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Hurra, Pisa ist da! Auf zum Zweiklassensystem im Bildungssystem!

Von Gerhard Kohlmaier

Gastkommentare

Nun sind sie da, die Ergebnisse der PISA-Studie. Und wie in den vergangenen Jahren ist das Ergebnis scheinbar ein ernüchterndes, ein katastrophales. Zumindest sehen dies zahlreiche Politiker und meist von diesen ernannte Bildungsexperten so. Reformen müssten her, tönt es wie seit Jahren aus allen politischen Lagern, wobei jedoch die verschiedenen Vorstellungen dazu sich so sehr voneinander unterscheiden wie der Krampus vom Nikolo.


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Gesamtschule versus durchlässiges, vielfältiges Schulsystem - das alte, wohlbekannte SPÖ gegen ÖVP-Match geht in die nächste, wohl wieder unbefriedigende Runde. Es wird wieder einmal mobil gemacht für diesen "Kampf", der weder heute noch gestern im Interesse derjenigen stand, die in diesem Schulsystem ihre Arbeit verrichten, die in diesem System ausgebildet (schon lange nicht mehr gebildet) werden, die ihre Schützlinge diesem System überantworten: also im Interesse der Lehrer, der Schüler und der Eltern. Ob die Mobilmachung im Interesse der Gesellschaft erfolgt, mag ebenso dahingestellt bleiben, hängt die Antwort darauf doch davon ab, welche gesellschaftlichen Aufgaben in Hinkunft zu erfüllen sind bzw. wer darüber entscheidet.

Wenn das Schulsystem ein Spiegel unseres Gesellschaftssystems ist, dann sind die Ergebnisse der Studie (so sehr ich deren Bedeutung auf Grund fehlender Vergleichbarkeit und anderer Bedingungen bezweifle) doch hervorragend. In einer Gesellschaft, in der der Verlust eines Handys bei Jugendlichen Suizidgedanken erweckt, in der die Menschen tagtäglich und in nahezu allen Medien zum Konsumrausch aufgefordert werden und diesem auch nachkommen, erscheint es mehr als sinnlos zu sein, sich als Lesender aktiv in die Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse einzubringen. PISA ist also die Bestätigung dafür, dass diese Gesellschaft, verblendet durch die herrschende Politik, längst keinen Wert mehr auf das legt, was sie nun heuchlerisch beklagt.

Wäre dem so, dann würde unter den Christbäumen in den Familien Goethes "Faust" statt ein "Geiz ist geil-Videospiel" liegen. Wäre dem so, dann müssten die staatlichen Aufwendungen für die Bildung (abseits der erhöhten Personalkosten, weil ältere Lehrer einfach mehr kosten) deutlich zugenommen haben, die Förderung von geisteswissenschaftlichen Unterrichtsfächern und Studienrichtungen, also der Entwicklung und Förderung von Wertvorstellungen, Lebenskompetenzen, kritischem Bewusstsein unserer Umwelt und unserem Sein gegenüber, jener der materiell schnell verwertbaren naturwissenschaftlichen mindestens ebenbürtig sein. Wäre dem so, dann würden SchülerInnen vielleicht zur Weihnachtszeit auf eine Lesestunde aus Roseggers "Als ich noch ein Waldbauernbub war" oder auf eine Stunde zum Nachdenken drängen und nicht auf einen Besuch des Adventmarktes.

Aber wir alle wissen. Dem ist nicht so.

Gerade jetzt in der ach so stillen Adventzeit, führt diese Gesellschaft jeden Gedanken an Besinnung und an Selbstreflexion ad absurdum.

Haben Sie sich schon einmal durch einen wie Pilze aus dem Boden geschossenen Adventmärkte schieben lassen? Haben Sie schon einmal die Gesichter der sich im Konsumrausch badenden Menschen genau angesehen? Den Ekel vor all dem Stress, vor all den täglichen Erniedrigungen am Arbeitsplatz, vor all dem Kitsch und Unsinn, der sie vom morgendlichen "Last Christmas" aus dem Radio, über die bereits Ende Oktober aus den Lautsprechern der Supermärkte leise tönenden tönenden "Kauf!-Engelsstimmen" bis zum abendlichen "Ist da jemand" (oder heißt es "Pisst da Jemand?") aus dem TV umgibt, vermögen sie sich offensichtlich nur noch am Punschstand zu entziehen, an dem sie sich "im Dienste der guten Sache" besaufen und betäuben, zumindest bis zum Heiligen Abend, an dem dann "Gott sei Dank alles vorbei ist".

Natürlich können Sie dem auch entfliehen, aber diese Flucht wird ihnen nicht leicht gemacht. Dafür brauchen Sie andere Kompetenzen als die, welche unsere Gesellschaft und letztlich auch unser Schulsystem, welches davon nicht zu entkoppeln ist, jungen Menschen vermittelt.

Vor allem brauchen Sie dafür kompetente, selbstbewusste und vor allem unabhängige Pädagogen. LehrerInnen, die nicht systemhörig sind, solche, die tatsächlich etwas zu vermitteln, zu erzählen haben, das die Grenzen der gesellschaftlichen Kurzsichtigkeit zu überschreiten vermag. Diese Lehrer, diese Pädagogen gibt es, diese Schulen, die das Hauptaugenmerk ihrer pädagogischen Bemühungen auch auf Kompetenzen der angedeuteten Art richten, die gibt es. Aber anstatt sie zu fördern, anstatt ihnen ein Mehr an Ressourcen aller Art zur Verfügung zu stellen, möchte man sie in das Zwangskorsett einer zur Perversion entarteten Bildungspolitik stecken, welche ihre Rechtfertigung nicht mehr von humanitären Bildungszielen, welche die Menschen zu einer eigenständig bestimmten, von kritischem Bewusstsein getragenen Lebensführung befähigen soll, ableitet, sondern von politisch definierten Kompetenzen, welche die Menschen eben dieser Freiheit und dieses kritischen Bewusstseins berauben. Und sie brauchen dafür Eltern, die selbst Bildung erfahren durften, Eltern, die Zeit für ihre Kinder haben, die - insbesondere im Bereich der Leseerziehung - Vorbildcharakter haben.

Aber der so genannte "Markt" gibt die Kompetenzen vor, die Politiker fungieren dabei als Erfüllungsgehilfen, und der Großteil der Bevölkerung beklatscht zudem noch den von politisch und selbsternannten Experten verordneten bildungspolitischen Wahnsinn, weil er - über Jahrzehnte medial und parteipolitisch ohnmächtig geschlagen - sich anders nicht mehr zu helfen weiß, weil er ja selbst über die nötigen Kompetenzen dazu nicht mehr verfügt. So werden Refugien für all jene entstehen, die sich am privaten Markt Bildung teuer erkaufen können, während das staatliche Schulsystem auf scheinbar hohem Niveau - markiert durch irgendeinen akademischen Grad - in der Bedeutungslosigkeit versinken wird.

Gerhard Kohlmaier ist Initiator der ÖGB-Initiative "Steuerini.at":www.steuerini.at und Personalvertreter am Öffentlichen Schottengymnasium in Wien.