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Hippotherapie: Positive Effekte auf den Körper und den Geist

Von Walther Rosenberg

Wissen

Stefan war einer jener Schüler, die ihren Lehrern den letzten Nerv rauben. Der hyperaktive Bub sprang mitten in der Stunde auf und lief aus dem Klassenzimmer. Ermahnungen ignorierte er. Zwischen ihm und seiner Umwelt schien keine Kommunikation möglich. Bei einem Schulausflug in eine Reitschule stieg Stefan zum ersten Mal auf ein Pferd - mit verblüffendem Ergebnis: Plötzlich habe er gehorcht, erinnert sich sein ehemaliger Lehrer. Der Kontakt mit dem Tier schien etwas in dem Kind bewegt zu haben.


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Stefans Fall ist nach Ansicht von Experten ein Beispiel für die positiven Wirkungen, die der Umgang mit Pferden auf Körper und Geist von Menschen haben kann. Um dieses und ähnliche Phänomene ging es vergangene Woche in Mannheim beim ersten deutschen Fachkongress zum Thema Hippotherapie).

Fachleute stellten dabei neue Forschungsergebnisse und Anwendungsmöglichkeiten vor. Schirmherr der zweitägigen Tagung war der ehemalige Weltmeister im Springreiten, Norbert Koof, der seit einem Reitunfall 1994 selbst im Rollstuhl sitzt.

"Unser Ziel ist es, die Vorzüge des therapeutischen Reitens einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen", sagte die leitende Hippotherapeutin am Klinikum Bad Wildbad, Renate Frey. Die "tierische" Therapieform sei immer noch viel zu wenig bekannt, obwohl ihr Nutzen wissenschaftlich schon lange belegt sei.

Bei der Hippotherapie reagiert der Patient als Reiter passiv auf die Bewegung des Pferdes. Die Methode eignet sich nach Untersuchungen der Universität Witten/Herdecke besonders für die Bekämpfung von Erkrankungen des zentralen Nervensystems wie Multipler Sklerose, Hirnschädigungen mit spastischen Lähmungen, Rückenmarksverletzungen oder Bewegungsstörungen wie etwa nach einem Schlaganfall.

Das "Pferd als Therapeut" überträgt nach Feststellung der Forscher im normalen Schritt Bewegungsimpulse, die denen des menschlichen Bewegungsablaufs verblüffend ähnlich sind. Ohne selbst gehen zu müssen, wird der Patient so an Bewegungsabläufe gewöhnt, die er eigenständig nicht erlernen könnte oder die er nach einem Unfall verlernt hat.

Die Hippotherapie sei ein "Geschenk des Himmels", sagte der an Multipler Sklerose erkrankte Fachreferent Theo Rauch bei dem Kongress. Nach der Therapie habe er für wenige Tage mit Hilfe zweier Gehstöcke wieder "normal" gehen können. "Die Muskeln sind gelockert und die Spastik weicht langsam", berichtete er.

Eine immer bedeutendere Rolle spielt das therapeutische Reiten bzw. Voltigieren aber auch in der Heilpädagogik. Dabei werden gymnastische Übungen auf dem vom Voltigierlehrer im Kreis geführten Pferd durchgeführt. Verhaltensauffällige sowie lern- und geistig behinderte Kinder entspannen sich dabei deutlich. In jüngster Zeit werden auch immer wieder Therapieerfolge bei autistischen Kindern berichtet.

Die Expertentagung fand am Rande der Weltmeisterschaft im Voltigieren (akrobatische Übungen auf dem trabenden Pferd) statt, Mitveranstalter war das Kuratorium für Therapeutisches Reiten.