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Weihbischof Helmut Krätzl, der am 23. Oktober seinen 80. Geburtstag feiert, über den Aderlass für die Kirche nach 1968, unerfüllbare Forderungen der Pfarrer-Initiative, unzeitgemäße Bischofsernennungen - und seine Sorgen wegen des Priestermangels.
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"Wiener Zeitung":Herr Weihbischof Krätzl, Sie sind einer der letzten Zeitzeugen, die das Zweite Vatikanische Konzil hautnah miterlebt haben. Für Sie blieb dieses Konzil "im Sprung gehemmt". Sehen Sie irgendwelche Chancen, dass man in der römisch-katholischen Kirche einen neuen Anlauf für einen Sprung nimmt?Weihbischof Helmut Krätzl: Nicht das Konzil war im Sprung gehemmt, sondern die Kirche nachher. Beim Konzil gab es eine ungeheure Aufbruchsstimmung, vor allem durch die Ausstrahlung des damaligen Papstes Johannes XXIII. Die Euphorie war auch noch nach dem Konzil überschwänglich. Durch die Studentenrevolte des Jahres 1968 ist aber die bis dahin christlich-katholisch geschlossene Gesellschaft in Europa und Österreich zerbrochen und eine plurale Gesellschaft geworden. Die Kirche war in einer ganz neuen Situation, weil sie plötzlich nur eine unter vielen sinnstiftenden Institu-tionen war und ihre privilegierten Einflussmöglichkeiten verloren hatte.
Faktum ist, dass die Kirche seit dem Konzil statistisch auf dem absteigenden Ast ist. Aus Ihrer Sicht aber eher trotz, nicht wegen des Konzils?

Ab 1968 gab es einen Aderlass für die Kirche nach außen hin: durch Kirchenaustritte, durch Priester, die aus ihrem Amt schieden, durch den Rückgang der Gottesdienstbesuche. Die Behauptung, daran sei das Konzil schuld, ist natürlich töricht. Ich sage: Papst Johannes XXIII. hatte ein Gespür dafür, dass sich in den 1960er Jahren Wesentliches ändern wird. Er hat die Kirche durch das Konzil fit machen wollen für diese Änderungen.
Dieses Fitmachen hieß für ihn: Verheutigung/Aggiornamento und Öffnung zu anderen christlichen Kirchen, zu anderen Religionen und zur Welt überhaupt. Und das ist ihm - glaube ich - gelungen. Damit bekam die Kirche überhaupt erst die Möglichkeit, sich den neuen Herausforderungen zu stellen. Auch durch die Neudefinition der Kirche, die sich nicht mehr als allein selig machend und vor allem hierarchisch betrachtet, sondern sich als Volk Gottes sieht. Kirche sind wir alle. In dieser Gemeinschaft gibt es verschiedene Aufgaben und Ämter. Auch bei der Leitung der Kirche gilt "Gemeinschaft": die Bischöfe, in deren Mitte der Papst unverzichtbar ist - aber nicht der Papst allein leiten die Kirche.

Der Sprung wurde dadurch stark gehemmt, dass viele Gedanken des Konzils nicht weitergedacht wurden. Zum Beispiel hätte die Kollegialität der Bischöfe eine starke Aufwertung der Ortskirchen, der Bischofssynode bedeutet. In Wahrheit ist es zu einem stärkeren Zentralismus gekommen, als es das Konzil wollte.
Auch die Mitverantwortung der Laien ist nicht zum Durchbruch gekommen. Auch die Gedanken des Konzils zur verantwortlichen Elternschaft, also dass die Eltern über die Zahl ihrer Kinder selbst entscheiden sollen, hätten weitergedacht werden müssen. 1968 hat dann Papst Paul VI. in der Enzyklika "Humanae vitae" die Möglichkeit auf eine "natürliche" Empfängnisregelung eingeengt. Das war für viele eine Enttäuschung. Ähnlich war es in der Pastoral der wiederverheirateten Geschiedenen, in der gerade der jetzige Papst damals noch eine sehr fortschrittliche Haltung eingenommen hat. Auch da gab es Enttäuschungen.

Ist derzeit ein neuer Anlauf überhaupt denkbar?
Momentan habe ich starke Bedenken, ob eine Erneuerung der Kirche von oben kommen wird. Ich glaube, dass - so wie fast immer in der Geschichte - die Erneuerung von unten kommen muss. Auch vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil gab es ja schon die liturgische und die ökumenische Bewegung an der Basis, deren Ideen die Theologen und Konzilsväter dann verarbeitet haben. Und beim Konzil selber gab es in fast allen ursprünglichen Vorlagen die Stimme der alten Theologie - herausgekommen ist aber dann eine neue Theologie. Aber beim Konzil gab es eine einmalige Situation, weil der Papst wollte, dass die Kirche einen Sprung vorwärts macht - und nicht, dass man Altes wieder hervorholt.
Viele Beobachter sehen die Kirche an einer Weggabelung: Entweder geht sie den Weg zur kleinen, aber dafür sehr spirituell und glaubenstreu eingestellten Herde; oder sie geht den Weg der Reformen, die von der Tradition abweichen, und kann so vielleicht eine größere Mitgliederzahl halten. Welchen Weg schlagen Sie vor?
Weder noch. Jedenfalls soll die Kirche keine kleine, elitäre Herde werden. Es geht ja nicht vordergründig um die Kirche, sondern um die Menschen. Die Kirche hat die Aufgabe, den Menschen den Weg zu Gott bestmöglich zu eröffnen. Eine große Gefahr ist natürlich auch die völlige Anpassung an die Welt, um keine Schäfchen zu verlieren. Es geht darum, den Menschen Antworten auf ihre Fragen zu geben, und zwar im Dialog. Es geht darum, die Menschen in ihrer Lebenswelt abzuholen - auch die sogenannten Fernstehenden. Ich habe zum Beispiel vor kurzem eine Taufe gehabt und war erstaunt, wie sehr sich die Eltern, die nicht miteinander verheiratet waren, um eine würdige Tauffeier bemüht haben. Ich warne davor, Reste der Volkskirche einfach über Bord zu werfen. Die Kirche muss volksnah sein, um den Menschen zu ermöglichen, Gott nahe zu sein.
Papst Benedikt XVI. hat bei seinem jüngsten Deutschland-Besuch von einer "Entweltlichung" der Kirche gesprochen. Was, glauben Sie, hat er damit gemeint?
Er hat damit sicher gemeint, die Kirche darf sich der Welt nicht billig anpassen. Offenbar hat man das aber missverstanden, wenn behauptet wird, der Papst habe gemeint, die Kirche müsse Privilegien abgeben. Ich habe das Wort auch mit Sorge gehört: Zum einen besteht die Gefahr, "Entweltlichung" so misszuverstehen, dass sich die Kirche aus der Welt zurückziehen müsse. Das Gegenteil ist der Fall: Die Kirche und die Gläubigen müssen sich in die Welt einmischen. Und noch etwas macht mir bei "Entweltlichung" Sorge: Papst Johannes XXIII. war ein tieffrommer Mann und gleichzeitig sehr weltoffen - er hat die Welt als die Schöpfung Gottes sehr geliebt. Ich bin traurig, wenn es heute in der Kirche wieder einen Skeptizismus gegenüber der Welt gibt. Das positive Ja zur Welt, das uns das Konzil gelehrt hat, darf nicht zurückgenommen werden. Christen, die sich der Mitverantwortung für die Welt verweigern, sündigen.
Ein anderes Wort, das in der Kirche derzeit diskutiert wird, ist "Ungehorsam". Wie stehen Sie dazu?
Mich stören am "Aufruf zum Ungehorsam" der Pfarrer-Initiative zwei Dinge: Erstens hätte ich nicht zu Ungehorsam, sondern zu mehr Eigenverantwortung aufgerufen. Und zweitens werfe ich der Pfarrer-Initiative und auch anderen Bewegungen vor, dass sie das Thema "Priesterweihe für Frauen" mit anderen Themen verquicken. Papst Johannes Paul II. hat in feierlicher Weise erklärt, die Kirche habe nicht die Vollmacht, Frauen zu Priestern zu weihen. Dieses Thema ist in Rom derzeit nicht spruchreif. Wenn ich mit diesem Thema andere verquicke, laufe ich Gefahr, dass auch die anderen Themen nicht ernst genommen werden. Das ist schade, denn man müsste auch die anderen Themen behandeln: etwa die Leitung von Pfarren durch Laien, die es ja schon gibt; oder die Predigt von Laien innerhalb der Messe - die hat es in Deutschland mit römischer Erlaubnis zehn Jahre lang gegeben. Man müsste über alles der Reihe nach reden und nicht wie die Pfarrer-Initiative sagt: Alles oder nichts.
In der Frage des Kommunionempfangs für wiederverheiratete Geschiedene hat sich Erzbischof Zollitsch, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, vor dem Papst-Besuch für eine Reform ausgesprochen. Da hätte ich mir gewünscht, dass ihm andere Vorsitzende von deutschsprachigen Bischofskonferenzen zur Seite gestanden wären. Überhaupt gilt für die Bischöfe: Sie können zwar nicht gegen oder an Rom vorbei etwas unternehmen, sollen aber nach Rom gehen und dort eine Sache vertreten. Das ist eigentlich ihre Verantwortung.
Stichwort Bischöfe: Ist die Form der Bischofsbestellung in der römisch-katholischen Kirche Ihrer Meinung nach reformbedürftig?
Die Bestellung der Bischöfe ist sicher nicht zeitgemäß. Bischöfe können zwar sicher nicht durch demokratische Wahlen bestellt werden, aber eine größere Mitsprache der Ortskirche bei der Bischofsernennung ist ganz, ganz notwendig. Es gibt hier gerade in Österreich Wunden.
Sie fordern mehr Transparenz bei Bischofsernennungen?
Ja. Und Gespräche der zuständigen römischen Gremien mit den Ortskirchen. Bei der Suche nach dem Nachfolger für Kardinal Franz König gab es schon eine sehr große Befragung, wer Erzbischof von Wien werden könnte. Die erste Liste enthielt 160 Namen. Die hat der damalige Nuntius eingeschränkt und nach Rom gesandt. Zurück kam eine "heiße Liste von Kandidaten". Und über diese Liste hat der Nuntius wieder Meinungen eingeholt. Nur wusste keiner, von wem. Alles war ein großes Geheimnis. Dass Hans Hermann Groer überhaupt auf der Liste stand, war für viele erstaunlich. Offenbar war Groer in Rom durch sein Wallfahrtsprojekt Maria Roggendorf bekannt. Er hat ja auch immer wieder Bischöfe dorthin eingeladen, nicht zuletzt Karol Wojtyla, der aber nicht mehr kommen konnte, weil er Papst geworden war. So verdienstvoll das Amt eines Wallfahrtsdirektors ist: Es heißt noch nicht, dass man auch zum Erzbischof geeignet ist.
Sehen Sie in nächster Zeit Chancen auf ein stärkeres Zusammenwachsen der christlichen Kirchen?
Auch diese Frage hängt sehr stark von der kirchlichen Basis ab. Der Sprung in der Ökumene seit dem Konzil ist ungeheuer groß. Gerade in Österreich können wir auf die ökumenischen Leistungen stolz sein. Was mich traurig macht, ist die ungelöste Frage der eucharistischen Gastfreundschaft. Theologisch ist da schon viel vorgearbeitet worden. Aber katholischerseits gilt nach wie vor das Prinzip: Erst die volle Einheit, dann erst auch die Einheit am Tisch des Herrn.
Aber auch Kardinäle sehen in der Frage der gemeinsamen Eucharistie mit den Lutheranern Chancen zu einer Annäherung. An der Basis wird hier manches vorweggenommen - besonders in gemischtkonfessionellen Ehen. Wichtig ist nur, dass an der Basis die Ökumene nicht in einen Pragmatismus absinkt in dem Sinne "Es ist alles gleich", sondern dass die Kirchen in ihrer Identität, in ihrer Tradition bleiben. Das Ziel der Ökumene ist nicht eine Einheitskirche, sondern dass sich die Kirchen in ihrer Unterschiedlichkeit gegenseitig befruchten. Mir fällt das schöne Wort von der "versöhnten Verschiedenheit" ein.
Welches kirchliche Ereignis war für Sie der Höhepunkt in Ihrem nun 80-jährigen Leben?
Das ist sehr schwer zu sagen. Ich bin in der Nazi-Zeit aufgewachsen, wo es beeindruckende kirchliche Glaubenszeugnisse gab. Dann gab es die glorreichen 1950er Jahre mit einer ganz starken kirchlichen Jugendbewegung: Die Kirche war für mich sehr begeisternd. Dann gab es für mich den Glücksfall, dass ich am Zweiten Vatikanischen Konzil teilnehmen konnte. Dann erlebte ich bei meiner Arbeit in der Diözese und der Diözesansynode eine "Bekehrung" - ich war früher eher auf dem rechten Flügel. Die Ernennung zum Weihbischof war für mich das Zeichen großen Vertrauens. Ich habe die Kirche in sehr vielen Ausformungen erlebt, auch mit Enttäuschungen. Aber rückblickend sage ich das, was ich auch im Schlusskapitel meines letzten Buches schreibe: "Kirche muss immer noch mehr sein". Die Kirche ist nicht das Reich Gottes, aber sie muss ihm immer näher kommen. Und ich bin dankbar, dass ich trotz meiner Emeritierung als Weihbischof immer noch daran mitarbeiten darf - und dass mir Kardinal Christoph Schönborn das noch zutraut. Mein Hauptziel ist noch immer, den Menschen Mut zu machen.
Wie stellen Sie sich die Kirche in Österreich in zehn Jahren vor?
Sicher anders als heute. Es sind zwei Probleme, die mich sehr nachdenklich machen:
Einmal, dass ein Großteil der Jugend vor den Toren der Kirche und nicht in ihr steht. Für viele ist die Kirche in unserer Zeit nicht angekommen. Die Jugendlichen denken und reden oft völlig anders als die Kirche, vor allem auch in Fragen der Sexualmoral. Die Kirche hat das 6. Gebot oft als das wichtigste dargestellt. Die Frage der Partnerwahl hat aber für die Jugend mit Sünde oft nichts mehr zu tun, eher mit Verantwortung und Treue. Die Jugend sieht Sünden oft auf ganz anderen Ebenen: etwa auf jener der sozialen Gerechtigkeit, der Wahrhaftigkeit, des Umweltschutzes. Aus der Sicht der Jugend sagt die Kirche zu allem Nein. Oft kommt es dann zu einer unheilvollen Verquickung: Die Kirche ist gegen die Priesterweihe der Frauen, gegen die Heirat der Priester und gegen die Abtreibung, schrieb mir ein Firmling. Und weil die Kirche es sagt, muss es schon schlecht sein - auch, wenn es um den Schutz von Leben geht. Mich persönlich macht dieser Pauschalverdacht der Rückständigkeit der Kirche sehr betroffen.
Zweitens macht mir große Sorge, dass es immer weniger Priester gibt. Da hilft kein Kaschieren nach dem Motto: Es gibt weniger Gläubige, also braucht man auch weniger Priester. Und ich lasse auch das Killerargument: "Sie wollen nur den Zölibat abschaffen!" nicht gelten. Es geht um die Sakramente: ob man Eucharistie feiern, ob die Krankensalbung gespendet werden kann. Auch ein Übermaß an ausländischen Priestern im österreichischen Klerus - so wertvoll diese sind - ist nicht gut, weil sie oft ein anderes Bild von Kirche und Priesteramt mitbringen. Theologiestudenten, die sich nicht zu Priestern weihen lassen, nennen zwei Gründe dafür: die geforderte Ehelosigkeit und die Unsicherheit, wie sich die Kirche weiterentwickelt. Um die Feier der Eucharistie zu wahren, sollte man doch ernst an die Weihe von "viri probati" denken.
Ich halte es auch für falsch zu sagen: Der Priestermangel ist ein rein mitteleuropäisches Phänomen. In Lateinamerika gibt es noch viel weniger Priester. Dort gibt es Pfarren, die nur dreimal im Jahr Eucharistie feiern können. Da die Eucharistie Quelle und Höhepunkt des kirchlichen Lebens ist und die Päpste uns Bischöfe immer verpflichten, dafür Sorge zu tragen, dass am Sonntag die Eucharistie gefeiert werden kann, muss man um des Sakraments willen etwas gegen den Priestermangel tun.
Zur Person
Helmut Krätzl, geboren am 23. Oktober 1931 in Wien, zählt zu den wichtigsten Repräsentanten der römisch-katholischen Kirche in Österreich. Er empfing 1954 die Priesterweihe, erwarb Doktorate der Theologie (1959 an der Universität Wien) und des Kirchenrechts (1964 an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom) und wurde 1977 von Papst Paul VI. zum Weihbischof für die Erzdiözese Wien ernannt. Erfahrungen in der Seelsorge sammelte Krätzl als Kaplan in Baden und Pfarrer von Laa an der Thaya. Jahrzehntelang stand er dem Wiener Erzbischof, Kardinal Franz König, zur Seite, anfangs als Zeremoniär, ab 1969 als Ordinariatskanzler, schließlich ab 1981 als Generalvikar. Nach Königs Rücktritt wirkte Krätzl bis zum Amtsantritt von Erzbischof Hans Hermann Groer als Diözesanadministrator. In der Österreichischen Bischofskonferenz, der er bis zu seiner Emeritierung 2008 angehörte, war Krätzl vor allem für Schul- und Bildungsagenden zuständig.
In zahlreichen Publikationen, darunter viel gelesenen Büchern, begleitete Krätzl kritisch die Entwicklung der katholischen Kirche seit dem Zweiten Vatikanum, das er als Stenograf in der Konzilsaula miterlebt und das sein Leben geprägt hat. In seinem jüngst erschienenen Buch, "Mein Leben für eine Kirche, die den Menschen dient" (Tyrolia Verlag), schildert Krätzl unter Mitarbeit des Journalisten Josef Bruckmoser sehr offen und mit Originaltexten im Wortlaut seine Erlebnisse, zu denen auch eine Vorladung (wegen seines Buches "Im Sprung gehemmt") vor die damals, 2003, vom heutigen Papst geleitete Glaubenskongregation in Rom zählt.
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