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Hoher Ölpreis: Indiens Wirtschaft gerät ins Trudeln

Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

Wirtschaft

Börsencrash, Streiks und steigende Staatsschulden. | Neu Delhi. Nach langem Zögern hat sich die indische Regierung entschlossen, den Benzinpreis zu erhöhen - als eines der letzten Länder in Asien. Nun sind Streiks, Demonstrationen und Proteste im Gandhi-Land an der Tagesordnung. Kürzlich gab es einen zwölfstündigen Generalstreik in der Metropole Kalkutta. Schulen und Geschäfte blieben geschlossen, verärgerte Aktivisten zerrten Streikbrecher auf dem Weg zur Arbeit aus ihren Autos.


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Benzin ist jetzt fünf Rupien (8 Cent) teurer, der Liter Diesel kostet drei Rupien (5 Cent) mehr. Autofahrer in der Hauptstadt zahlen 51 Rupien (77 Cent) für den Liter Benzin und 35 Rupien für Diesel. "Wir hatten keine andere Option", erklärte Ölminister Murli Deora. Die Opposition sprach von "ökonomischem Terror".

Premierminister Manmohan Singh sah sich gezwungen, den Schritt in einer Fernsehansprache an die Nation zu verteidigen.

Gemessen am Rekord-Ölpreis ist der Preisanstieg von etwa zehn Prozent noch moderat. Das rohstoffarme Indien importiert 75 Prozent seines Ölbedarfs. Indiens staatliche Ölfirmen, die den Rohstoff zu Weltmarktpreisen einkaufen, aber zu staatlich niedrig gehaltenen Preisen verkaufen müssen, schreiben jeden Tag rund 60 Millionen Euro Verlust. Sie hätten lieber ein Erhöhung von 15 bis 20 Prozent gesehen. Doch die Regierung hat Angst, dass höhere Preise die Inflation weiter anheizen und soziale Unruhe schüren. So nimmt sie lieber in Kauf, dass sich allein die Subvention des Benzinpreises auf zwei bis drei Prozent des Nationaleinkommens belaufen. Das ist keine kleine Summe, denn Indien ist seit kurzem eine 1-Billion-Dollar Wirtschaft.

Wählerbesänftigung mit Subventionen

Spätestens im Mai 2009 muss in Indien gewählt werden. Und die Ergebnisse der letzten Regionalwahlen sind für die regierende Kongresspartei alles andere als ermunternd. Konfrontiert mit steigenden Kosten für Lebensmittel und Energie gibt die Regierung nun unglaublich viel Geld aus, um die Wähler bei der Stange zu halten. Neben den Subventionen sollen auch Millionen Staatsbedienstete mehr Lohn bekommen. Ein Entschuldungsprogramm für die Bauern im Werte von 710 Milliarden Rupien (10,6 Milliarden Euro) ist auch angelaufen.

All das vergrößert das indische Haushaltsdefizit und heizt die Inflationsfurcht weiter an: Laut Investmentbank Morgan Stanley könnte es in diesem Jahr 9,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachen.

Die OECD hat für das Milliarden-Land für 2009 ein Wachstum von 7,8 Prozent vorausgesagt. Im ersten Quartal ist die Wirtschaft mit 8,8 Prozent noch überraschend stark gewachsen. Doch der Aktienmarkt hat seit Jänner ein Viertel seines Wertes verloren. Die Inflationsrate könnte in diesem Monat zehn Prozent erreichen.

Teuerungsangst und der Ölpreisschock schrecken ausländische Anleger. "Investoren stehen Schlange, um den indischen Markt zu verlassen", sagt der Analyst Deepak Singh. Zwischen Jänner und Juni haben Anleger 4,9 Milliarden US-Dollar abgezogen. Am Wochenbeginn fielen die Kurse an der Börse in Mumbai um mehr als drei Prozent.

Abgestraft wurden besonders Software-Firmen wie Infosys, die als Begründer des indischen Wirtschaftswunders gelten. Das Ende des Booms scheint gekommen.