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Hoffen auf moderne Zeiten

Von WZ-Korrespondentin Inna Hartwich

Politik
"Ihre Stimme ist nötig für den Sieg" heißt es auf einem Plakat für Putin in Uljanowsk.

In Lenins Geburtsstadt Uljanowsk wagt sich die Opposition aus der Deckung.


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Uljanowsk. Auf dem Holztisch steht eine Nähmaschine, unter dem Bett eine eiserne Waschschüssel. "Hier ist er geboren. Am 22. April 1870", sagt das Mütterchen im Museum. "Er", der Schüler mit der Goldmedaille, der Revolutionär, der der einstigen Zarenfestung Simbirsk an der Wolga nach seinem Tod den Namen gab: Wladimir Iljitsch Uljanow. Lenin hatte er sich genannt. Längst ist er Vergangenheit, wie so vieles in Uljanowsk Vergangenheit ist. Die Gegenwart sind die bevorstehenden Wahlen des Präsidenten. Und die Zukunft? Sie liegt wohl in der Hand eines anderen Wladimir - des Noch-Premiers Putin. Daran zweifelt hier, 900 Kilometer östlich von Moskau, kaum jemand.

Den Weg aus seinem Dorf nach Uljanowsk hat Jewgeni Filimontschew gerne auf sich genommen. Schließlich geht es ums Geld. Und das fehlt dem 68-Jährigen, auch wenn der Premier eine Rentenerhöhung versprochen hat. Nun setzt Filimontschew auf die "Bürgersprechstunde" der Putin-Partei "Einiges Russland". Sein Gasanbieter will ihm für den Sommer die Preise nicht neu berechnen. Die Regierungspartei soll nun eingreifen. Letztes Jahr habe das auch funktioniert, sagt der 68-Jährige. "Wir werden sehen."

Seit "Einiges Russland" die Sprechstunde eingerichtet hat, kommen die Menschen mit juristischen, bürokratischen und materiellen Sorgen zur Vertretung ihres Hoffnungsträgers Putin. "Ist doch gut, wenn die Menschen wissen, wer ihnen helfen kann", sagt Wadim Andrejew, Leiter des regionalen Büros der Kreml-Partei. "Einiges Russland ist die einzige Partei, die fähig ist, Probleme zu lösen." Andrejew leitet auch die städtische Wahlkommission, einen Interessenkonflikt zu seinem Parteiposten sieht er aber nicht. "Schizophrenie" werfen ihm seine Gegner vor. Der 30-Jährige kontert und spricht von einer "bestimmten Kategorie Menschen, die das Boot zum Schaukeln bringen, um die bestehende Machtelite zu diskreditieren". So beschreibt er auch die, die mit weißen Bändchen auf die Straße gehen und ihr Recht auf freie und ehrliche Wahlen fordern.

Putin verliert Vertrauen

Nach Uljanowsk kam schon der Zar, Peter der Große, als die Stadt noch Simbirsk hieß, dafür bauten ihm die Bewohner eine Peter-und-Paul-Kirche. Auch Breschnew kam, und Jelzin und Putin. Da war die Stadt längst umbenannt und besaß einen Monumentalklotz mitten im Zentrum, um Lenin zu huldigen. Ein ganzes Stadtviertel hatten die Kommunisten abreißen lassen, um die Erinnerungsstätte aufzubauen. Nur drei Häuschen ließen sie stehen - die Uljanows hatten darin gelebt.

Heute ist der Sowjet-Riesenbau verwaist. Selbst die Fabriken sind teils ausgestorben. Das Uljanowsker Flugzeugwerk baute hier einst tausende militärische Transportflugzeuge. Doch das sind vergangene Zeiten.

"Alle Geräte sind veraltet, neue kauft niemand", sagt Nikolai Kisliza. Aus dem Industriegebiet ist er ins Zentrum gezogen, an der Ecke Leninstraße/Sowjetstraße soll das neue Büro von "Jabloko" entstehen, der derzeit einzigen unumstritten liberalen Partei in Russland. Ihren Kandidaten, Grigori Jawlinski, hat die Zentrale Wahlkommission Russlands von den Wahlen ausgeschlossen. Für Parteimitglied Kisliza ein Zeichen dafür, dass Jawlinski eine tatsächliche Gefahr für Putin ist. Nun schrubbt er den Raum an seinem Fast-Arbeitsplatz und hofft auf die angekündigten Reformen Putins. "Wenn die Registrierung kleiner Parteien tatsächlich so einfach sein wird, dann haben wir die Chance, demnächst ins Kreisparlament zu kommen", sagt der Lehrer der seit fast 40 Jahren in der Politik ist. Er sorgt sich vor allem um die örtliche Wirtschaft und setzt auf die Aufbruchsstimmung der Zivilgesellschaft in Moskau. Die Signale aus der Hauptstadt höre nach einiger Zeit auch die Provinz, hofft Kisliza. "Wir brauchen jetzt wieder die Zuversicht der Menschen in ihre Führung."

Ein erstes Aufbegehren gegen Putin gab es auch schon in Uljanowsk. 1500 Menschen kamen hier zur ersten Aktion im Dezember. So viele, wie seit 20 Jahren nicht mehr. "Du siehst dich um und staunst, wie viele wir geworden sind", sagt Igor Toporkow, Menschenrechtler, Wahlbeobachter und Rechtsliberaler in einem. Sein vollgeräumtes Büro beherbergt so ziemlich jede oppositionelle Organisation in Uljanowsk.

Einige Häuser weiter sieht Alexander Kruglikow einen anderen "Ausweg aus dem Ganzen - die Kommunisten". Den 60-Jährigen, der schon zu Sowjetzeiten in der Partei von Lenin und Stalin mitmischte, begleiten die Helden seiner Jugend auch heute. In der Kommunistenzentrale an der Engels-Straße stapeln sich die Prawda-Exemplare, an der Wand hängt ein Stalin-Porträt, in der Ecke steht eine weiße Lenin-Büste. Tatsächlich lagen die Kommunisten in Uljanowsk bei der Parlamentswahl gleichauf mit "Einiges Russland" - bei knapp 29 Prozent. "Die Menschen vertrauen Putin nicht mehr", sagt Kruglikow.