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Höhepunkt der Gewalt - USA reagieren entnervt

Von Sara Lemel

Politik

Jerusalem - Im Dunkel der Nacht rollten die israelischen Panzer wieder zurück auf die Hügel um Jenin und Bethlehem im Westjordanland. Die Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern, die in den vergangenen Wochen etwas abgeebbt war, hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Die mühsam unter US-Vermittlung erzielten, kleinen Fortschritte des vergangenen Monats sind dadurch offensichtlich zunichte gemacht worden.


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Amos Harel, Kommentator der israelischen Zeitung "Haaretz", schrieb am Mittwoch, die neue Welle der Gewalt habe der "Waffenruhe, die zwischen Leben und Tod schwebte, nun den Todesstoß versetzt".

Drohgebärde?

Nabil Abu Rudeineh, Berater des Palästinenserpräsidenten Yasser Arafat, meinte, die Truppenentsendung beweise, dass Israel die Autonomiebehörde massiv angreifen und beide Seiten noch tiefer in die Gewalt verwickeln wolle. Politische Beobachter in Israel gehen jedoch davon aus, dass es sich bei der Aktion um eine Drohgebärde handelt, der kein groß angelegter Militärschlag folgen wird.

Die Befürchtung der Palästinenser versuchte der israelische Außenminister Shimon Peres in den vergangenen Tagen wiederholt zu zerstreuen. Arafat versicherte er am Sonntag in Kairo, Israel wolle weder die Autonomiebehörde zerstören noch ihn in die Diaspora treiben. Peres wiederholte nach der Truppenentsendung, Israel plane keinen Großangriff.

Schritte gegen Terror

Das israelische Kabinett beschloss allerdings am Mittwoch "weitere Schritte gegen den palästinensischen Terror" - als Reaktion auf den ersten Selbstmordanschlag in Israel seit Vereinbarung der Waffenruhe am 13. Juni und den jüngsten Angriff mit Mörsergranaten auf einen Jerusalemer Vorort.

Beide Seiten fühlen sich zu immer neuen Vergeltungsaktionen gezwungen; eine weitere Eskalation der Gewalt scheint unaufhaltsam. 14 palästinensische Fraktionen kündigten in der Nacht zum Mittwoch in einem Flugblatt neue Anschläge an. "Jeder Soldat und jeder Siedler" seien ein Ziel; die Waffenruhe mit Israel sei beendet.

Bei dem Begräbnis von vier Aktivisten der radikal-islamischen Hamas-Gruppe, die am Dienstag in Bethlehem bei einem israelischen Hubschrauber-Angriff getötet worden waren, gelobten aufgebrachte Palästinenser Rache. "In Israel wird es keine Sicherheit geben", hieß es auf Spruchbändern. Nach Geheimdienstinformationen plante die Gruppe einen verheerenden Anschlag während der Abschlusszeremonie des jüdischen Sportfests Makkabiade am Montag.

Doch die Bereitschaft zur Gewalt steigt auch bei jüdischen Siedlern. Nach Erkenntnissen der Chefs des Inlandsgeheimdienstes Shin Beth, Avi Dichter, hat sich mittlerweile eine "jüdische Terrorzelle" gebildet, die im Westjordanland Anschläge auf Palästinenser verübt.

"Weiter bluten"

Angesichts der Zuspitzung gibt es wieder zahlreiche internationale Vermittlungsbemühungen, die sich aber in der öffentlichen Wahrnehmung auf Appelle zur Beendigung der Gewalt beschränken. Insgesamt halten sich die USA und Europa in dem hoffnunglos erscheinenden Konflikt aber immer mehr zurück; Kommentator Joel Marcus von "Haaretz" meint, die USA hätten nach dem Misserfolg der jüngsten Vermittlungsmission von Außenminister Colin Powell die entnervte Einstellung eingenommen: "Lasst sie doch weiter bluten."