Zum Hauptinhalt springen

Hilflos in der Leere des Weltraums

Von David Ignatius

Kommentare

China will das All erobern und plant eine Mission zum Mars - die Vereinigten Staaten haben diesen Traum aufgegeben.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 10 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

"Ich hasse den Weltraum", sagt die Figur, die im Film "Gravity" (Schwerkraft) von Sandra Bullock gespielt wird, und es ist verständlich warum: Es handelt sich um unendliche Leere, angefüllt mit Wrackteilen aufgegebener Satelliten und verlassener Raumstationen - ein schön anzuschauendes Nichts, in dem Menschen hilflos dahintreiben und beten, irgendwie nach Hause zu kommen.

In Filmen werden Momentaufnahmen unserer Kultur herauskristallisiert und "Gravity" könnte der kennzeichnende Film für das Im-Weltraum-verloren-Jahr 2013 sein: Nichts funktioniert, unser politisches System ist mit Trümmern verstopft, wir können die Bedienungsanleitungen nicht verstehen, weil sie auf Chinesisch verfasst sind. Wenn wir glauben, Hilfe kommt, halluzinieren wir wahrscheinlich aus Sauerstoffmangel.

Ich möchte nicht verraten, was mit Bullock und den anderen Charakteren in Alfonso Cuarons fantastischem Film geschieht, aber lassen Sie mich die dunkle Vision, die dieser Film so gut einfängt, untersuchen, das schreckliche Gefühl, ohne jeden Halt im Kosmos zu treiben und verzweifelt Zuflucht bei Hilfssystemen zu suchen, die versagen, eines nach dem anderen. Die Astronauten rufen fortwährend Houston, aber die beruhigende Stimme, die die Weltraumreisenden in "Apollo 13" nach Hause brachte, ist nicht da. "Gravity" ist ein geschwätziger Film, aber wie A. O. Scott in der "New York Times" dazu bemerkte, versuchen die schwatzhaften Charaktere lediglich, die schreckliche Stille zu füllen. Das ist wie fernsehen, während die US-Regierung pleitegeht. Keiner der Experten hat eine Ahnung, was vor sich geht, aber sie hören nicht auf zu plappern.

Um den Unterschied, den "Gravity" markiert, zu verstehen, vergleichen Sie ihn mit einem anderen Kultfilm über den Kosmos, Stanley Kubricks "2001: A Space Odyssey" aus dem Jahr 1968. Auch in diesem Film geht es um das Verlorensein im Weltall. Ein Astronaut treibt außerhalb seiner Raumkapsel in der Dunkelheit des Alls, aber er wird in eine kosmische Apotheose gezogen, eine Fabel von Wiedergeburt und ewigem Leben. Ein Jahr später landete Neil Armstrong auf dem Mond. Auf der Erde fühlte sich alles ziemlich verrückt an, aber das Weltall war ein freundlicher Ort. Weltraumfahrer kamen wieder heim.

2013 ist die Welt anders. Die Vereinigten Staaten nehmen bemannte Weltraumprogramme nicht einmal mehr in Angriff. Sie sind zu teuer. Unter den Opfern der Stilllegung der US-Regierung sind viele der weltweit größten Radioteleskope. Das einzige forsch betriebene Weltraumprogramm ist - nicht überraschend - das Chinas. Die Chinesen planen eine bemannte Mission zum Mond und anschließend zum Mars. Die USA haben diesen Traum aufgegeben.

Bilder fangen mitunter besondere historische Perioden ein. Das unerreichbare grüne Licht in "The Great Gatsby" wurde zum Symbol für die Sehnsüchte der USA in den 1920er Jahren. Hilflos durchs All zu stürzen, ist vielleicht, wie wir uns an das Leben im Oktober 2013 erinnern werden.

Übersetzung: Redaktion