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Höhenflüge kommen immer zu spät

Von Engelbert Washietl

Analysen
Der Autor ist Vorsitzender der "Initiative Qualität im Journalismus"; zuvor Wirtschaftsblatt, Presse, und Salzburger Nachrichten.

Politiker und Medien verstehen einander so gut, dass sie jede mögliche Sternstunde politischer Auseinandersetzung trivialisieren. Am Ende zählen die Blessuren. | Österreichs Politiker entfalten die Fähigkeit zur seriösen, geistigen und quasi intellektuellen Auseinandersetzung zumeist erst dann, wenn sie von der Last ihrer Spitzenämter befreit sind. Aufatmen ist offenbar gut fürs Hirn.


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Da wirkt der nur noch amtierende Bundeskanzler Alfred Gusenbauer in einer ORF-Pressestunde so munter und intelligent wie selten zuvor. Da konnten die Altkanzler Wolfgang Schüssel und Franz Vranitzky am Samstag im Mittagsjournal wenige Stunden nach der Todesnachricht aus Kärnten einen tiefschürfenden Dialog über den BZÖ-Politiker Jörg Haider führen und die Persönlichkeit ihres schwierigsten Rivalen von einst völlig unterschiedlich bewerten. Warum schaffen Politiker solche faszinierenden Auseinandersetzung nicht auch im normalen Alltag, etwa im Parlament?

Vor kurzem befassten sich einige Spezialisten der politischen Öffentlichkeitsarbeit - man könnte sie wie im Titel der Veranstaltung der "Initiative Qualität im Journalismus" auch "Einflüsterer" nennen - am Rande auch mit dieser vertrackten Frage.

Heidi Glück, die frühere Sprecherin von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, erhob den Vorwurf, dass die Medien nur noch in Ausnahmefällen willig und in der Lage seien, auf die Inhalte einer Auseinandersetzung einzugehen. Wenn zwei Politiker auch nur andeutungsweise unterschiedliche Meinung äußerten, werde von den medialen Vermarktern sofort ein "Streit", eine "Kontroverse", ein "Konflikt" daraus gemacht. Der Streit sei die Botschaft, um die eigentliche Sache kümmere sich niemand.

Das ist richtig, wenn auch halbschlüssig. Ergänzen müsste man nämlich, dass die prominenten Wahlkämpfer selber so gut wie nichts anderes taten als an den Hebeln einer Stimmenfangmaschine zu hantieren. Zielgruppen-Massage: Mit wie viel Ausländerfeindlichkeit, Pensionserhöhung, Pflegegeld-Versprechungen oder EU-Skepsis erreiche ich welche Zielgruppen und wirke bei den Leuten dennoch nicht charakterlos? Oder möglichst wenig charakterlos?

Die Medien spielten auf gleich niedrigem Niveau mit - der ORF mit seinen Elefantenrunden und die Zeitungen mit unzähligen Abfragungen oder Analysen seichter Meinungsumfragen. Sie versuchten aber viel zu selten, das große Qualitätsmanko der Politiker wettzumachen.

So blieben in der Tat alle wesentlichen Themen, die schon die alte Koalition nicht bewältigt hatte, links liegen. Politik und Medien zeigten sich hoffnungslos verbandelt im Substandard ihres demokratischen Leistungsauftrags. Die Politiker gifteten sich wechselseitig an, die Zeitungen und Ingrid Thurnhers Konfrontations-Kränzchen brauchten nichts weiter zu tun als das aufgeblasene Nichts zu reportieren.

Es ist ja in Österreich nicht daran zu denken, dass sich Politiker gegnerischer Parteien dazu aufraffen würden, eine Debatte mit Lust an geistiger Virtuosität zu führen. Und selbst wenn sie es könnten, die Medien würden dem eitlen Treiben allein schon mit jener Schicksalsfrage den Garaus machen, die im Wahlkampf und unter Zuhilfenahme von Meinungsforschungs-Gurus bis zum Erbrechen gestellt wurde: "Und wer von beiden hat diesmal gewonnen?"

Sehr wohl aber möchten die Medien gern selber mitmischen und zu politischen Akteuren werden, so Kommunikationswissenschafter Hannes Haas. Leider landen sie dabei im gleichen Sumpf, in dem es die Politiker treiben. Und vergeben die Chance, an der politischen Erneuerung mitzuwirken, über die neuerdings so viel geredet wird.