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"Ich flehte um meinen Tod"

Von Ines Scholz

Politik

Wien · Rund 26.000 Frauen wurden Schätzungen zufolge während des Krieges in Bosnien-Herzegowina zwischen 1992 und 1995 vergewaltigt, oft auch mehrmals; ihre Dunkelziffer liegt wohl noch | höher. Die meisten von ihnen waren Vertreterinnen der Moslems und verbrachten einen Teil des Krieges in den berüchtigten Konzentrationslagern wie Omarska, Keratem, Trnopolje, Batkovici. Über die | schrecklichen Demütigungen zu reden, die seelischen Wunden offen zu legen, fällt ihnen bis heute schwer. Sie tragen hart an ihrem Trauma und das meist im Stillen. Einige jedoch entschlossen sich, ihr | Schweigen zu brechen.


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Am Donnerstag präsentierte das "Zentrum für ehemalige LagerinsassInnen in Bosnien-Herzegowina" im Radio Funkhaus des ORF in Wien ein Buch, in dem 50 Frauen über die brutalen und menschenunwürdigen

Erniedrigungen durch ihre Peiniger berichten.

"Ich flehte sie an, mich zu töten ("Molila sam ih da me ubiju" · Verbrechen gegen bosnische Frauen" lautet der Titel dieses wichtigen Zeitzeugnisses, das in einigen Monaten auch in deutscher und

englischer Sprache erscheinen soll. Nicht nur die Betroffenen selbst kommen darin zu Wort, auch zahlreiche Psychologen, Psychiater, Soziologen, Theologen und Juristen aus verschiedenen Ländern

versuchten, sich dem Thema wissenschaftlich zu nähern, unter ihnen Manfred Nowak, Direktor des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Menschenrechte in Wien oder der ehemalige Präsident des UNO-Tribunals für

Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien, Richard Goldstone.

"Kriege werden fast ausschließlich von Männern geplant und durchgeführt, Leidtragende sind aber immer vor allem die Frauen", weiss Nowak. "Es gibt fast keinen Krieg, wo sie nicht vergewaltigt,

erniedrigt, gefoltert, getötet werden · das ist quasi der Lohn für die siegreichen Armeen".

Im Bosnien-Krieg erhielt die Gewalt gegen Frauen aber noch eine zusätzliche Dimension: Vergewaltigungen wurden zum "integrativen Bestandteil der systematischen ethnischen Säuberungen". Sie waren

nicht mehr bloß "zufälliges Produkt, sondern Teil der Kriegsstrategie". Tausende mussten diese Kriegstatik am eigenen Leib über sich ergehen lassen, "und viele flehten tatsächlich um ihren Tod",

erinnert der ehemalige UNO-Menschenrechtsexperte für Ex-Jugoslawien anlässlich der Buchpräsentation, zu der Radio "Nachbar in Not" geladen hatte.

Nicht alle überlebten die Torturen. Viele wurden nach den Folterungen und sexuellen Erniedrigungen umgebracht. Immer wieder erzählen in dem Buchband Frauen von Leidensgenossinnen, die von serbischen

Soldaten irgenwohin gebracht wurden und nie wieder zurückkamen. Auch vor jungen Mädchen, alten Frauen und Müttern machten sie nicht Halt.

Das Buch, in dem die Frauen der Öffentlichkeit erstmals Zeugnis über ihre unsagbaren Demütigungen ablegen, macht betroffen. Manche Passagen sind schwer verdaulich. Co-Autor Nowak lobt es dennoch als

wichtigen Beitrag, um "ein weiteres Stück der Wahrheit an Tageslicht bringen". Und es solle auch dazu beitragen, dass die Verantwortlichen or Gericht gestellt werden. "So etwas darf nie wieder

passieren."

Die Täter doch noch der Gerichtsbarkeit zuzuführen ist auch Melika Malesevic ein grosses Anliegen. "Wir werden alles versuchen, damit sie nicht ungestraft davon kommen, meinte die Bosnierin, die als

Mitarbeiterin des "Zentrums der Lagerinsassen von Bosnien-Herzegowina" an der Herausgabe des bisher nur in ihrer Landessprache erschienen Buches mitbeteiligt war. Der Regierung in Sarajevo warf sie

vor, sich des Probems der betroffenen Frauen nie nicht angenommen zu haben. Die Machthaber gingen kaum gegen die Missetäter vor. Auch gebe es in Bosnien derzeit keine Institution, die sich der

psychologischen Betreuung von Vergewaltigungsopfern widme, ergänzte Malesevic. Was also bleibe, sei, den Opfern die Chance zur Artikulation zu geben und diese historischen Dokumente in Buchform

weltweit publik zu machen.

Irfan Ajanovic, Präsident des in Sarajevo ansässigen Verbandes, dessen Aufgabe es ist, Fakten über die Kriegsverbrechen in Bosnien zusammenzutragen und auszwerten, weiss ein Lied über über die

Ungerechtigkeit der Nachkriegspolitik zu singen: Während die einstigen Täter heute in den Genuss zahlreicher Privilegien wie Pensionsvorsorge, Bevorzugung bei der Arbeitssuche, Lohnabgeltung für die

Kriegsjahre oder Zollvorteile kämen, gingen die Opfer leer aus, kritisierte Ajanovic. "Die Betreiber von Konzentrationslagern haben Privilegien, die vergewaltigten Frauen bekommen nichts."

Verband der LagerinsassInnen von Bosnien-Herzegowina (Hg): Molila sam ih da me ubiju. 484 Seiten. U. a. Mit Beiträgen von Muhamed Filipovic, Manfred Nowak, Swanee Hunt, Tomas Wenzel, Azra Mredzan,

Ruth Seifert.