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Hoffnungslosigkeit in Kandahar

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Politik

Krieg verschlingt inzwischen bereits 70 Milliarden US-Dollar pro Monat. | US-Soldaten fast jede Nacht unter Beschuss. | Kabul. Der bittere Konflikt am Hindukusch dauert inzwischen länger als der Vietnam-Krieg. Kürzlich starb der tausendste US-Soldat im Kampf gegen die radikal-islamischen Taliban. Der Krieg verschlingt inzwischen 70 Milliarden US-Dollar pro Monat. | Afghanistan-Konferenz ist für die Taliban ,belanglos´


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Und etliches von den Geldern geht an brutale Kriegsherren und Drogenbarone, wie ein Bericht über die Vergabe der Nato-Aufträge jüngst zeigte. "Unseren Geisterkrieg" nannte die "New York Times" jüngst den Kampf in Afghanistan.

30.000 zusätzliche Soldaten im Einsatz

Der Plan ist es, mit 30.000 zusätzlichen Soldaten in dicht bevölkerten Gebieten im Süden des Landes die Taliban zurückzudrängen und so den Spielraum für eine bessere Verwaltung zu schaffen. Doch wenig ist seit November, als die Strategie in Washington beschlossen wurde, nach Plan gegangen. Eine Studie in 120 Bezirken Afghanistans, in denen der Taliban-Aufstand herrscht, zeigt, dass nur ein Viertel der Bevölkerung die Regierung unterstützt. Ein Viertel der Menschen zeigt Sympathie für die Aufständischen oder unterstützt sie sogar offen.

Die Stärke der Taliban ist ungebrochen. In Marjah, einem kleinen, ländlichen Bezirk in der Helmand-Provinz, wo Nato-Truppen im Februar eine groß angelegte Militäroffensive gegen die Taliban gestartet hatten, dauern die Kämpfe an. Die Marjah-Kampagne war als Test für die neue Anti-Aufstandsstrategie gestartet worden. Mit Macht und Masse sollten zunächst die Taliban aus dem Bezirk herausgetrieben werden. So gesichert, wollte man umgehend mit dem Aufbau einer Verwaltung und der Belebung des Wirtschaftslebens beginnen, um die Herzen der etwa 60.000 Einwohner für die Sache des Westens zu gewinnen und den Taliban den Nährboden zu entziehen.

Die Operation in Marjah sollte im Kleinen zeigen, ob eine ähnliche Militärkampagne auch im viel wichtigeren und größeren Kandahar-Distrikt funktionieren könnte. Doch in Marjah ist ein deutlicher Fortschritt nicht in Sicht. Die amerikanischen Soldaten dort kommen fast jede Nacht unter Beschuss. Die Bevölkerung lebt weiter in Angst und Schrecken, denn die Taliban köpfen diejenigen, die mit den Fremden zusammenarbeiten oder nur im Verdacht stehen. Marjah werde als ein "blutendes Geschwür" wahrgenommen, sorgte sich der geschasste Nato-Oberkommandierende, Stanley McChrystal, kurz vor seinem Abgang.

Taliban kontrollieren weite Gebiete

All das verspricht wenig Gutes für Kandahar. Die politische Heimat der Taliban und die zweitgrößte Stadt Afghanistans ist von großer strategischer und wirtschaftlicher Bedeutung. Die Aufständischen kontrollieren große Teile von Panjwayi, Zhari und Arghandab, drei Nachbarbezirke der Stadt. Ihr Einfluss im ländlichen Dand-Distrikt südlich von Kandahar-Stadt ist stark. Um die Sicherheit in der Kandahar-Provinz zu verbessern, ist die Nato dabei, zusätzlich 10.000 amerikanische Soldaten zu stationieren. Amerikanische und britische Spezialkräfte versuchen unterdessen, in verdeckten Operationen so viele Taliban-Führer wie möglich zu erwischen. Im vergangenen Monat wurde Mullah Zergay, der "Schatten-Governeur" der Taliban, in Kandahar getötet.

Die Taliban reagieren mit einer eigenen Offensive gegen pro-westliche Kräfte in der Provinz: Am 9. Juni kamen bei einem Bomben-Anschlag auf eine Hochzeitsgesellschaft in Arghandab 40 Menschen ums Leben, darunter auch etliche Mitglieder einer von den Amerikanern aufgepäppelten Bürgerwehr gegen die Taliban.

Bezirksgouverneur ermordet

Wenig später wurde der US-freundliche Bezirksgoverneur, Abdul Jabbar, ermordet. Die Todesliste ist in den letzten Wochen länger geworden: Kandahars stellvertretender Bürgermeister, Azizullah Yarmal wurde im April beim Gebet in einer Moschee erschossen. Der Kulturminister der Provinz, Abdul Majid Babai, wurde Anfang Juni auf seinem Weg zur Arbeit umgebracht.

Nicht alle sind Taliban-Opfer. Kandahars Polizeichef Matiullah Qate etwa starb im Juni 2009 bei einem rätselhaften Shoot-out zwischen Privatsöldnern einer US-Sicherheitsfirma und afghanischen Kräften.

Viele sind überzeugt, dass Kandahars Provinzchef Ahmed Wali Karzai, ein Halbbruder von Afghanistans Präsident Hamid Karzai, in den Tod des Polizisten verwickelt ist. Seine Privat-Miliz, "Kandahar Strike Force", arbeitet für den amerikanischen CIA. Der "König von Kandahar", wie Ahmed Wali genannt wird, ist eine umstrittene Figur. Er soll ein mafiöses Geschäftsimperium betreiben, in Drogenhandel und andere schmutzige Deals verwickelt sein. Aufträge der Nato und der USA sollen ihm Millionen US-Dollar eingebracht haben. Wenig von dem Geld kommt dabei der Bevölkerung von Kandahar zu gute. Wasser und Strom sind ein Luxus in Kandahar. Sie sei "erschüttert", wie hoffnungslos Menschen in Kandahar ihre Zukunft sehen würden, sagte Afghanistan-Analystin Martine van Bijlert jüngst nach einem Besuch in der Stadt. Selbst wenn es den neuen Truppen gelingt, für mehr Sicherheit in Kandahar zu Sorgen, ist fraglich, wo eine bessere Regierung herkommen soll.