Zum Hauptinhalt springen

Horror-Perspektive vom Krieg macht in Bosnien die Runde

Von Thomas Brey

Europaarchiv

Selbstblockade droht sich zu verschlimmern. | Feindseligkeiten nehmen zu. | Belgrad. (dpa) Die Atmosphäre zwischen den Spitzenpolitikern der drei Haupt-Bevölkerungsgruppen in Bosnien-Herzegowina ist vergiftet. Die Teilung des Landes steht wieder auf der Tagesordnung, die Horror-Perspektive Krieg macht wieder die Runde. "Wenn wir uns nicht verständigen, bleibt nur die Option Krieg", sagte der muslimische Führer Sulejman Tihic am Wochenende nach einem geplatzten Treffen von Muslimen, Serben und Kroaten zur Verfassungsreform. "Das will doch kein normaler Mensch!", fügte er noch beschwichtigend hinzu - doch das Thema war erstmals offen ausgesprochen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 15 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Serben-Führer Milorad Dodik hatte ein mit vielen Hoffnungen vorbereitetes Treffen mit Tihic und den Kroaten in Mostar platzen lassen. Denn dort präsentierte er Bedingungen, die vor allem die Muslime (Bosniaken) niemals akzeptieren wollen: Den Serben müsse wie den anderen beiden Völkern ein Vetorecht bei allen wichtigen Entscheidungen in Bosnien eingeräumt werden. Und noch dramatischer: Der serbische Landesteil (Republika Srpska/RS) verlange in der neuen bosnischen Verfassung das Recht, sich von diesem Staat mit nur vier Millionen Einwohnern abspalten zu dürfen.

"Nach alledem glaube ich nicht mehr an Bosnien", äußerte sich RS-Premier Dodik pessimistisch über den Fortbestand des Staates. Auf der anderen Seite hatten die Muslime durch von ihnen beherrschte Behörden eine Anklage gegen Dodik wegen Korruption und die Veruntreuung von 72 Millionen Euro auf den juristischen Weg gebracht. Das sei ein politisch motivierter Angriff auf die Existenz der Serbischen Republik in Bosnien, reagierte Dodik am Sonntag. Und dann drohte er wie schon einmal mit einem Referendum über die staatliche Eigenständigkeit und eine mögliche Abspaltung.

Drei Konzepte

Die Feindseligkeiten zwischen Muslimen (knapp 50 Prozent der Bevölkerung), Serben (33 Prozent) und Kroaten (15 Prozent) haben sich seit dem Ende des Bosnien-Krieges nicht abgeschwächt. Wie zu Beginn und am Ende dieser Auseinandersetzung stehen auch heute ganz unvereinbare Konzepte der drei Völker auf der Tagesordnung. Die Serben wollen mit dem zweiten Landesteil, der von Muslimen und Kroaten gebildet wird, nichts mehr zu tun haben. Die Muslime setzen sich wegen ihrer Überzahl für einen zentralen Staat ein, in dem der Einfluss nach dem Prinzip "Eine Person - eine Stimme" ermittelt wird. Die Kroaten träumen von einem eigenen Landesteil ohne Muslime.