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"Heidi-Klumisierung der Politik"

Von Thomas Seifert

Politik

Darf man "Mutti Merkel" sagen? "Ja", sagt Bestseller-Autorin Eva Menasse.


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"Wiener Zeitung": In Deutschland enthalten griffige Schlagzeilen, die über Angela-Merkel-Geschichten prangen, das Wort: "Mutti". Erstens: Trifft es das?Eva Menasse: "Mutti" trifft es nicht so gut, finde ich. Ursula März hat vor kurzem in der "Zeit" geschrieben, dass Angela Merkel die Rolle einer deutschen Queen Elizabeth ausfüllt. Sie ist für die Menschen offenbar eine Repräsentations- und Identifikationsfigur für Deutschland. Aber ich finde, Merkel ist eher "Frau Tante Deutschland", weniger "Mutti". Sie ist ja ist nicht sehr mütterlich, sondern eher kalt. Kalt, aber verlässlich.

Zweitens: "Mutti Merkel": Darf man das denn sagen, ist das überhaupt politisch korrekt?

Wenn man zu jemanden wie Angela Merkel nicht mehr scherzhaft Mutti sagen darf, dann sollten wir das Sprechen über Politik grundsätzlich einstellen.

Europa stellt - einmal mehr - die "deutsche Frage": Wie viel Deutschland braucht Europa, wie viel Deutschland verträgt Europa? Und wie geht Deutschland mit dieser Führungsrolle um?

Angela Merkel ist so etwas wie die deutsche Version von Wolfgang Schüssel. Durchwursteln, durchverwalten und dazu schweigen. Deutschland hat sich diese Führungsrolle in Europa nicht ausgesucht. Das Land kann sie aus historischen Gründen auch nicht annehmen. Deutschland in Europa, das erinnert mich immer an diese Elefanten-Szene in Walt Disneys Zeichentrick-Verfilmung vom "Dschungelbuch". Der Oberelefant schließt die Augen, dreht sich um und sagt: "Freiwillige vor!" - und alle treten einen Schritt zurück. Bis auf den dümmsten Elefanten, der sich plötzlich in der ersten Reihe wiederfindet, ohne dass er einen Schritt nach vor gemacht hätte. Deutschland ist wie das Elefanten-Dummerl: Ist niemand anderer da, der die Führungsrolle übernehmen könnte. Das Tragische ist: Es gibt keine großen Ideen, es gibt keinen Schwung für irgendetwas Neues. Also schleppt man sich von Tag zu Tag und entscheidet nur, was nicht mehr länger aufschiebbar ist.

Man könnte formulieren: Merkel hat als europäische Politikerin nur gerade so viel getan, dass der Euro nicht kollabiert. Als deutsche Kanzlerin hat sie gerade so wenig getan, dass die Deutschen ihr noch folgen.

Ich kann auch nicht sagen, an welcher Stelle Merkel es hätte besser machen können. Dazu sind wir alle einfach nicht nah genug an Entscheidungsprozessen. Was aber ein Problem ist: der behauptete Zwang zum blitzschnellen Reagieren, den die Märkte zu diktieren scheinen. Plötzlich geht die Börse in den Keller, zwar weiß noch niemand genau, warum, aber alle müssen hektisch zusammeneilen und irgendetwas beschließen. Damit Handeln suggeriert wird. Und diese Leute, die da zusammengesessen sind, geben nachher durchaus zu, dass sie nicht immer gewusst haben, ob ihre Handlungen richtig waren.

"Am deutschen Wesen soll Europa genesen." Das schien manchesmal das Motto Deutschland in der Zeit der Eurokrise.

Was man der Regierung Merkel vor allem vorwerfen muss: Sie ist nicht mutig genug, von den Deutschen Opfer zu verlangen. Während in Griechenland, Spanien und Portugal ganze Generationen in den Abgrund taumeln, sitzen wir hier auf unseren Bankguthaben und zittern uns von einem Tag zum anderen. Was ich mir von einem Regierungswechsel wünschen würde, wäre mehr Solidarität in Europa, auch wenn das etwas idealistisch und träumerisch klingt. Das gilt übrigens auch für die Österreicher. Man möchte den Menschen zurufen: "Ihr seid immer noch so unglaublich reich! Wenn ihr in Europa in Frieden und halbwegs stabilen Verhältnissen leben wollt, dann müsst ihr den anderen helfen, ihnen von eurem Wohlstand mehr abgeben."

Hat sich die europäische Sozialdemokratie darum nicht auch herumgedrückt?

Was Griechenland und Spanien betrifft, hat die SPD gesagt, dass es eines höheren Grads an europäischer Solidarität bedarf.

Sie engagieren sich für die SPD und für ihren Kandidaten Peer Steinbrück. Wenn man die deutschen Medien verfolgt, dann bekommt man den Eindruck, dass Peer Steinbrück ein tollpatschig-peinlicher Fettnäpfchen-Tapser ist.

Was Peer Steinbrück betrifft, gibt es eine antidemokratische, gefährliche und zutiefst beunruhigende Medien-Konvergenz in Deutschland. Da wurde von Anfang an, wie Axel Hacke so schön geschrieben hat, das große Oratorium vom Fettnapf angestimmt. Das wird seither selbstverliebt wiederholt wie eine kaputte Schallplatte, obwohl es in keiner Weise gerechtfertigt ist. Die Medienberichterstattung über Politik ist total apolitisch geworden. Es geht nicht mehr darum: Was wollen die eigentlich? Was steht eigentlich in den Wahlprogrammen? Worin unterscheiden sie sich? Es geht nur mehr um die Oberfläche und um Performance. Eine Heidi-Klumisierung der Politik. Angela Merkel macht deshalb eine brillante Figur, weil sie gar keine Figur macht. Sie hält den Mund und gibt die Staatsfrau. Steinbrück hat von Anfang an gewusst, er muss genau dieses Bild konterkarieren. Denn seine größte Kompetenz ist, dass er im Gegensatz zu Merkel unglaublich redegewandt ist, schlagfertig, witzig. Aber diese Fettnäpfchen-Debatte ist inzwischen ein Selbstläufer geworden.

Sie sind mit Ihrem jüngsten Roman "Quasikristalle" auf den Bestsellerlisten, sind in den vergangenen Monaten auf Lesereise durch Deutschland getourt. Wie fühlt sich dieses Land etwas mehr als einen Monat vor der Bundestagswahl an?

Die Deutschen sind demokratiepolitisch bestens erzogen. Hier gibt es kaum ressentimentgeladene Diskussionen, keine Sündenbock-Diskurse, wie ich sie aus Österreich kenne. Aber man ist sehr risikoavers, alles soll bitteschön so bleiben, wie es in den vergangenen Jahren war. Bitte ja keine Veränderungen, bitte ja nichts Neues.

Gibt es da nicht Parallelen zu Österreich?

Die gibt es. Kanzler Werner Faymann ist auch so ein Teflon-Kanzler und auch in Österreich dominieren die Beharrungskräfte.

Eva Menasse (geboren am 11. Mai 1970 in Wien) ist Schriftstellerin. Die Halbschwester des österreichischen Autors Robert Menasse ist mit dem deutschen Schriftsteller Michael Kumpfmüller verheiratet. Menasse lebt seit 2003 in Berlin, ihr 2013 erschienener Roman "Quasikristalle" wurde zum Bestseller. Menasse liest am 15. August beim Literaturfest im Museumsquartier o-töne.