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Heilung mit geklonten Stammzellen

Von Eva Stanzl

Wissen

Forscher klonen erstmals menschliche Stammzellen, daraus wird jedoch noch kein geklontes Kind geboren.


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Wien. Was möglich ist, wird gemacht. Große Hoffnungen setzt die Medizin in die Therapie mit embryonalen Stammzellen. Sie sind nicht auf eine besondere Aufgabe festgelegt und können noch zu allen Zelltypen erwachsen. Forscher wollen damit eventuell geschädigtes Gewebe in Organen ersetzen können. Bisher gibt es kaum therapeutische Anwendungen - dafür aber jede Menge weltanschauliche Diskussionen, was mit diesen Techniken erlaubt sein soll.

Bisher wurden die "Alleskönner" aus Embryonen gewonnen, die nach einer künstlichen Befruchtung übrig geblieben waren, weil sie nicht in den Mutterleib eingesetzt wurden. Das Verfahren ist ethisch umstritten, weil die Embryonen zerstört werden müssen, um die Stammzellen zu gewinnen.

US-Forscher sind nun erstmals so weit gekommen, menschliche embryonale Stammzellen durch Klonen herstellen zu können. Es müssen dabei "nur" geklonte Embryonen zerstört werden, die sich nicht zu Menschen entwickeln könnten. Künftig könnten also Therapien mit körpereigenen Stammzellen vorgenommen werden, die keine Abstoßungsreaktionen des Immunsystems auslösen würden. Das würde die Stammzell-Therapie effektiver machen.

Der Leiter der Forschungsgruppe der Oregon Health & Science University, Shoukhrat Mitalipov, erklärt, dass es sich bei den neu geschaffenen Zellen um echte Stammzellen handle, die sich zu Leber-, Herz- oder Nervenzellen ausdifferenzieren können. Von ihrer im Fachblatt "Cell" veröffentlichten Methode erhoffen sich die Mediziner Durchbrüche etwa in der Behandlung von Herzkrankheiten, Parkinson oder Querschnittslähmung. Noch seien jedoch keine Anwendungen erprobt. "Wir glauben allerdings, dass wir einen bedeutenden Schritt hin zur Schaffung der Zellen gemacht haben, die in der regenerativen Medizin verwendet werden könnten", so Mitalipov. Das Verfahren ähnelt dem Ansatz, der 1996 zur Schaffung des Klonschafs Dolly führte.

Klonen verfolgt zwei Ziele: Beim reproduktiven Klonen soll ein Wesen geboren werden. Beim therapeutischen Klonen sollen hingegen Erkrankungen geheilt werden. In beiden Fällen wird einer Körperzelle - zumeist einer leicht zugänglichen Hautzelle - der Zellkern mit dem Erbgut entfernt. Danach wird einer Eizelle ebenfalls den Zellkern entfernt. Der Hautzell-Kern wird nun in die Eizell-Hülle eingebracht und die so befüllte Eizelle mit Wachstumsfaktoren stimuliert. Es entsteht ein geklonter Embryo - also einer, der sich nicht durch die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle bildet, sondern weil die Eizelle einen neuen Kern bekommt. Der geklonte Embryo wird zerstört, um die embryonalen Stammzellen zu gewinnen, aus denen die Forscher jeden Zelltyp machen können. "Herzinfarkt-Patienten könnten nach einem Herzinfarkt neue Herzmuskelzellen bekommen, die genetisch identisch mit ihren sind", erklärt der Fachhumangenetiker Markus Hengstschläger.

Interessante Alternativen

Ebnen die Forscher den Weg, um auch Menschen klonen zu können? Mitalipov und andere Forscher sagen nein: Stammzellen klonen ist nicht Menschen klonen. "Es ist eine grundlegende Erkenntnis und der erste geklonte menschliche Embryo für die Stammzellforschung. Die Geburt eines Kindes ist es aber nicht", sagt Hengstschläger: "Reproduktives Klonen ist strikt abzulehnen."

Reproduktives Klonen von Menschen ist in westlichen Ländern verboten. Doch die Forschung steht noch vor anderen Hürden. "Es ist etwas anderes, wenn ich eine neuronale Zelle in einer Kulturschale erzeuge, indem ich Stimulanzien hinzufüge, als wenn ich einen Menschen programmiere", sagt Michael Speicher, Leiter des Instituts für Humangenetik der Medizinuniversität Graz. "Dazu müsste man es schaffen, dass die Zelle jeden Entwicklungsschritt korrekt macht, und dafür ist unser Wissensstand nicht ausreichend, das geht nicht mit einem Kniff."

Zudem muss die neue Methode erst gegen existierende Verfahren bestehen. Etwa erhielt Shinya Yamanaka den Medizin-Nobelpreis für die Rückprogrammierung von Körperzellen zu induzierten pluripotenten Stammzellen. Die besitzen die Eigenschaften embryonaler Stammzellen, lassen sich aber aus normalen Körperzellen gewinnen. Hengstschläger hat wiederum Fruchtwasser-Stammzellen identifiziert, die ein ähnlich hohes Entwicklungspotenzial haben dürften - aber ohne ethische Bedenken. "Es gibt also gute Alternativen, wo man keine Embryonen herstellen oder verbrauchen muss", sagt Hengstschläger. Nicht zuletzt könnten sowohl geklonte als auch normale Stammzellen Krebs auslösen. Es sind also noch viele Hürden zu nehmen - nicht nur zum geklonten Menschen.