Zum Hauptinhalt springen

Hungerhilfe in Großbritannien

Von WZ-Korrespondent Peter Nonnenmacher

Politik

Zahl der "food banks" | schnellt in die Höhe.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 10 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

London. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg sieht sich das Rote Kreuz in diesem Herbst zur Ausgabe von Lebensmitteln im Vereinigten Königreich genötigt. So schlimme Ausmaße habe die Armut bei Teilen der britischen Bevölkerung angenommen, erklärt die Organisation, dass sie erstmals seit dem Krieg wieder zur Mitwirkung an der Hungerhilfe im eigenen Land gezwungen sei. Jüngsten Umfragen zufolge fällt es drei von zehn Briten schwer, genügend Essen auf den Tisch zu bekommen. Die Zahl der "food banks", der Suppenküchen und sonstigen Plätze freier Essensausgabe, ist in den letzten Monaten in die Höhe geschnellt.

Für diese Entwicklung werden der stete Anstieg der Lebensmittelpreise bei gleichzeitigen Einkommenseinbußen, aber auch scharfe Kürzungen im Sozialbereich durch die Regierung David Camerons verantwortlich gemacht. Im Frühjahr wandte sich bereits eine halbe Million Briten um Hilfe an die freie Essensausgabe. In diesem Herbst sollen es wesentlich mehr geworden sein.

Beim Roten Kreuz glaubt man, eine echte Grenze überschritten zu haben. Der Katastrophendienst plant für Ende November eine Aktion gemeinsam mit dem karitativen Dachverband Fareshare. 30.000 Rotkreuz-Freiwillige sollen zusammen mit Fareshare-Aktivisten in 2.000 Supermärkten von den dortigen Käufern Spenden in Form von eingedosten Lebensmitteln und sonstigen Lebensmittel-Paketen erbitten. Danach will das Rote Kreuz bei der Verteilung der Pakete an bedürftige Haushalte helfen.

"Schockierende" Situation

Normalerweise wird die Organisation ja eher bei internationalen Katastrophen, wie etwa bei Erdbeben oder Überschwemmungen, tätig. Im eigenen Land hat sie zu Friedenszeit höchstens Flüchtlingen und einmal den Opfern einer Flutkatastrophe geholfen, wo auch schon Essen verteilt wurde. Das könnte sich nun von Grund auf ändern, sagte am Freitag Rotkreuz-Sprecherin Juliet Mountford dem Londoner Independent: "Dies ist für uns ein erster Schritt. Wir sind am Überlegen, ob wir mehr unternehmen müssen an der Hungerfront."

Chris Johnes von der Wohlfahrts-Organisation Oxfam erklärte dazu, er finde es "echt schockierend", dass die Situation so schlimm geworden sei, dass nun das Rote Kreuz anrücke: "Das sind nicht Leute, die etwas machen, um sich groß in Szene zu setzen. Das die das jetzt tun, zeigt nur, wie ernst die Lage bereits geworden ist."

Der Ansturm auf die Suppenküchen und die steil ansteigende Zahl von Kindern, denen freie Schulmahlzeiten zustehen, haben in jüngster Zeit Schulen, Gemeinden und karitative Verbände Großbritanniens beunruhigt. Einer Umfrage des Verbrauchermagazins "Which?" zufolge ist sich die Hälfte aller Haushalte nicht sicher, ob sie die nächsten Jahre ihren Nahrungsmittelbedarf decken kann. Drei von zehn der Befragten gaben an, es falle ihnen schon jetzt schwer, sich und ihre Familien ausreichend zu versorgen. Der Verband "Christen gegen Armut" meldete kürzlich, immer mehr Kurzzeit-Kredite würden inzwischen zur Deckung des täglichen Bedarfs oder zur Zahlung von Miete oder Heizungskosten aufgenommen, und nicht mehr zum Beispiel für Hausrenovierungen oder Investitionsgüter.