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Historisches Zinstief - was bringt’s?

Von Hermann Sileitsch

Wirtschaft

Bei Krediten ist Boden praktisch erreicht.
| Zentralbank verhilft Banken zu noch billigerem Geld, will Kreditfluss ankurbeln.


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Frankfurt.

Die Eurozone hat einen neuen Tiefpunkt erreicht - zumindest was das Zinsniveau betrifft. Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hat am Donnerstag einstimmig beschlossen, das historische Tief noch einmal zu unterschreiten und den Leitzinssatz von 1,0 auf 0,75 Prozent zu senken. Die Banken innerhalb der Währungsunion kommen dadurch noch billiger an Geld.

Gleichzeitig will die EZB dafür sorgen, dass dieses in Form von Krediten an die Realwirtschaft weitergegeben wird: Daran hakt es in einigen Teilen der Eurozone. Die Banken parken bis zu 800 Milliarden Euro bei der Zentralbank, anstatt das Geld zu verborgen. Deshalb streichen die Währungshüter den Banken für dieses Geld die Zinsen, die bisher 0,25 Prozent betrugen, zur Gänze.

Börsen schließen im Minus

Die meisten Analysten hatten beide Schritte erwartet. Die Ausgangslage stellte nämlich recht eindeutige Anforderungen an die Geldpolitik: Die Sorge vor einem Teuerungsschub hat stark nachgelassen, jene vor einem Rückfall der Eurozone in die Rezession aber massiv zugenommen.

Die Märkte hatten die Senkung längst vorweggenommen, die Börsenkurse gaben nach der Zinsentscheidung sogar nach. Der Euro rutschte am Nachmittag knapp unter 1,23 Dollar. Vor der EZB-Aussendung hatte er noch leicht über 1,25 Dollar notiert.

Wie dramatisch ist dieser Schritt zu werten? Schließlich hat auch die chinesische Notenbank überraschend die Zinsen gesenkt. Die Sätze der US-Notenbank Fed, der Bank of England und Bank of Japan sind schon lange de facto auf null. Ein abgestimmtes Vorgehen habe es nicht gegeben, sagte Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank. Die Lage sei auch nicht mit 2008 zu vergleichen. Damals sei die Wirtschaft in eine tiefe Rezession gestürzt, heute bewege sich die Wachstumserwartung rund um die Nulllinie.

Was können die Niedrigzinsen überhaupt bewirken? Die Banken misstrauen einander und halten in unsicheren Zeiten üppige Cash-Reserven bei der EZB. Deshalb haben Experten Zweifel, ob das Geld in Umlauf kommt. Schließlich zahlen die Banken dank der Zinssenkung künftig noch weniger für die Drei-Jahres-Megakredite, mit denen sie mehr als eine Billion Euro erhalten haben.

Er erwarte keine dramatischen Veränderungen in der Geschäftspolitik der Banken, sagte Draghi. Die Frage, ob diese mehr Kredite, billigere Kredite vergeben werden oder schlicht eine höhere Zinsmarge einstreifen, beantwortete er nicht direkt. Viel hänge dabei von der Kreditnachfrage ab - und die ist schwach. Es mangelt eben nicht an Liquidität, sondern an Vertrauen: Solange Unternehmer an ihren Geschäftschancen zweifeln, stellen sie Investitionen zurück. Theoretisch sollten Zinssenkungen auch einen Konsumschub bewirken, weil Sparen unattraktiver wird. Allerdings sind die realen Zinsen (nominelle Zinsen abzüglich der Inflation) ohnehin seit geraumer Zeit negativ. Das heißt, dass die Guthaben der Sparer Kaufkraft einbüßen. Dennoch geben sie das Geld nicht mit beiden Händen aus.

Dass die Kreditzinsen in Österreich weiter sinken, hält Bank-Austria-Chefökonom Stefan Bruckbauer für unwahrscheinlich: Diese seien schon jetzt auf einem historischen Tief. Die Zinsen für Spareinlagen waren hingegen im Sommer 2010 niedriger als heute - da hat sich der Wettbewerb der Banken intensiviert. Sie könnten noch etwas sinken. Bruckbauer hält den EZB-Schritt für angemessen, auch wenn er sich keine allzu großen Effekte erwartet. Die Märkte hätten wohl sehr negativ reagiert, wenn die EZB nichts getan hätte.

EZB löst die Eurokrise nicht

Den Einwand von Währungsfondschefin Christine Lagarde, eine generelle Zinssenkung werde den unterschiedlichen Anforderungen von Ländern wie Deutschland und Griechenland nicht gerecht, teilt Bruckbauer nicht. "Ich vermute, sie wollte damit ausdrücken, dass eine Zinssenkung nicht das Problem der hohen Zinsen für Staatsanleihen lösen kann." Deshalb habe Lagarde für Anleihenkäufe der EZB plädiert.

Das sollten allerdings mittlerweile die Rettungsschirme EFSF und ESM übernehmen. Deren Größe sei angemessen für die Risiken, die derzeit absehbar seien, sagte Draghi - mit merklicher Betonung des Wortes derzeit. Dem Vorschlag, dass der Stabilitätsmechanismus ESM eine Banklizenz erhalten und sich (faktisch unbegrenzt) Geld bei der EZB leihen könnte, erteilte er eine klare Absage: "Es gibt nichts zu gewinnen, wenn man die Glaubwürdigkeit einer Institution zerstört, indem man sie zwingt, außerhalb ihres Mandats zu agieren."

Hingegen sei die EZB bereit, bei einer zentralen europäischen Bankenaufsicht eine größere Rolle zu spielen. Allerdings forderte Draghi selbst, die Zentralbank bedürfe dazu einer stärkeren demokratischen Legitimation.