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Hundert Stunden für die Sprache

Von Martyna Czarnowska

Politik

Wenn heute, Freitag, im Rathaus der achte Wiener Flüchtlingsball über die Bühne geht, dann bedeutet das Trinken und Musizieren für einen guten Zweck. Der Reinerlös der Veranstaltung kommt nämlich der Flüchtlingsbetreuung im Integrationshaus zu Gute. Gleichzeitig sollen politische Anliegen transportiert werden: Schon im Vorfeld übten die Betreiber-Innen des Integrationshauses Kritik an den Regierungsplänen zur Integrationsvereinbarung. Im Innenministerium stoßen die Einwände teils auf Verwunderung.


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Schimpfwörter lernen sie am schnellsten. Da gibt es keinen Unterschied zwischen Kindern - ob sie aus Österreich, Kroatien, Albanien oder der Türkei stammen. In dem mehrsprachigen Kindergarten des Integrationshauses werden Sprachbarrieren oft schneller überwunden als sie entstehen. Da kann es aber auch passieren, dass das eine oder andere Wort hineinrutscht, das die Kindergärtnerin mit Missfallen die Stirn runzeln lässt. "Was hast du gesagt?" fragt sie dann nach. "Ich weiß ja gar nicht, was das bedeutet", lautet die unschuldig klingende Antwort.

Insgesamt 41 Kinder besuchen den Kindergarten, die meisten wohnen in der Umgebung, zehn kommen direkt aus dem Haus. Mit einigen von ihnen ist eine Kontaktaufnahme alles andere als einfach, manche der jungen HeimbewohnerInnen sind extrem traumatisiert, weiß Radmila Hadzinur-Begovic zu berichten. Die Psychologin bietet die Nachmittags- und, wo es notwendig ist, auch Einzelbetreuung für Vier- bis Zwölfjährige im Integrationshaus an. Sie arbeitet mit Kindern, die gesehen haben, wie ihre Großmutter von einer Granate zerfetzt wurde oder die mit der Aufgabe überfordert sind, als Elfjährige die Rolle des Vaters zu übernehmen, der verschollen ist.

"Oft ist die Aggressivität groß", erzählt Hadzinur-Begovic. Damit werden Ängste und Verunsicherung kompensiert. In der Gruppe treffen unterschiedliche Kulturen aufeinander, Konflikte sind unvermeidbar. Da gelte es dann, eine gemeinsame Kommunikationsebene zu finden - etwa in Deutsch.

Projekte zum Spracherwerb bietet das Integrationshaus, das Wohnraum für 106 Menschen bietet, einige an: Beratung, Kurse, Schreibwerkstatt zählen dazu. Bei all dem gelte es jedoch individuelle Voraussetzungen zu berücksichtigen, betont Geschäftsführerin Andrea Eraslan-Weninger. Die AsylwerberInnen kommen aus verschiedenen Ländern - aus dem Kosovo, der Türkei, afrikanischen Staaten -, neben muttersprachlicher Beratung sei oft psychosoziale Betreuung notwendig. Einige KursteilnehmerInnen gelte es erst zu "alphabetisieren".

Daran werde jedoch bei den Plänen zu den Deutschkursen im Rahmen der Integrationsvereinbarung kaum gedacht, kritisiert Eraslan-Weninger. Zum einen seien hundert Stunden "absurd" wenig, um die erforderten Kenntnisse zu erlangen: Der Gesetzesentwurf sieht vor, dass innerhalb dieser Zeit nicht nur die deutsche Sprache sondern auch Themen der Landes- und Staatsbürgerkunde sowie "europäische, demokratische Grundwerte" vermittelt werden. Unmöglich, dies innerhalb der vorgegebenen Zeit zu bewerkstelligen, meint die Geschäftsführerin. Zum anderen hänge über dem Unterricht das Damoklesschwert des Sanktionsmodells: Bei Nichterfüllung der Vereinbarung drohen Verwaltungsstrafen bis hin zur Nicht-Verlängerung der Niederlassungsbewilligung. Unter diesem Druck falle Lernen nicht einfach, stellt Eraslan-Weninger fest - und bedauert, dass MigrantInnenorganisationen ebensowenig wie andere NGOs in die Arbeiten zum Gesetzesentwurf eingebunden waren.

Letzteres weist Alexander Janda, Geschäftsführer des Fonds zur Integration von Flüchtlingen beim Innenministerium, zurück: In die Arbeitsgruppe, die sich beim Bildungsministerium gebildet hat, seien viele Einrichtungen eingeladen worden. "Einige haben aber die Einladung abgelehnt, andere haben akzeptiert und mitdiskutiert", erklärt er. Außerdem könnten noch bis 16. April Stellungnahmen eingebracht werden, bis dahin ist der Entwurf in Begutachtung.

Welche Inhalte die Kurse und welche Qualifikationen die AnbieterInnen haben müssen, wird wohl noch in den nächsten Monaten per Verordnung festgelegt - nachdem der Gesetzesbeschluss im Nationalrat erfolgt war. Fest steht jetzt schon, dass die Zertifizierungs- und Evaluierungsstelle für die KursanbieterInnen der Fonds zur Integration sein wird. Auch wenn die Zertifizierung erst im Herbst beginnen werde, gebe es bereits über hundert Anfragen dazu, berichtet Janda.

Dass auf diese Weise ein flächendeckendes Angebot entsteht, hält Janda für sehr wahrscheinlich. Einwände, dass Lernen unter Sanktionsandrohung und als Verpflichtung wenig produktiv sein könne, lässt er kaum gelten. Immerhin gebe es in Österreich auch die Schulpflicht.