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Hintergrund: Zeitenwende in London

Von Dieter Ebeling

Politik

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Der Zeiger von Big Ben näherte sich der Geisterstunde, die Stimmung im Palast von Westminster war düster, eine Zeitenwende nahm ihren Lauf: Nach rund 700 Jahren nahm der britische Erb-Adel im

Oberhaus Abschied von der Politik. Eine Epoche ging zu Ende.

"Es ist Zeit, Ihnen Dankeschön und Aufwiedersehen zu sagen", meinte Lady Jay bündig, die als Tochter des früheren Premierministers Jim Callaghan eigentlich altem Labour-Adel entspringt und derzeit

als Labour-Fraktionsvorsitzende im House of Lords die Interessen der Regierung von Tony Blair vertritt.

Lord Strathclyde, ihr konservatives Gegenüber, hatte sich Worte zurecht gelegt, die schon eher für die Geschichtsbücher gedacht waren: "Die Geschichte ist erzählt. Die Vergangenheit ist vorbei. Das

Glas ist zerbrochen und kann nicht wieder repariert werden. Der Premierminister hat ein Messer genommen und dem Gesicht der Geschichte eine riesige Narbe zugefügt."

Stundenlang hatten die Lords und Ladies noch einmal über den Gesetzentwurf der Regierung debattiert, mit dem die Labour-Regierung Blairs den Erb-Adel politisch entmachtet, dessen "eingebaute"

konservative Mehrheit sie nicht nur als störend, sondern auch als undemokratisch empfindet. Von den 646 Erb-Lords sollen nur noch 92 übrig bleiben - gewählt vom Oberhaus, dem derzeit außerdem noch

541 Lord auf Lebenszeit angehören, darunter alleine 171 auf Vorschlag Blairs seit seinem Wahlsieg im Mai 1997 ernannte.

Lord Cranborne war von der konservativen Parteiführung als Fraktionschef im Oberhaus entlassen worden, nachdem er mit Labour eine Übergangsregelung ausgeküngelt hatte, die im Gegenzug zur

Stimmenthaltung der 471 konservativen Lords die Beibehaltung von wenigstens 92 Erb-Adeligen vorsah. Aber ob das Unterhaus, dessen große Labour-Mehrheit eigentlich den Erb-Adel sofort und endgültig

entmachten will, dieses Gentlemen's Agreement auch respektieren wird, bleibt abzuwarten. "Ich vertraue dieser Regierung nicht so weit, wie ich spucken kann. Und das ist nicht sehr weit", sagte er

bitter.

Ob denn nun eine demokratischere zweite Kammer entsteht, ist völlig unklar. Denn dass die Regierung die Mitglieder des künftigen Oberhauses wählen lässt, ist noch keineswegs ausgemacht. Die erst 1958

eingeführte Möglichkeit, Lords auf Lebenszeit zu ernennen, würde, wenn man daran nichts ändert, dazu führen, dass ein ausschließlich von den jeweiligen Regierungen "ernanntes" Oberhaus entstünde.

Also nur noch "Tonys Spezis" (Tony's Cronies), wie manche Erb-Lords bereits höhnen?

Lord Longford (94) wollte nicht einsehen, dass irgendwann dann doch die Redezeit vorbei war, andere ältere Herrschaften legten Notizen, die sie sich für ihre erste und letzte Rede in einem Haus

gemacht hatten, in dem sie jahrelang nicht das Wort ergriffen hatten, wiederum und endgültig ungesagt beiseite. So wird also Graf Burford (34) in die Geschichtsbücher eingehen, der · obwohl nicht

einmal Mitglied des Oberhauses · auf den sakrosankten Wollsack-Sitz des Lordkanzlers (Vorsitzenden) sprang und wild gestikulierend die Regierung Blair des "Verrats" beschuldigte. Burford, Nachfahre

von König Charles II., der 1684 einen unehelichen Sohn aus seinem Verhältnis mit der Orangenverkäuferin Nell Gwyn adelte, wurde aus dem Haus entfernt.