Zum Hauptinhalt springen

Ice Cold Case

Von Eva Stanzl

Wissen
Der Blick in die Kälte: Vitrinenfenster zur Kühlzelle der Eismumie Ötzi.
© Südtiroler Archäologiemuseum/Ochsenreiter

Vor 25 Jahren wurde die Eismumie Ötzi gefunden. Für die Archäologie ist sie nach wie vor von unschätzbarem Wert.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 7 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Zunächst gingen die Wissenschafter von einem Gebirgsunglück aus. Doch dann stellte sich heraus, der Mann im Eis wurde vor mehr als 5300 Jahren ermordet. Forensische Auswertungen von Röntgenbildern zeigten eine Pfeilspitze aus Feuerstein in seiner linken Schulter. Der Pfeil hatte die Schlüsselbeinarterie verletzt, wodurch der Mann innerhalb von Minuten verblutete. Vermutlich erlitt er auch eine schwere Kopfverletzung durch einen Schlag. Den Forschern war klar: Es handelte sich um einen kupferzeitlichen Kriminalfall.

Vor 25 Jahren, am 19. September 1991, fand das Ehepaar Erika und Helmut Simon am Tiroler Niederjochferner die Leiche eines Mannes. Es sollte sich um den ersten Mumienfund handeln, der Aufschluss geben sollte über den Alltag im Übergang von der Jungsteinzeit zur Kupferzeit. In Unkenntnis ob der Sensation wurde die Mumie zunächst allerdings mit Skistöcken und einem Presslufthammer dem ewigen Eis des Similaun Gletschers entrissen. Als der Archäologe Konrad Spindler von der Universität Innsbruck schließlich die Ausrüstung sah, war ihm klar, dass die Leiche mindestens 4000 Jahre im Eis gelegen war.

Gletscher-Bewegungen

Die Wissenschafter tauften den Fund "Der Mann vom Hauslabjoch", die Medien "Ötzi". Mit einem Tag der offenen Tür am Sonntag feiert das Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen das Jubiläum. Gemeinsam mit dem Institut für Mumien und den Iceman der Europäischen Akademie organisiert es von Montag bis Mittwoch auch einen Fachkongress. Denn obwohl sie bereits gut erforscht ist, gibt die älteste Feuchtmumie der Welt immer noch Rätsel auf.

Unter anderem wollen Kriminologen aus München Einschätzungen zum Tatmotiv präsentieren. Warum wurde Ötzi ermordet und von wem? Hierzu gibt es nur Vermutungen. "Dass wir den Mörder finden, halte ich für eine Illusion. Denn dazu müssten wir die DNA-Spuren eines Verdächtigen finden", sagt Albert Zink, der das Institut für Mumien und den Iceman leitet und die wissenschaftliche Verantwortung für die Eismumie trägt. "Aber wir können über die Motive nachdenken. Dass es Raubmord war, ist unwahrscheinlich, denn dann hätte der Mörder das wertvolle Kupferbeil mitgenommen. Eine andere Möglichkeit wäre eine Stammesrivalität, ein Territorialstreit oder ein Eifersuchtsdrama." Einiges spreche dafür, dass Ötzi auf der Flucht von seinen Gegnern gestellt wurde, der Mörder später an einer anderen Stelle gestorben ist und seine Leiche durch die Gletscher-Bewegungen zerrieben wurde.

Botaniker grenzen den Todeszeitpunkt anhand von Pollenanalysen auf den Frühling ein - klimabedingt ein guter Zeitpunkt, um Hochgebirge zu queren. Fest steht auch, dass Ötzi relativ wohlhabend gewesen sein muss. Seine kunstvoll genähte Kleidung besteht aus fünf verschiedenen Tierarten - die Mütze aus Bärenfell, der Mantel aus Ziegen- und Schafhaut, die Schuhriemen aus Rindsleder, der Köcher für Pfeile aus Rehleder. Der Mann aus dem Eis jagte Wildtiere und war nicht nur mit Viehhaltung beschäftigt - anders als ärmere Mitglieder seiner Gesellschaft, die in Clans lebten und auf wenig ertragreichen Böden Ackerbau betrieben. Spuren von Arsen in Ötzis Lunge deuten darauf hin, dass er in der Kupferverarbeitung tätig war, allerdings haben Archäologen keine Hinweise auf solche Verarbeitungsstellen in Südtirol.

Obwohl Ötzi mit seinen 45 Jahren für steinzeitliche Verhältnisse lange lebte, laborierte er an Leiden, die selbst heute als ernst eingestuft werden. Eine Analyse seines Erbguts im Jahr 2012 zeigte eine Veranlagung für Herz-Kreislauferkrankungen, computertomografische Aufnahmen Spuren von Arteriosklerose. Dabei litt Ötzi nicht an Bewegungsmangel, wie sein durchtrainierter Körper zeigt. Ohne die genetische Veranlagung wäre es also selbst bei fettreicher Ernährung eher nicht zur Gefäßverkalkung gekommen. Die Gletschermumie zeigt Spuren von Treponema-denticola-Bakterien im Körper, die bei Zahnfleisch-Entzündungen eine Rolle spielen, und Helicobacter-pylori-Bakterien im Magen, die Magengeschwüre und Krebs auslösen können.

Der einzige "Zeitzeuge"

Bei den Untersuchungen war Ötzi so etwas wie ein Versuchskaninchen für neue Technologien. "Er war einer der ersten ‚Patienten‘ und die erste Mumie, deren Gesamt-Genomsequenz analysiert und rekonstruiert wurde", erklärt Albert Zink: "Danach hat man angefangen, diese Technologie für lebende Menschen zu nutzen." Der Mann im Eis war auch Pionier der virtuellen Schädel-Rekonstruktion mit Computertomographie. "Das Verfahren wird heute bei der Planung von Schädeloperationen eingesetzt", sagt Zink.

Für die Archäologie ist die Eismumie von unschätzbarem Wert. "Vor ihrer Entdeckung hatten wir unser Wissen über den kupferzeitlichen Alltag von Gräber-Funden - meist Skelette mit Beigaben", erklärt Andreas Putzer, Archäologe am Archäologiemuseum in Bozen. "Ein Grab ist aber immer eine künstliche Situation. Es ist schwer, abzuwägen, ob diese Gegenstände Teil des alltäglichen Lebens waren oder bewusst für das Grab gefertigt wurden." Ötzi konnte nicht bestattet werden. Dass seine Mumie erhalten ist, ist auch dem Umstand zu verdanken, dass sein Körper in einer Felsmulde zum Liegen kam und somit vor den gewaltigen Gletscherbewegungen geschützt war. Durchaus könnte er, der in der Gegend südlich der Alpen geboren wurde und starb, der einzige "Zeuge" seiner Zeit bleiben.