt, bin ich schon von allen genervt (lacht).
Heba Kotb ist die einzige Sexologin in der arabischen Welt und bietet mit ihrer populären Aufklärungsshow "Big Talk" in einem privaten ägyptischen TV-Sender Stoff für viele Diskussionen. Allwöchentlich behandelt sie Tabu-Themen wie Potenzprobleme, Oralsex oder Selbstbefriedigung und stellt sich den Fragen der Zuschauer. Eine revolutionäre Sache in Ägypten, wo Sexualität im öffentlichen Diskurs bisher totgeschwiegen wurde. Bei ihrer Beratung hält sich die 39-Jährige streng an die Lehren des Islam, Ratschläge werden mit koranischen Versen und exemplarischen Aussprüchen und Taten des Propheten Mohammed untermauert.Die Mehrheit der Zuseher ist Kotb positiv gesonnen, Kritiker gibt es jedoch allemal: Den Konservativen ist sie zu liberal, den Liberalen zu konservativ. Letztere bekritteln, dass Kotb konsequent jene Themen ausspare, die im Islam verboten sind, in der Realität aber passieren und der ägyptischen Gesellschaft Probleme bereiten, wie etwa uneheliche Schwangerschaften. Andere bemängeln, sie habe sich dem Trend verschrieben, alles durch die Brille des Islam zu interpretieren. Ursprünglich strebte die mit einem Augenarzt verheiratete Ägypterin eine Laufbahn als Chirurgin an. Nach der Geburt von drei Kindern hielt Kotb diesen Wunsch für unvereinbar mit ihren familiären Pflichten und beschloss, Sexualtherapeutin zu werden. Mangels entsprechender Ausbildungsstätten im arabischen Raum absolvierte sie ihr Doktoratsstudium zum Thema "Sexualität im Islam" an der Maimonides University in Florida (USA). Vor sechs Jahren eröffnete Kotb ihre Klinik in Kairo.
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