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Holocaust-Forscher kritisiert den Vatikan

Von Rainer Mayerhofer

Politik

Jerusalem - Heftige Kritik an den Verantwortlichen des Vatikan-Archivs übte Mittwoch der israelische Historiker Robert S. Wistrich. Der Vatikan zeige keinerlei Kooperationsbereitschaft, was die Erforschung der Aktivitäten von Papst Pius XII. im Zusammenhang mit der NS-Judenverfolgung betrifft. Die 1999 gegründete Kommission katholischer und jüdischer Historiker, die das Verhalten der katholischen Kirche und von Papst Pius XII. während des Holocaust erforschen wollte, hat ihre Arbeit wegen mangelnder Unterstützung durch Rom aufgegeben.


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Wistrich, der an der hebräischen Universität von Jerusalem europäische und jüdische Geschichte lehrt und als Topexperte für Antisemitismus und Holocaust-Fragen gilt, warf den vatikanischen Behörden vor, seit der Präsentation eines vorläufigen Berichts im Herbst des Vorjahres die Arbeiten einer jüdisch-katholischen Arbeitsgruppe nicht produktiv unterstützt habe.

Für den Vorbericht wurden den Historikern elf Bände von bereits publizierten Akten des Vatikans zur Verfügung gestellt. Die Bitte, weitere Akten herauszugeben, wurde jedoch abgelehnt. Kardinal Walter Kasper, der Vorsitzende der Kommission, teilte mit, dass die Vatikan-Archive nur bis zum Jahr 1923 zugänglich seien. Ein Zugang zu Aktenbeständen nach diesem Jahr sei aus technischen Gründen derzeit unmöglich.

Die Kommission lehnte daraufhin die Weiterarbeit ab und will auch keinen Schlussbericht erstellen.

Wistrich sagte zu den Arbeitsbedingungen der Kommission, dass er eine Kehrtwendung des Vatikan festgestellt habe, seit Kardinal Cassidy, der Vorgänger Kaspers, im Vorjahr empfohlen habe, dass Pater Gumpel, ein deutscher Jesuit und glühender Bewunderer von Papst Pius XII. der Kommission bei ihrer Arbeit helfen solle. Der Vatikan sei nicht wirklich daran interessiert, dass die Arbeit der Kommission fortgesetzt werde, meinte Wistrich, der vermutet, dass man sich in Rom von der Arbeit einen Persilschein für die Seligsprechung des umstrittenen Pontifex erwartet habe. Es sei anachronistisch, dass man der Kommission nur bereits veröffentlichte Dokumente zur Verfügung gestellt habe.

Wistrich glaubt nicht, dass der derzeitige Papst hinter der neuen Vatikanlinie stecke.

Erste Konflikte der jüdisch-katholischen Zusammenarbeit hatten sich bereits im September des Vorjahres gezeigt, als Papst Pius IX., dem man die Zwangstaufe eines jüdischen Kindes aus Bologna vorgeworfen hatte, heiliggesprochen wurde.