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Hitzewelle als Dauerzustand

Von Petra Tempfer

Politik

Auch die verschärften Klimaziele der EU-Kommisson reichen nicht aus, um die Erderwärmung zu stoppen.


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Wien. Allein im Juli fielen um 38 Prozent weniger Niederschlag als im Mittel, und es gab um sieben Prozent mehr Sonnenstunden, so die vorläufige Bilanz der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (Zamg). Insgesamt registrierten die Klimatologen heuer bereits fünf außergewöhnlich warme Monate: Auf den drittwärmsten Jänner der Messgeschichte folgten der zweitwärmste April, der viertwärmste Mai und der zehnwärmste Juni. Der Juli wird sich nun laut Zamg unter die 15 wärmsten Juli-Monate der 252-jährigen Messgeschichte reihen. Die aktuelle Hitzewelle hält wahrscheinlich bis über das Wochenende an, hieß es.

Im langfristigen Vergleich ist es in Österreich schon um fast zwei Grad wärmer als 1880. Dem aktuellen Klimaschutzbericht 2018 zufolge sind Österreichs Treibhausgas-Emissionen von 2015 auf 2016 noch einmal um rund ein Prozent gestiegen und liegen bei 79,7 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten. Zwischen 2009 und 2013 sind die Emissionen zwar gesunken, seit 2013 steigen sie aber wieder kontinuierlich an.

Wärme bedeutet Energie

Global betrachtet, sind die Auswirkungen noch dramatischer. Waldbrände in Griechenland, Schweden und Kalifornien, starke Luftverschmutzung in London und ein Taifun, der am Wochenende über Japan fegte: Der Klimawandel und die Zunahme der damit verbundenen Wetterextreme sind nicht von der Hand zu weisen. Denn Wärme bedeutet Energie - und diese setzt mitunter Verheerendes in Gang.

Um dem entgegenzuwirken, hat man sich zumindest europaweit mit dem Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 zum Ziel gesetzt, die Erwärmung bis 2100 unter zwei Grad zu halten. Tut man nichts, wird die Temperatur im Jahr 2100 weltweit um durchschnittlich sechs Grad höher sein, prognostizieren Klimaexperten.

Um dieses Ziel zu erreichen, hat die EU-Kommission unterschiedliche Richtlinien erlassen. Einige davon hat EU-Energiekommissar Miguel Arias Cañete nun - angesichts der UN-Klimakonferenz in Katowice im Dezember dieses Jahres - noch einmal verschärft. So hat er die Mitgliedstaaten dazu aufgerufen, die Energieeffizienz bis 2030 statt wie bisher vorgesehen um 27 Prozent um 32,5 Prozent zu steigern, Referenzjahr ist 1990. Der Anteil der erneuerbaren Energien soll bis dahin mindestens 32 Prozent betragen. Fasst man diese beiden Ziele zusammen, würde das eine Reduktion des CO2-Ausstoßes von 1990 bis 2030 um 45 Prozent bedeuten -ursprüngliches Ziel waren 40 Prozent.

Die aktuell karenzierte Umweltministerin Elisabeth Köstinger hatte bereits im Vorfeld der EU-Ratspräsidentschaft Österreichs in der zweiten Jahreshälfte angekündigt, diese dazu nutzen zu wollen, die europäische Energieunion weiter voranzubringen. Für die neuen, strengeren Klimaziele der EU gebe es aber keinen formalen, geschweige denn einen Legislativvorschlag, ergänzt Sprecher Daniel Kosak im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Was Österreich betrifft, sei zum Beispiel das Ziel bei den erneuerbaren Energien irrelevant. "Strom kommt bei uns - dank Wasser- und Windkraft - schon jetzt zu 70 Prozent aus erneuerbaren Energien, im Energie-Gesamtmix liegt der Anteil bei 35 Prozent", sagt Kosak.

Sanierungsrate zu gering

Bei der Energieeffizienz, die vor allem den Gebäudesektor betrifft, sei die Sachlage etwas schwieriger. Da sei man bestrebt, die Sanierungsquote von derzeit einem Prozent auf zwei bis drei Prozent zu erhöhen (dieser Anteil aller Gebäude müsste pro Jahr saniert werden).

Mit der Ende Mai beschlossenen österreichischen Klima- und Energiestrategie habe sich die Bundesregierung bereits ambitionierte Ziele gesetzt, zum Beispiel, dass Strom bis 2030 gänzlich aus erneuerbaren Energien kommen soll. 2023 soll diese erstmals durch die Bundesregierung evaluiert werden. "Wir müssen daher erst einmal schauen, dass wir unsere Ziele erreichen", sagt Kosak, der für die strengeren EU-Klimaziele "keinen unmittelbaren Anpassungsbedarf" sieht.

Grundsätzlich seien diese realistisch und erreichbar, sagen dazu sowohl der Ökonom und Klimaexperte Stefan Schleicher vom Wirtschaftsforschungsinstitut als auch Adam Pawloff, Klimaexperte bei Greenpeace. Frankreich, Schweden oder Frankreich gelten in Sachen Klima als besonders engagiert, Tschechien, Polen und Ungarn als eher zurückhaltend. Der Erfolg in Deutschland steht und fällt mit dem Zeitpunkt des Kohleausstieges. Gewisse Veränderungen würden aber womöglich von der deutschen Automobilindustrie bewusst blockiert, mutmaßt Schleicher. Ohne ökosoziale Steuerreform, im Zuge derer fossile Brennstoffe besteuert werden, könne es wohl nicht funktionieren, vermutet wiederum Pawloff.

Allein - die Klimaziele der EU, sollte man sie erreichen, wären noch immer bei Weitem nicht genug, um die globale Klimaerwärmung aufzuhalten. Denn die Europäische Union ist Energiekommissar Cañete zufolge für weniger als zehn Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich. Die USA und China spielen hier eine weit größere Rolle.

"Zusammengerechnet würden die globalen Anstrengungen nicht einmal ansatzweise ausreichen, um die Erwärmung bis 2100 unter zwei Grad zu halten", sagt Pawloff. Würde man sämtliche angekündigte Maßnahmen und Ziele erfüllen, läge die Erwärmung noch immer bei etwa drei Grad. Eine Erwärmung um drei Grad gegenüber vorindustrieller Zeit würde wiederum laut einer Studie in der Zeitschrift "Nature Climate Change" bedeuten, dass sich die Fläche der europäischen Dürregebiete im Vergleich zum Referenzzeitraum von 1971 bis 2000 von 13 auf 26 Prozent verdoppeln würde. Mit Ausnahme von Teilen Skandinaviens würden die größten Dürreereignisse demnach drei- bis viermal länger dauern als bisher. Nur eine radikale Reduktion auf null Prozent CO2-Ausstoß in 20, spätestens 30 Jahren wäre laut Pawloff zielführend.

Ozeane spielen wichtige Rolle

Dazu kommt die nicht unwesentliche Rolle der Ozeane, die diese beim CO2-Haushalt der Erde spielen. "Ozeane absorbieren etwa ein Drittel des CO2, das Menschen zusätzlich durch das Verheizen fossiler Brennstoffe wie Kohle und Gas erzeugen", sagt Pawloff. Die Aufnahmefähigkeit der Ozeane sei jedoch begrenzt - und bereits am Limit.

Ein internationales Team rund um Wissenschafter der Universität Princeton im US-Bundesstaat New Jersey und dem Max Planck Institut für Chemie in Mainz kam nun zu dem Schluss, dass eine Zunahme der Aktivität des südlichen Ozeans für die Erwärmung nach der letzten Eiszeit vor 11.000 Jahre verantwortlich gewesen sein könnte. Der südliche Ozean, der die Antarktis umschließt, gelte aufgrund der dort herrschenden, besonderen Bedingungen als "Leck" der "biologischen Pumpe" der Weltmeere. Eine verstärkte Wasserzirkulation könnte dazu geführt haben, dass vermehrt CO2 in die Atmosphäre gelangte, was den Planeten erwärmte, so die Forscher in der Fachzeitschrift "Nature Geoscience". Denn Treibhausgase, zu denen CO2 zählt, absorbieren die langwellige Strahlung (Wärmestrahlung), die von der Erdoberfläche, den Wolken und der Atmosphäre selbst abgestrahlt wird.

Die aktuelle Zunahme von CO2 in der Atmosphäre könnte somit für Österreich bedeuten, dass Hitzewellen und Dürreperioden in den Sommermonaten künftig zum Dauerzustand werden; dass das, worüber heute noch als außergewöhnlich berichtet wird, zur Norm wird. Das hätte freilich auch wirtschaftliche Folgen, vor allem für die Landwirtschaft, die schon jetzt an geeigneten, trockenresistenten Sorten forscht. Noch dramatischer würde es allerdings jetzt schon trockene und heiße Regionen wie Afrika oder den Mittelmeerraum treffen. "Die nächste große Herausforderung für Europa", sagt Pawloff, "werden daher Klimaflüchtlinge sein."