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Holocaust-Mahnmal: Berlin blickt beschämt nach Wien

Von Cornelia R. Kowalski

Politik

Berlin - Mit der Einweihung des Holocaust-Mahnmals auf dem Wiener Judenplatz am 25. Oktober hat die österreichische Hauptstadt der deutschen etwas voraus: Die Erinnerung an die von den Nazis ermordeten Juden hat einen zentralen Platz. Auch in Berlin wird es ein Mahnmal geben, das allen europäischen Shoa-Opfern gewidmet sein soll. Zehn Jahre hatte die deutsche Debatte um das Memorial gedauert, bis am 27. Jänner des heurigen Jahres der symbolische Spatenstich erfolgte. Der tatsächliche Baubeginn erfolgt jedoch nicht vor Herbst 2001.


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Nach jenem Jännertag war es recht ruhig um das Zentrale Holocaust-Mahnmal geworden. Auf dem Brachland südlich des Brandenburger Tores stehen zwei einsame Tafeln, die auf das Vorhaben hinweisen. Erst in den letzten Tagen kam es wieder in die Schlagzeilen, und es ging ums Geld. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), der gleichzeitig Vorsitzender des Stiftungskuratoriums ist, nannte die endgültige Summe von 50 Millionen Mark (25,6 Mill. Euro/352 Mill. S) für den Bau des Gesamtkomplexes des New Yorker Architekten Peter Eisenman. Die wichtigste Meldung dabei war, dass nun alle Bundestagsfraktionen dem Kostenrahmen zugestimmt haben.

Noch vor sechs Wochen war dieser nämlich erneut Gegenstand eines heftigen Disputs. Der CDU-Abgeordnete Günter Nooke, ebenfalls Mitglied des Kuratoriums, warf Thierse "Verschleierungstaktik" vor, da nach Nookes Auffassung die Kosten weit über 50 Millionen Mark liegen werden. Thierse empörte sich über diese "böswillige Verfälschung" und sprach von "einer unerträglichen Belastung des Arbeitsklimas".

Der Schlagabtausch erinnerte einmal mehr an die streitvolle Geschichte des Berliner Mahnmals. 1989 initiierte ein privater Förderkreis die Errichtung eines Denkmals für die ermordeten Juden Europas, 1992 verpflichteten sich der Bund und das Land Berlin, die Hälfte der Baukosten zu übernehmen. 1994 wurde der Architektenwettbewerb ausgeschrieben und damit begann der Streit. Die acht prämierten Entwürfe stießen in der Öffentlichkeit auf Ablehnung. Ein weiterer Wettbewerb folgte, und als Sieger gingen die Amerikaner Peter Eisenmann und Richard Serra hervor. Sie konzipierten ein Feld von 4.000 Beton-Stelen. Dagegen votierte das Land Berlin und forderte eine kleinere Version. Noch zweimal musste Eisenman seinen Entwurf verändern - Kollege Serra warf inzwischen das Handtuch -, bis man sich heuer mehrheitlich auf ein 2.700 Stelen-Feld mit einem unterirdischen Dokumentationszentrum einigte.

Das Land Berlin hält sich allerdings noch immer bedeckt, akzeptiert aber die Entscheidung des Bundestages vom 25. Juni letzten Jahres über die Errichtung des Zentralen Memorials. Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) lehnt die "erschlagende Betonlandschaft" Eisenmanns ab. Er hätte sich etwas "Bescheideneres" gewünscht. Ferner weist Diepgen darauf hin, dass es in Berlin bereits eine Reihe von Gedenkstätten zu dem Thema gibt. Alle diese Einrichtungen kämpfen seit Jahres um finanzielle Unterstützung und haben deshalb ein etwas gespaltenes Verhältnis zu dem neuen Großprojekt .