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"Ich kenne den Schweinehund in mir"

Von Irene Prugger

Reflexionen

Der Schriftsteller Joseph Zoderer über seine Karriere, und seinen 80. Geburtstag, den er am 25. November 2015 feiert.


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"Wiener Zeitung":Herr Zoderer, hier, in Ihrer "Schreibvilla" in Bruneck, hängt also Ihr neuer Roman . . .

Joseph Zoderer: Ja, dort die erste Fassung, in diesen beiden Zimmern die neue Fassung. Aber ich bin in der Krise, es wird eine nächste Fassung geben müssen! Es stimmt alles nicht mehr! Im Roman, der eigentlich schon fast fertig wäre, geht es u.a. um einen Katzensammler, einen ehemaligen griechischen Gastarbeiter, dessen zweite Heimat die Insel Lesbos ist. Ich kenne diese Insel seit über 25 Jahren. Ich kenne die Idylle und kenne die Folgen eines florierenden Tourismus, aber nun stranden dort täglich tausende Flüchtlinge - und diese Problematik zu ignorieren, wäre für mich literarisch untragbar.

Was werden Sie tun?

Ich werde demnächst dorthin reisen und mir ein Bild von der Situation machen. Dann werde ich eine Rahmenhandlung zu schreiben versuchen. Der Roman hätte im Frühjahr 2016 herauskommen sollen, das wird sich nun nicht mehr ausgehen.

Dafür werden aber die insgesamt 17 Bücher der neuen Zoderer-Werkausgabe über die nächsten Jahre verteilt pünktlich erscheinen. Eine sehr schöne Ausgabe, die Sie sicher freut?

Ja, der Innsbrucker Haymon-Verlag macht wirklich eine gute Arbeit. Der wissenschaftliche Anhang bei "Dauerhaftes Morgenrot" ist für mich selber zum Staunen wegen seiner akribischen Ausführlichkeit. Ich hoffe, es finden sich dafür auch akribische, interessierte Leser.

Die ProtagonistInnen in Ihren Romanen und Erzählungen stehen oft zwischen zwei Ländern, zwei Kulturen, zwei Sprachen, zwei Frauen, zwei Männern. Ein immerwährendes Dazwischen - ist und war das oft auch Ihr Lebensgefühl?

Mein Lebensgefühl ist das eines weißen Lipizzaners, denke ich manchmal. Einerseits spüre ich eine große Wildheit in mir, andererseits wurde ich durch Erziehung und Dressur veredelt. Ich war u.a. ein Missionshausschüler, der Drill, der mir damals beigebracht wurde, steckt mir heute noch in den Knochen. Ich habe Disziplin und Schweigen gelernt (Nur nach dem Essen durften wir am Hof miteinander reden, sonst war immer das Schweigen die Regel). Disziplin und Schweigen - beides kommt mir beim Schreiben zugute. Ohne Disziplin wäre ich im Leben verloren, es wäre ein tägliches Unglück, wenn ich nicht meinen Rhythmus mit Flanieren und Beobachten sowie stundenlangem Schreiben einhalten könnte. Eigentlich müsste ich ein religiöses "Vergelt’s Gott" sagen, aber ich sage lieber: zum Glück! Zur Disziplin brauche ich aber auch die Freiheit für meine Inspiration. Ich will keine bürgerliche Bravheitsstille, weder in der Literatur noch im Leben. Und so bin ich immer ein Mensch mit einem Koffer in der Hand gewesen, bereit zum Aufbruch.

Der früheste Aufbruch in Ihrem Leben war, als Sie im Alter von vier Jahren mit Ihrer Familie von Südtirol nach Graz übersiedelten, weil Ihr Vater ein Optant war, der diese Entscheidung allerdings schon vom ersten Tag in der Fremde als großen Fehler erkannt hat. Ihre Familie kehrte zehn Jahre später nach Südtirol zurück. Sie folgten 1953, lebten zwischenzeitlich zehn Jahre als Journalist in Wien und haben seit 1971 wieder Ihren Wohnsitz in Südtirol, wo Sie wegen Ihrer heimatkritischen Literatur von vielen Südtirolern als Verräter angesehen wurden.

Da muss ich echt auflachen, wenn ich daran zurückdenke. Bereits auf meinen ersten Lyrikband im Jahr 1974, "S Maul auf der Erd oder Dreckknuidelen kliabn", das einzige Buch, das ich im Dialekt verfasste, gab es über Monate in der Landeszeitung "Dolomiten" eine heftige Debatte. Einige Leserbriefschreiber wollten mich in ein Erziehungslager gesteckt wissen. Auch bei den Lesungen im Ausland war es viele Jahre so, dass eher die falschen Leute kamen, in der Annahme, einen neuen jungen Luis Trenker zu sehen und zu hören.

Sie selbst sagen oft von sich, Sie seien ein "deutschsprachiger Autor mit österreichischer kultureller Prägung mit italienischem Pass". In Wikipedia lautet der erste Satz zu Ihrer Person: "Joseph Zoderer ist ein Schriftsteller aus Südtirol." Ist Ihnen die Formulierung "aus Südtirol" lieber als ein "Südtiroler Schriftsteller"?

Unbedingt, meine Literatur reicht doch wohl, hoffe ich, über Südtirol hinaus. Was mich bewegt sind Sehnsucht, Fremdheit, Einsamkeit, Liebe und Tod. Es ist aber gut, dass ich nach Südtirol zurückgekommen bin. Wäre ich in Berlin oder Wien geblieben, wo ich einige Jahre gelebt habe, hätte ich nicht so stark den Kontrast zwischen Heimat und Fremde gespürt und nicht entsprechend darüber schreiben können.

Für den Traum, eine Schriftstellerkarriere zu realisieren, haben Sie einiges auf sich genommen, zum Beispiel gute Arbeitsverhältnisse als Journalist aufgegeben.

Ich habe mich oft selbst gekündigt. Bei "Krone" und "Kurier" sowie bei der "Presse" in Wien und später dann beim Rai-Sender Bozen, wo eine Anstellung der Sicherheit einer Generalskarriere entsprochen hätte, mit regelmäßigen finanziellen Aufstockungen und einer hohen Pension. Ich hatte zuerst gedacht, der Journalismus sei der beste Weg, mir als Schriftsteller die Welt anzueignen, aber ich merkte schon früh, dass er für mich ein Irrtum war, dass er meiner literarischen Entwicklung im Weg stand, meine Sprache eher gefährdete als förderte. Den Rai-Job gab ich auf, als ich 1981 zum Bachmannpreis eingeladen wurde und mir ein Freund empfohlen hatte, nicht aus "Dauerhaftes Morgenrot" zu lesen, sondern einen neuen Text zu verfassen. Ich war verheiratet, hatte zwei kleine Kinder, viele hielten mich für verrückt, insbesondere meine Schwiegermutter, aber ich kündigte, ging für eine Zeit nach Rom und begann dort mit dem Roman "Die Walsche", aus dem ich dann vorlas.

Beim Bachmannpreis wurden Sie für diesen Text mit Kritikerlob überschüttet. Sie waren der Favorit, aber den Preis bekamen Sie nicht. Waren Sie enttäuscht?

Wie hätte ich enttäuscht sein können! Suhrkamp hat mich zum Frühstück eingeladen, Hanser, Piper und andere bedeutende Verlage interessierten sich für mich. Und "Die Walsche" brachte mir den literarischen Durchbruch. Dabei ist es einer meiner in kürzester Zeit geschriebenen Romane und wohl auch der erfundenste, was die Figuren betrifft.

Das Thema allerdings war in dieser Drastik und Einprägsamkeit bis dahin noch nie so behandelt worden - und so wurde das Buch über "Die Walsche", die Südtirolerin, die einen Italiener liebt, ein viel diskutiertes Schlüsselwerk zum Thema Minderheitenprobleme und das schwierige Zusammenleben zweier Kulturen. Wo ist Ihr Heimatgefühl in dieser Spannung angesiedelt?

Schreiben ist meine ureigenste Heimat, aber ich habe meine Kindheit und Jugend in verschiedenen Staaten verbracht und kenne die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Geborgenheit. Ich wollte mit "Die Walsche" nicht nur aufzeigen, was bei uns in Südtirol los ist, ich schrieb eine Dorfgeschichte, die die Einsamkeit einer Frau zwischen zwei Kulturen beschreibt. Dieses Thema ist heute noch mehr denn je aktuell.

Sie schrieben eine Dorfgeschichte, obwohl Sie ein Stadtmensch waren . . .

Ich war so sehr ein Stadtmensch, dass ich eine Zeitlang, als ich schon über zehn Jahre auf meinem Bergbauernhof bei Terenten im Pustertal lebte, fast nicht mehr gehen konnte. Ich schaute aus dem Fenster, blickte über die Wiesen und Felder und fühlte mich nicht nur gelähmt, ich war es auch. Der Kulturschock hat mich seelisch und körperlich mitgenommen und ich habe lange gebraucht, ihn zu überwinden. Ich kam ja aus dem gesellschaftlich intensiven Großstadtleben hinauf auf den Berg, auf einen einsamen Hof am Waldrand, drei Kilometer vom Dorf entfernt.

Ihr Roman "Die Farben der Grausamkeit", in dem Sie u.a. diesen Kulturschock zwischen Berlin und dem Landleben auf einem ganz ähnlichen Bergbauernhof beschreiben, wird derzeit in der italienischen Übersetzung ("I colori della crudeltà") in vielen italienischen Magazinen besprochen und hymnisch gefeiert. In den deutschsprachigen Me-dien gab es ebenfalls viel Lob, aber auch kritische Stimmen. Gibt es Unterschiede in der Lesart zwischen beiden Ländern?

Ja, die Italiener lesen das Buch ganz anders. Das Thema des Mauerfalls gilt für viele deutschsprachig Lesende bereits als erledigt, die Italiener haben dafür immer noch großes Interesse. Außerdem wird der poetisch-philosophische Grundton geschätzt und auch das Liebesdrama.

Von manchen Frauen wurde Ihnen bei diesem Roman Machismo vorgeworfen . . .

Darauf habe ich immer geantwortet: Wenn immer, beschreibe ich den Machismo, ich führe ihn vor, will ihn entblößen. Meine Helden sind nicht immer sympathisch. Ich kenne den Schweinehund in mir und weiß, dass er genauso in anderen steckt. Mich hat beim Schreiben immer die Unkrauttiefe der Menschen interessiert.

Schreibt mittlerweile bereits die Last der Erfahrung mit, weil Sie um die Schwierigkeit des Schreibprozesses wissen, seine Tücken und Krisen kennen?

Ich schreibe jeden Tag, baue dabei Texte mit den Legosteinen meiner Erinnerungen und denke nie darüber nach, wie man schreiben sollte, um gern gelesen und von den Kritikern gelobt zu werden. Aber oft wache ich in der Nacht auf. Wenn ich dann an meine Freundin denke, geht es mir gut, aber wenn ich an die literarische Arbeit denke und an die Probleme, die ich dabei habe, wie zum Beispiel jetzt bei meinem neuen Roman, grüble ich immer auch über das mögliche Scheitern, dann ist mein Pyjama innerhalb von Minuten durchgeschwitzt.

Eine wichtige Inspirationsquelle neben Ihren Erinnerungen scheint auch die Natur zu sein. Sie schreiben oft über die Bergwelt, aber genauso oft über das Meer. Was steht Ihnen emotional näher?

Da kommt meine Zerrissenheit zum Ausdruck: Bin ich am Meer, sehne ich mich nach den Bergen, bin ich in den Bergen, sehne ich mich nach dem Meer. Aber an den Phänomenen der Natur kann ich mich immer berauschen. Schon allein, wenn ich aus dem Fenster meiner "Schreibvilla" in den Garten mit den großen alten Bäumen schaue, erfasst mich Ehrfurcht. Auch auf meinem Bergbauernhof auf 1200 Meter Höhe lebe ich an den Wochenenden ganz nah an der Natur, die mich immer wieder fasziniert. Der Herbst zum Beispiel ist wie eine wilde Hochzeit vor dem Sterben, ein Orgasmus der Farben.

Angst vor dem Tod?

Eher selten, ich bin ein existenzialistisch geprägter Schriftsteller und Mensch und weiß, dass das Ende das Ende bedeutet. Aber es stimmt mich heiter, wenn ich weiß, dass ich Werke hinterlasse, die anderen Menschen das Lebensbewusstein vertiefen helfen. Das gibt meinem Leben und meiner Arbeit Sinn.

Im Meer wären Sie fast einmal ertrunken, das hat auch in Ihre Literatur Eingang gefunden, zum Beispiel in "Dauerhaftes Morgenrot".

Es gibt zwei Traumata in meinem Leben: Diese Erfahrung, als ich in einem glasklaren, scheinbar ruhigen Meer schwimmen ging, obwohl alle anderen Badegäste am Strand blieben. Damals wurde ich von einer heftigen Strömung erfasst und die Menschen riefen mir vom Strand aus zu, in welche Richtung ich schwimmen sollte. Ich konnte mich mit letzter Kraft ans Ufer retten. Das zweite todesnahe Erlebnis hatte ich, als ich an einem Spätnachmittag im Winter bei heftigem Schneefall zu Fuß zu meinem Bergbauernhof unterwegs war, mich verirrte und plötzlich in der Dunkelheit und im dichten Schneetreiben nicht mehr wusste, gehe ich bergauf oder bergab. Beide Male habe ich gedacht: Ich muss überleben, ich will meine Kinder wiedersehen.

Ihre Familie ist Ihnen sehr wichtig?

Ja, und ich bin auch besonders froh darüber, dass ich mit den Frauen in meinem Leben, auch mit denen, die ich verlassen habe, ohne Streit, eine gute Beziehung pflege. Die Mutter meiner drei Kinder ist noch immer meine beste intellektuelle Gesprächspartnerin. Ja, ich war in meinem Leben mehr als einmal verliebt. Aber auch bei der größten Liebe und Leidenschaft brauche ich Abstand, um schreiben zu können.

Herr Zoderer, am 25. November feiern Sie Ihren 80. Geburtstag, wie hoch würden Sie Ihr gefühltes Alter ansetzen?

Ich bin froh, wenn dieses Geburtstagsjahr endlich vorbei ist, dann kann ich wieder in aller Ruhe fünfzig oder sechzig sein!

Irene Prugger, geboren 1959 in Hall, lebt als Autorin und freie Journalistin in Mils in Tirol.