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"Hennen" an der Macht

Von WZ-Korrespondentin Simone Schlindwein

Politik
Aus der Sicht von Sylvia Tamale fehlt es in Afrika an weiblichen Vorbildern, die in der Lage sind, junge Frauen zu inspirieren.
© schlindwein

Afrikas führende Feministin Sylvia Tamale rechnet mit Frauen in der Politik ab, die die Frauenbewegung verraten haben.


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Kampala. "Wenn Hennen erwachsen werden" hieß Sylvia Tamales erstes Buch über Frauen in der afrikanischen Politik. Sie schrieb es 1999 am Beispiel ihres Heimatlandes Uganda. Die Jus-Professorin und erste weibliche Dekanin der berühmten ugandischen Staatsuniversität Makerere gilt als eine der führenden Feministinnen des Kontinents. Mit ihrer 2011 herausgebrachten Edition "Afrikanische Sexualitäten" hat sie es über Amazon und Co. weltweit in die Schaufenster der Buchhandlungen geschafft. Doch jetzt rechnet sie knallhart ab: Allerdings nicht mit den Männern, sondern mit den "Hennen" in der Politik, die den Feminismus und dessen Ziele wie Gleichberechtigung in Afrika aus ihrer Sicht so bitter verraten haben.

An einem Samstagnachmittag sitzt Tamale in einem Amphitheater unter freiem Himmel in den Maisha-Gärten. Das Gelände mit den wundervoll angelegten Grünanlagen gehört zu Kampalas Filmschule "Maisha", ein atemberaubender Ort hoch oben auf einem Hügel über dem Victoria-See. Es weht leichter Wind, die Sonne scheint. Rund 30 Frauen und auch einige Männer sind gekommen, um den Vortrag über "Afrikas Feminismus in der Krise" anzuhören, in dem auch Tamales Heimatland alles andere als gut wegkommt.

Dabei galt Uganda in Sachen Frauen-Power in Afrika lange Zeit als Vorreiter. Als der heutige Präsident Yoweri Museveni 1986 mit einer Kalaschnikow in der Hand als Anführer einer Guerillabewegung das Land eroberte, kämpften in den Reihen der "Nationalen Widerstandsbewegung" (NRM), die bis heute als Regierungspartei das Land prägt, auch Frauen. Rebellenchef Museveni wollte nicht nur das Land von den Diktatoren befreien, sondern auch die Frauen aus dem Patriarchat - so lautet zumindest die offizielle NRM-Ideologie.

Viele weibliche Abgeordnete

In der Verfassung von 1995 ist auch festgeschrieben, dass jeder Wahlbezirk im Parlament nicht nur vom regulär gewählten Abgeordneten repräsentiert wird, sondern zusätzlich auch von einer weiblichen Vertreterin. So stellen Frauen mindestens 30 Prozent des Parlaments, konkret sind derzeit 112 der 375 Abgeordneten weiblich. Auch die Parlamentssprecherin, nach Präsident und Ministerpräsident immerhin die drittwichtigste Position im Staat, ist ebenfalls eine Frau, von Museveni ernannt. Sämtliche Parteien müssen also ganz konkret um Frauen werben, um genügend Kandidatinnen landesweit aufstellen zu können. Bis heute ist die Frauen-Liga der NRM-Partei eine der wichtigsten Machtsäulen von Musevenis Herrschaft - denn an den Wahlurnen sind ihm die weiblichen Fans nach wie vor treu ergeben, nicht zuletzt dank seiner eigenen Frau: Janet Museveni.

Tamale ist dennoch unzufrieden. "Jetzt haben wir schon 30 Prozent Frauen im Parlament und sie knien alle nieder und preisen den Präsidenten", schimpft die brillante Rednerin bei ihrem Vortrag wüst. Dann greift sie Ugandas mächtigste Frau mit Namen an: "Janet", sagt sie nur. Alle wissen, wen sie meint und worum es geht: Ugandas "First Lady" wurde nach den jüngsten Wahlen im Februar 2016 von ihrem Ehemann zur Bildungsministerin ernannt. "Ausgerechnet Bildung, dachte wohl damals jede halbwegs gebildete Frau im Land", sagt Tamale und dreht die Augen gen Himmel.

In ihren jüngst erschienenen Memoiren gibt sich Janet Museveni nämlich nicht unbedingt als intellektuelle Denkerin: Wenn sie von der Zeit des Bürgerkriegs der 1980er Jahre in Uganda schreibt, wie sie selbst allein mit den Kindern im Exil in Schweden lebte, während ihr Mann das Land eroberte, dann berichtet sie, wie sie täglich gebetet und Gott um Hilfe angerufen habe. "Sie studierte lieber die Bibel, während ich Biotechnologie büffelte", lästerte im Wahlkampf Janets größte Rivalin, Jaqueline Mbabzi, die Frau des einstigen Premierministers, der als Präsidentschaftskandidat gegen Museveni antrat. Die beiden Frauen haben sich im Exil in Schweden kennengelernt. Erst 2015 holte die tiefgläubige Janet mit 67 Jahren ihren Master nach, um anschließend mit dem Zeugnis stolz in Richtung der Fotokameras zu wedeln. Dennoch ist Janet Museveni nicht nur zu einer der "Hennen" geworden, sie hat es sogar zur "Ober-Henne" gebracht.

"Einen neuen Topf formen"

Die ugandische Quotenpolitik habe komplett versagt, urteilt Tamale. "Einfach nur die Anzahl der Frauen in der Politik zu erhöhen, hat keine Veränderung gebracht", kritisiert sie den sogenannten "liberalen Feminismus" und gibt sich dagegen als "radikale Feministin". "Wir müssen den Krug zerbrechen und neuen Ton zusammenmischen, um einen wunderschönen neuen Topf zu formen", fordert sie.

In der Geschichte Afrikas habe der Feminismus schon immer eine wichtige Rolle in der Gesellschaft gespielt - doch dies sei in Vergessenheit geraten. Der Grund: "Es sind stets die Männer, die Geschichte schreiben und aufschreiben", sagt Tamale. Über die Kriegerinnen des 18. Jahrhunderts in Nigeria oder die Frauenbewegung Ägyptens im 19. Jahrhundert sei in den Geschichtsbüchern der Welt nichts zu finden. Die Frauenbewegung in Afrika bekam erst mit der Unabhängigkeit von den Kolonialherren in den 1960er Jahren eine Stimme; eine, die neben der Gleichheit der Menschen, egal welcher Hautfarbe auch die Gleichheit der Geschlechter einforderte. Doch heute mangele es der jungen Generation afrikanischer Frauen an aktiven und lebenden Vorbildern, diagnostiziert Tamale. Wieder nennt sie "Janet" - Musevenis Frau und Bildungsministerin - als Beispiel. Sie mit Vornamen anzusprechen gehört sich in Uganda nicht, grenzt schier an Majestätsbeleidigung. First Lady wird die Mutter der First Family sonst respektvoll genannt, das hat manchmal fast royale Züge.

"Ihre Ernennung hat mich sehr pessimistisch gestimmt", sagt Tamale. Denn aus feministischer Sicht gebe es noch viel zu viele Problemfelder, die von der sexuellen Ausbeutung von Studentinnen in Ugandas Universitäten bis zu Frauen auf dem Land reichen, die nicht nur nach wie vor für den Haushalt und die Kinder sorgen, sondern auch die Felder bestellen und die Kassawa-Wurzeln auf dem Markt verkaufen, um Geld zu verdienen. Als besonders frauenfeindlich kritisiert Tamale die Politik des ugandischen Ethik-Ministers Simon Lokodo, der in seinem jüngsten Gesetz Ugandas Frauen die Länge ihrer Röcke auf "mindestens bis übers Knie" vorschrieb.

Keine der weiblichen Abgeordneten hätten im Parlament gegen diese Gesetzesvorlage mobilgemacht, sagt Tamale. "Das ist eine Schande." Gerade in Anbetracht der für Afrika außerordentlich vielen Frauen in der Politik sei das Patriarchat in Uganda nach wie vor voll ausgeprägt. "Wir stecken in einer Krise", seufzt sie.

"Aktiv Geschichte schreiben"

In den Zuschauerreihen auf den Steinstufen des Amphitheaters hocken dutzende aufstrebende "Super-Frauen". Darunter Rosebell Kagumire, Afrikas berühmteste Bloggerin, und Harriet Anena, deren Gedichte aus der Serie "Ein Land in Geburtswehen" in Ugandas Nationaltheater den Zuhörern unter die Haut gehen. "Twittert, schreibt, bloggt und erzählt eure Geschichten!", ermuntert Tamale die jungen Uganderinnen. Es sei wichtig, dass Frauen endlich aktiv Geschichte schrieben - nicht nur in Afrika, so Tamale. Da steht Anena auf, räuspert sich und trägt ihr berühmtes Gedicht "Jenseits meiner Brüste" vor. Dafür kriegt sie jede Menge Applaus.