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Herzklopfen

Von Anita Ericson

Reflexionen
© fotolia

Im Frühling, heißt es, erwachen die Gefühle. Forscher haben ganz nüchterne Erklärungen für diese Sinnesräusche.


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Endlich wieder Sonne, Wärme, Licht. Die Stimmung steigt, die Röcke der Frauen werden kürzer, die Hemden der Männer lassen Muskeln sehen. Kein Wunder, dass ausgerechnet das Frühjahr als die Jahreszeit für Verliebte gilt. Forscher begründen das freilich ganz unromantisch: Frühlingsgefühle beim Menschen entstehen durch die saisonale Veränderung verschiedener Hormone. Initialzünder ist das Melatonin, das vom Körper ausschließlich bei Dunkelheit produziert wird und das geschlechtliche Prozesse hemmt. Melatonin überträgt Veränderung von Licht und Dunkel in körpereigene Prozesse, informiert quasi die innere biologische Uhr über äußere Zeitabläufe. Im Klartext: Bei zunehmendem Licht wird weniger Melatonin produziert und die Lust auf Sex steigt, denn das Frühjahr ist für die Natur die Zeit der Fortpflanzung.

Die Frühlingsgefühle sind heute weniger stark ausgeprägt als bei unseren Vorfahren. Wir haben die Wahl, ob wir unseren erwachenden Spannungen nachgeben oder unsere Energien auf andere Betätigungsfelder lenken. Auf jeden Fall ist es ein günstiger Zeitpunkt, sich nach einer neue Liebe umzusehen, Melatonin sorgt ja auch bei potenziellen Partnern für gesteigerte Bereitschaft, sich vom anderen Geschlecht beeindrucken zu lassen.

Gut und schön, das erklärt Frühlingsgefühle ganz allgemein. Warum aber verlieben wir uns gerade in diese und nicht in jene Person? Eine ganz wichtige Rolle spielt die optische Qualität des Gegenübers, von wegen, nur die inneren Werte zählen: Bevor man überhaupt zu einem tiefer-

gehenden Gespräch kommt, muss eine gewisse äußerliche Anziehungskraft vorhanden sein. Finden wir einen Menschen attraktiv, schreiben wir ihm sofort positive Charaktereigenschaften zu. Wir halten ihn für intelligenter, humorvoller und netter, als er tatsächlich ist. Männer lassen sich übrigens mehr vom Aussehen blenden als Frauen.

Schöne Frauen oder Männer haben es jedoch nicht automatisch leichter. Es ist sogar umgekehrt! Die meisten Menschen haben nämlich längst gelernt, welche Trauben ihnen zu hoch hängen und versuchen gar nicht, an die süßesten ranzukommen. Bei der Partnersuche haben Personen, die optisch im Mittelfeld liegen, die besten Karten. Wahre Schönheit kommt im Grunde genommen ohnehin von innen: Wer sich selbst gut fühlt, positiv gestimmt und voller Zuversicht ist, wird von einem passenden Gegenüber rasch als attraktiv wahrgenommen. Leute mit gleichgültiger bis unzufriedener Grundstimmung haben da einen deutlich weiteren Weg, selbst wenn sie objektiv sogar schöner sind. Bevor der Funke richtig überschlägt, muss aber auch noch die Wellenlänge stimmen, das Gefühl, mit diesem Menschen verstehen wir uns.

Die gemeinsame Wellenlänge und die körperliche Anziehungskraft erzeugen das berühmte Kribbeln. Die Schmetterlinge im Bauch. Das Glücksgefühl. Professor Manfred Hassebrauck, Sozialpsychologe an der Uni Wuppertal, der sich seit Jahrzehnten mit dem Thema Verlieben beschäftigt, weiß aber auch, dass sich Menschen ineinander verlieben können, obwohl sie das Erregungsgefühl aus einer anderen Quelle schöpfen. Wenn zwei etwas Abenteuerliches oder Spannendes erleben, überträgt sich die Erregung, die daraus entsteht, manchmal auf die Personen - die das Gefühl dann für Verliebtsein halten. Das kann eine stressige Prüfungssituation genauso sein wie eine herausfordernde Bergtour. Die Forscher sprechen von einem Erregungstransfer. Fazit der Wissenschafter: Wer sich verlieben will, sollte aufregende Orte und Situationen aufsuchen. Und: Wir haben kein Herzklopfen, weil wir uns verlieben, sondern verlieben uns, weil wir Herzklopfen haben.

Der Rauschzustand. Aus Sicht der Naturwissenschafter ist Liebe sowieso bloß ein neurochemischer Vorgang, eine unwiderstehliche Mischung von Neurotransmitter-Signalen und hormonellen Ausschüttungen, die Lust, romantische Gefühle und soziale Bindungen auslösen. Die renommierte Anthropologin Helen Fisher von der Rutgers-Universität in New Jersey hat die Köpfe von frisch verliebten Männern und Frauen scannen lassen. Sie kommt zum Schluss, dass wir uns in drei Stufen verlieben, in der jeweils eine andere Chemie im Hirn mitspielt. Erstens die von Testosteron und Östrogen gesteuerte sexuelle Lust, zweitens die Verliebtheit, bei der eine Gruppe von Neurotransmittern wie Dopamin, Adrenalin und Serotonin dafür sorgen, dass wir in eine Art Rauschzustand verfallen, und drittens die emotionale Verbundenheit, die die rasende Verliebtheit ablöst und von den Hormonen Oxytocin und Vasopressin gesteuert wird.

Liebe ist für Naturwissenschafter wie Fisher in erster Linie Biologie. Sie spielt sich in einem relativ kleinen Teil des Gehirns ab, dort, wo das sogenannte Bauchgefühl sitzt und wo nach Drogenkonsum die Euphorie entsteht. Unruhiger Schlaf, Appetitlosigkeit, weiche Knie oder Herzrasen sind Symptome, ausgelöst von Dopamin und anderen natürlichen Stimulanzien. Dopamin macht Liebe rauschhaft, besessen, aufgeregt und begünstigt die Fixierung auf eine Person. Das Gehirn von Verliebten sieht also nicht aus wie jenes von Leuten, die andere starke Emotionen wie Angst oder Wut empfinden, sondern ist vergleichbar mit dem von Kokainschnupfern. Romantische Liebe ist ein Drang, ein Verlangen, der in primitiven Teilen des Gehirns entsteht.

In der Phase des ersten Verliebt-seins haben wir keine Chance gegen die Hormone. Wir sind kaum in der Lage abzuschätzen, ob die eben eingegangene Beziehung von Dauer sein kann. Stichwort "Liebe macht blind": Wir sind glücklich und nehmen damit positive Dinge viel eher wahr als negative - das gilt natürlich auch beim Einschätzen des neuen Partners. Wir sehen an ihm vor allem das, was wir gut finden.

Erst wenn wir aus diesem Hormontaumel herausgefunden haben, wird es ernst: Welchen Bestand kann die neue Partnerschaft haben? Die Grundsatzfrage lautet, ob sich eher die Gegensätze anziehen oder sich doch gleich und gleich besser gesellen. Spezialist Professor Hassebrauck hat dazu eine klare Antwort: Ähnlichkeit sei erheblich wichtiger und funktionaler für eine Beziehung als Gegensätzlichkeit.

Das hat drei Gründe: Erstens reduziert Ähnlichkeit Konflikte. Im Kleinen wie im Großen, egal ob es um die häusliche Ordnung im Badezimmer geht oder um die Kindererziehung. Zweitens sorgt Ähnlichkeit für angenehme Gefühle. Schätzt der Partner die Dinge, die ich mag, muss ich keinen Spagat machen, keine Kompromisse eingehen - was Mühe kostet. Drittens gibt Ähnlichkeit Sicherheit. Teilt mein Partner meine Überzeugungen, fühle ich mich bestätigt, richtig zu liegen. Zwar gibt es auch dauerhafte Beziehungen ganz konträrer Menschen, doch sind diese höchst selten, wenngleich vielleicht auffälliger.

Dauerhaft. Eine funktionierende Beziehung ruht auf mehreren Säulen: Die emotionale Nähe, die Intimität, das Sich-Gedanken-Machen-Wollen über den anderen. Der Gleichklang, die Gemeinsamkeit, die geteilten Hobbys und gleichen Wertvorstellungen. Die Unabhängigkeit voneinander, das vertrauensvolle Gewähren von persönlichen Freiräumen, um sich und dem anderen Zeit für sich selbst zu geben. Der Sex, ohne den eine Beziehung nur dann funktioniert, wenn er von beiden nicht gebraucht wird, eine eher unwahrscheinliche Konstellation.

Nach der ersten Phase der rausch-ähnlichen Liebe hat man ungefähr zwei bis drei Jahre Zeit, um eine stabile Partnerschaft auf diesen Säulen aufzubauen. Nach dieser Anfangszeit sind die Reize verflacht und die Verliebtheit abgenützt. Die erregenden Jahre sind vorbei und die Intensität nimmt ab. Aus der großen, flammenden Liebe ist ein beständiges Kerzenlicht geworden. Von wegen verflixtes siebentes Jahr!

Das Geheimnis, das ekstatische Verliebt-Sein in eine glückliche, dauerhafte Liebe zu überführen, ist einmal das Bewusstsein, dass das Nachlassen der Leidenschaft nichts Schlimmes ist. Im Gegenteil: Auf lange Jahre gesehen wäre die Achterbahnreise der Emotionen wohl schwer auszuhalten, auf die uns die Hormone da schicken. Zudem sollte man nie davon ausgehen, den Seelenpartner gefunden zu haben, mit dem praktisch alles von alleine läuft. Wir sollten immer bereit und flexibel sein, auf den anderen einzugehen - solange wir uns um den Partner bemühen, haben wir die echte Chance auf dauerhaftes Liebesglück.