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"Heimat ist ein gefährlicher Begriff"

Von Saskia Blatakes

Reflexionen

Matthias Beitl, der Direktor des Wiener Volkskundemuseums, spricht über Ausstellungen, die nicht von allen Besuchern verstanden werden, erklärt den Unterschied zwischen Heimat- und Volkskundemuseum - und verrät, warum er keine Trachten mehr trägt.


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"Wiener Zeitung": In Wahlkampfzeiten hat der Heimatbegriff Hochkonjunktur. Da packen Politiker ihre Lederhosen aus und sprechen wieder Dialekt. Aber was genau ist das eigentlich: Heimat?

Matthias Beitl: Ich war überrascht, als beim Präsidentschaftswahlkampf im letzten Jahr der Begriff Heimat sehr stark betont wurde. Das ist bei diesem Wahlkampf eher nicht der Fall gewesen. Jetzt wird vor allem über Migration geredet, die auch zum Themenkomplex Heimat gehört. Zu ihrer Frage: In der Kulturwissenschaft ist Heimat ein sehr offener und diskursiver Begriff, der sich in all seinen Varianten und Interpretationen nur schwer definieren lässt.

Für viele Menschen scheint Heimat aber etwas sehr Konkretes zu sein, das vor allem mit Abgrenzung zu tun hat.

Heimat ist ein bürgerlicher Sehnsuchtsort und eine Metapher für den Unterschied zwischen dem Eigenen und dem Fremden. In diesem Sinne ist Heimat schon ein gefährlicher Begriff. Denn gleich danach kommt der Patriotismus und Begriffe wie Leitkultur, die auch in den Debatten der letzten Wochen wieder aufgetaucht sind. Viele denken, Heimat sei etwas Statisches. Aber in Wirklichkeit sind Kultur und Identität dynamische Prozesse. Da gibt es immer Gewinner und Verlierer. Das Problem ist, dass die Politik genau diese Ängste aufgreift und instrumentalisiert. Beim Begriff Heimat ist man also schnell im eigenen Kleingarten, um den man dann eine Thujenhecke baut. Das sehe ich als großes gesellschaftliches Problem.

Wäre eine moderne, positive Version des Heimatbegriffs denkbar oder ist er per se passé?

Es ist ja oft von Werten und Wertekursen die Rede. Das ist einerseits verständlich, weil man erklären will, worum es bei uns in der Gesellschaft geht. Auf der anderen Seite ist das auch eine Form von Indoktrinierung, die Zuwanderer in eine bestimmte Rolle zwingt. Es wäre wichtig, den Menschen in Österreich wieder bewusst zu machen, in welchem Wohlstand sie eigentlich leben, wie frei sie sind und welche So- zialleistungen sie haben. Das geht in vielen Diskursen verloren. Was bleibt, ist die Meinung, dass Identität etwas mit Gewand, Ortsbildern oder einem bedrohten Sicherheitsgefühl zu tun hat. Dem muss man entgegen wirken.

Wie?

Zum Beispiel mit dem Bild der Co-Working-Spaces, das man auf Österreich übertragen könnte: alle sind Individualisten, treffen sich aber und arbeiten zusammen. Im Rahmen der Vienna Design Week hat etwa die Künstlerin Ebru Krubak bei uns eine kleine Ausstellung über ihr Projekt am Meidlinger Markt gemacht. Dort hat sie Asylwerberinnen und Asylwerbern die Frage gestellt: "Was kannst du gut?" Ich fand es faszinierend, wie man mit so einer simplen Frage auf Menschen zugehen kann. Und das aus einer Situation heraus, in der man es sich leisten kann, so ein Angebot zu machen.

Es gibt einen Spruch des bayerischen Kabarettisten Gerhard Polt: "Wo Heimat aufgehört hat, Heimat zu sein, da entsteht das Heimatmuseum." Ärgert es Sie, wenn das Volkskundemuseum für ein Heimatmuseum gehalten wird?

Das Fach europäische Ethnologie und auch dieses Museum haben schon lange das Feld des Heimatmuseums verlassen. Uns geht es um eine analytische Herangehensweise an Kultur und gesellschaftliche Prozesse.

Also ein Heimatmuseum auf der Meta-Ebene?

Kein Heimatmuseum. (Lacht.) Wenn wir Heimatmuseum sagen, kippt man sehr schnell in den eindimensionalen Heimat-Begriff. Ich würde eher von Alltagskultur sprechen. Also all das, was uns umgibt, was wir schaffen, was uns beschäftigt und wie wir interagieren. Das ist natürlich ein ex-trem weites Feld. Das Volkskundemuseum hat seit 1895 Sammlungen aufgebaut, die aus der Habsburger Monarchie stammen und eigentlich eine europaweite Sammlung sind. Sie gibt einen Überblick über das kulturelle Leben in ganz Europa.

Welche Rolle spielte dabei die Politik?

Das Volkskundemuseum unterlag immer stark den politischen Strömungen. Am Beginn stand die Idee der Völkerverständigung vor dem Hintergrund des aufkommenden Nationalismus. In den 1930er Jahren wurde dann das vermeintlich "Echte" und "Eigene" betont. Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs ging es um die Blut-und-Boden-Geschichte. Danach hat sich das Museum auf die Erforschung österreichischer Kultur konzentriert. Der Aufbau-Generation ging es dabei sehr um einen volksbildnerischen Aspekt. Später war vor allem die universitäre Loslösung von rechtskonservativen Stimmungen wichtig. In den Neunziger Jahren kam die Europäische Union dazu und damit wurden die Sammlungen im europäischen Kontext interessant und wichtig.

"Heimat machen" heißt die kommende Ausstellung des Volkskundemuseums. Was meinen Sie damit?

Es geht um den Prozess der Heimatkonstruktion in den 1930er bis 1950er Jahren. Wir zeigen, wie das Museum plötzlich zu einem wichtigen Player wird, wenn es darum geht, Heimat zum Ins-trument zu machen. Man muss sich vorstellen: In dieser Zeit gab es hier eine Trachtenberatungsstelle, die die Echtheit der Trachten mit Siegel belegt hat. Interessant ist, dass es Elemente davon auch heute noch gibt. Zum Beispiel in anderen Bundesländern, in denen es eine Landestracht gibt und entsprechende Modeschauen. Da wird es oft zu einer Frage der Haltung, ob du diese Gewänder trägst oder nicht.

Sind Trachten per se reaktionär?

Landestrachten haben einerseits romantische und selbstvergewissernde Züge. Aber es ist auch immer ein Abgrenzungsmedium, das dem Gegenüber sagt: Du trägst diese Tracht nicht und gehörst nicht dazu. Ich habe beispielsweise in meiner Jugend lange Zeit ein gebrauchtes Jägerleinen besessen und sehr oft getragen. Aber heute würde ich es nicht mehr anziehen. Da hat sich für mich etwas an der Botschaft verändert.

Wird damit ein Stück Geschichte und Tradition den Rechten überlassen?

Es war sehr positiv, dass während des Präsidentschaftswahlkampf auch andere Parteien den Heimatbegriff sozusagen geentert haben. Dahinter steckt klarerweise politische Taktik, aber ich fand es ex-trem gut, dass eine Art Gegenbewegung entstanden ist. Plötzlich kam der Begriff von einer völlig gegensätzlichen Seite. Das macht es möglich, den Begriff Heimat wieder in den Mund zu nehmen und breiter zu diskutieren. Es war sicher ein Fehler, diesen Begriff lange Zeit dem rechtskonservativen Lager zu überlassen.

Wie genau funktionierte diese Heimatkonstruktion, die Sie in der Ausstellung thematisieren?

Da gibt es zum Beispiel den "Trestererbrauch", einen Perchtentanz aus dem Pinzgau im Salzburger Land. Dieser Brauch wurde Ende der Dreißiger wiederbelebt und diente dem Austrofaschismus und später dem Nationalsozialismus als identitätsstiftendes Element. NS-Volkskundler haben Ursprungstheorien dazu gedichtet und den Tanz genutzt, um Brauchtum zu verklären und zu überhöhen. Es gab zu dieser Zeit plötzlich auch Wiener Tresterergruppen. Dabei stammt der Brauch ursprünglich aus Venedig und ist erst relativ spät zu uns gekommen.

Es geht also darum, wie etwas aufgegriffen wird und anschließend argumentiert wird, das habe es schon immer gegeben. So fixiert man Kulturräume. Im Brauchtum sagt man gerne: Was wir heute machen, gab es schon immer. Dass dazwischen möglicherweise ganz andere politische Prozesse stattgefunden haben, bleibt dann oft auf der Strecke.

Sie sind seit 2013 Direktor des Volkskundemuseums. Was hat in den letzten Jahren gut geklappt - und wo sind sie vielleicht gescheitert?

Wir wollen eine Plattform sein und eng mit der Universität zusammenarbeiten. Das Museum soll ein offener Ort sein. Dafür haben wir zum Beispiel die Passage in den dahinter liegenden Park geöffnet, das war ein kleines Symbol für die Öffnung, aber mit großer Wirkung. Ein offener Ort muss auch absolut transparent sein. Das heißt, dass Jahresberichte mit Zahlen online abrufbar sind, offene Diskussionen mit Kooperationspartnern und dem Team. Ein öffentlicher Raum, der so weit wie möglich der Öffentlichkeit zugänglich ist. Letztendlich werden wir von der öffentlichen Hand finanziert und wollen das auch entsprechend zurückgeben. Das wird jetzt vielleicht jedes Museum von sich behaupten. Aber ich sehe leider in der österreichischen Kulturpolitik ein ex-tremes Mainstreaming. Da gibt es die großen Repräsentationsorte und Backstage-Verhandlungen. Große Kritik auch an diesem Haselsteiner-Essl-Albertina-Deal.

Die Privatstiftung des Industriellen Hans Peter Haselsteiner übernahm die Kunstsammlung von Karlheinz Essl, danach ging sie in den Besitz der Albertina über. Kritisiert wurde die Verflechtung zwischen den Interessen privater Sammler und staatlichen Museen.

Ja, das war nicht transparent, weil dort niemand involviert wurde. Während man in der Direktorenkonferenz zusammensitzt, macht einer von ihnen den Deal. Das geht nicht.

Sind Sie mit den Besucherzahlen zufrieden?

Ich finde es ganz wichtig, dass Menschen ins Museum kommen - und es sind in den letzten Jahren auch viel mehr Besucher gekommen. Aber das ist nicht mein erstes Argument für ein Museum. Uns geht es darum, ein Publikum herauszufordern, und wir möchten auch, dass das Publikum uns herausfordert. Wir machen viele Experimente mit ihm. Manches wird verstanden, manches nicht. Daraus lernen wir. Ich sehe das Museum als lernende Institution.

Was wurde nicht verstanden?

Vor zwei Jahren haben wir ein Projekt gemacht, das hieß "Klimesch - das Geschäft mit den Dingen". Da sind wir mitten im Thema Alltagskultur. Hier um die Ecke war ein Haushaltswarengeschäft, dessen Besitzer in Pension gegangen ist. Das Museum war fünfzig Jahre lang Kunde gewesen. Ich habe den Ladenbesitzer um eine kleine Erinnerung gebeten - und letztendlich haben wir das ganze Geschäft übernommen. Wir haben den gesamten Bestand übernommen und in ein Ausstellungsformat gegossen. Auf einer Bühne wurde der ganze Laden ausgebreitet, ein Zwischending zwischen Museum und Geschäft. Wir haben dann eine "Ding-Akademie" gemacht, bei der über Bedürfnisse, Waren und Konsum geredet wurde. Das ist natürlich kein Programm für viele Menschen, sondern es geht eher um Interaktion. Ich muss mich eigentlich mit jeder Person eigens auseinandersetzen. Viele gehen durch und verstehen gar nicht, worum es geht. Aber ein paar verlassen das Museum mit einer veränderten Perspektive. Die Qualität des Besuchs und der Nutzung des Hauses finde ich wichtiger als die Zahl der Besucher.

Was ist aus den Plänen geworden, das Volkskundemuseum und das Völkerkundemuseum zu fusionieren?

Das Volkskundemuseum hat alleine eine Sammlung mit über 200.000 Objekten und einer riesigen historischen Fotosammlung mit 150.000 Fotografien. Durch eine Zusammenlegung wäre eines der größten Kulturmuseen Europas entstanden. Aber wir sind damals aus diesem Prozess ausgestiegen, weil nicht abzusehen war, dass dieses zukünftige Museum auch entsprechende Handlungsfreiheit hat. Diese Freiheit ist uns sehr wichtig, vor allem ist sie Voraussetzung für institutionelle und inhaltliche Aufgeschlossenheit und Flexibilität.

Sie haben vor kurzem Ihre Doktorarbeit in Europäischer Ethnologie an der Uni Wien abgeschlossen. Wie schafft man das neben einem Job als Direktor?

Erstens, weil ich sehr gute Mitarbeiter habe, die auch vor dem Hintergrund des institutionellen Prekariats irgendwie alle Unternehmer sind. Es gibt ein sehr hohes Commitment, Dinge umzusetzen und selbstverantwortlich zu handeln. Wir haben total flache Hierarchien und jede Person, die hier arbeitet, hat das Gefühl, Botschafter oder Botschafterin des Hauses zu sein. Zweitens hab ich ein Thema gewählt, das mich wirklich interessiert hat, nämlich: Wessen Mu-seum ist dieses Museum? Ich habe unser Archiv durchforstet, das sehr gut ist, und dort habe ich nachgeforscht, wie die ersten museumspolitischen Diskussionen und Reformversuche in den 1970er und 1980er Jahren ausgesehen haben. Da hat zum Beispiel einmal ein Direktor zum Streik aufgerufen, weil keine Aufseher mehr vorhanden waren. Das war kurz vor der Teilrechtsfähigkeit der Bundesmuseen. Diese Archivalien waren sehr spannend und auch sehr lehrreich für meine Arbeit hier im Haus.

Ist das Volkskundemuseum heute freier denn je?

Finanziell sieht es nicht so gut aus. In den Neunzigern hatten wir 28 Vollzeit-Stellen, heute sind es nur noch 12. Den Rest finanzieren wird über Eigenmittel. Aber inhaltlich können wir uns total frei bewegen und uns einbinden, wo wir wollen. Ich bin aus der Erfahrung heraus ein Freund kleiner Strukturen. Frei nach Leopold Kohr und dem "Ende der Großen" bin ich der Meinung, dass die großen Häuser in ihrem Drang, sich zu modernisieren, oft scheitern. Weil sie eben nicht moderner werden können, indem sie etwa Elemente des Neuen Arbeitens einführen. Sie sind statisch und hierarchisch. Die angebliche Professionalisierung ist oft eine Mogelpackung.

Stanislav Jenis (2)

Matthias Beitl wurde 1967 in Wien geboren. Er studierte Europäische Ethnologie an der Universität Wien und den Exportlehrgang an der Wirtschaftsuniversität Wien. Ab 1996 arbeitete er beim Ethnographischen Museum Schloss Kittsee und ab 2003 im Österreichischen Museum für Volkskunde. Nebenbei war er mit seiner Firma Fourcon mit Kulturprojekten tätig. Von 2007 bis 2013 war er im Vorstand des Internationalen Komitees der Museen und Sammlungen der Ethnographie (International Committee for Museums and Collections of Ethnography, ICME). Seit 2014 ist er Direktor des Volkskunde-Museums und Vizepräsident des Museumsbund Österreich. Vor kurzem wurde er an der Universität Wien mit einer Arbeit über die Geschichte des Volkskundemuseums promoviert. Die aktuelle Ausstellung "heimat: machen", zu sehen vom 18. Oktober 2017 bis 11. März 2018, befasst sich mit der Instrumentalisierung des Volkskundemuseums zu Zeiten des Austrofaschismus und Nationalsozialismus. Gezeigt wird dabei u.a., wie Volkskunde, Museum und Politik in der Produktion von "Heimat" zusammen spielen.
Saskia Blatakes,geboren 1981 in München, studierte Politikwissenschaft und arbeitet als freie Journalistin in Wien.