Hoffnung geben in schweren Zeiten

Von Lindsay Skoll

Gastkommentare
Lindsay Skoll ist britische Botschafterin in Österreich.
© Britische Botschaft / Alex Hammond

Die Rettung von Juden vor den Nazis als Mahnmal für die Gegenwart.


Wenn wir uns dieser Tage an den 85. Jahrestag des "Anschlusses" erinnern und uns die Schrecken vor Augen führen, die Juden in Österreich danach unter den Nazis erleiden mussten, möchte ich eine in Vergessenheit geratene Episode dieser Zeit teilen, die zeigt, dass es auch in den schlimmsten Zeiten immer Hoffnung gab und gibt.

Ab März 1938 wurde die britische Botschaft unter der Nazi-Besatzung zu einem Konsulat heruntergestuft. Ein kleines Team aus britischen Diplomaten und Konsularbeamten beschloss gemeinsam mit zwei anglikanischen Priestern, der immer schlimmer werdenden Verfolgung der Juden etwas entgegenzusetzen. Das Team der Passabteilung, angeführt von Thomas Kendrick und später George Berry, sowie die Priester Hugh Grimes und Frederick Collard begannen, entgegen ihren Instruktionen und unter Gefahr für ihre eigenen Leben, Reisedokumente und Taufscheine auszustellen, um Juden die Ausreise aus Österreich zu ermöglichen. Grimes und Collard führten hunderte Taufen pro Tag durch, während das Konsulat rund um die Uhr arbeitete, um alle möglichen Schlupflöcher für Notpässe auszunutzen. Teilweise wurden sogar gefälschte Dokumente ausgegeben. Die Mission war gefährlich, die Szenen vor dem Konsulat und der Kirche, wo hunderte Personen stundenlang warteten, waren ebenso erschütternd wie chaotisch.

Sowohl Collard als auch Kendrick wurden von den Nazis verhört und gefoltert, ein jüdisch-stämmiger Kirchendiener wurde sogar verhaftet und kam nach Auschwitz ins Konzentrationslager, wo er ermordet wurde. Trotzdem konnten bis Kriegsende 1945 durch die gemeinsamen Anstrengungen des Teams zehntausende Juden gerettet werden. Bis heute waren viele der Namen der Teammitglieder unbekannt, aber sie wurden nie vergessen.

Heute bringen wir deshalb gemeinsam mit der Association of Jewish Refugees und vielen Angehörigen der Überlebenden eine Ehrenplakette an der britischen Botschaft an, die diesen mutigen Einsatz für die Menschlichkeit würdigen soll.

Mich persönlich erfüllt die gemeinsame Erinnerung an die unermüdlichen Bemühungen früherer Kolleginnen und Kollegen nicht nur mit großem Stolz, es ist auch ein emotionaler Moment vor dem Hintergrund meiner eigenen, erst kürzlich zu Tage getretenen Familienhistorie. Meine in Deutschland geborene Großmutter und ihre jüngste Schwester wurden beide mit einem Kindertransport aus Wien nach Großbritannien gebracht, wo sie mit ihrem Bruder vereint wurden. Von insgesamt 13 Geschwistern haben nur diese drei überlebt.

Hier im Zentrum Europas sehen wir, wie sich nur 500 Kilometer entfernt, auf früherem Territorium der Habsburger-Monarchie, wieder ein dunkles Kapitel der Geschichte auftut. Millionen von Ukrainern leiden unter Wladimir Putins brutaler Bedrohung ihrer Leben und ihres Rechts, selbstbestimmt und friedlich zu existieren. Abermals müssen wir gemeinsam die Freiheit verteidigen, und Diplomatinnen und Diplomaten müssen mit Integrität und Empathie handeln, um in schweren Zeiten jenen, die es am meisten brauchen, Hoffnung geben zu können.