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Ich schreibe also bin ich

Von Peter Holzwarth

Reflexionen
En vogue: Edle Notizbücher von Paperblanks
© Hersteller

Jedes Handy hat einen, jedes PC-Programm stellt | unzählige Varianten zur Verfügung - dennoch erfreut sich der gute alte Terminplaner aus Papier und Karton steigender Beliebtheit.


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Der Termin ist gemacht, das Treffen fixiert, die Aufgabenliste zusammengestellt; unentwegt werden Vereinbarungen getroffen, wird koordiniert, abgestimmt, umgestellt und notiert. Kein Tag, an dem der Mensch nicht Termine plant oder bereits geplante verwirft - schließlich sind Arbeit und Freizeit unter einen Hut zu bringen. Und so gilt heute für Jung und Alt, Arm und Reich, für Vorgesetzte, Hausfrauen, Arbeiter, Schüler und Studenten gleichermaßen: Sie alle brauchen und gebrauchen einen Terminplaner.

Und er steht in mannigfaltiger elektronischer Art und für nahezu alle Bereiche und Bedürfnisse zur Verfügung: Jedes Mobiltelefon verfügt über eine Aufgabenliste, viele Computerprogramme bieten zusätzlich teilweise aufwendige Planungshilfen an. Und es gibt natürlich die käuflich erhältlichen spezifischen Programme für jede Form der Planung, Koordinierung und Organisation.

Renaissance handschriftlich geführter Tagesbegleiter. Doch gleichzeitig gibt es seit Jahren einen Trend zu beobachten, der auf den ersten Blick befremdlich anmutet und der digitalisierten Organisation unserer Alltagswelt entgegenläuft. Denn nicht nur das handschriftlich geführte Notizbuch, sondern auch in besonderem Maße der Taschenkalender und in der Zwischenzeit sogar das gebundene Adressbuch erfreuen sich großer Beliebtheit. Und auch wenn beispielsweise die Studien von der Media Control GfK International in Kooperation mit dem Kalenderexperten Johannes Eue für die Saison 2008/2009 eine momentane Stagnation auf dem deutschen Markt ermittelte (z.B. sank der Umsatz aller verkaufter Kalender von 256,9 Millionen Euro auf aktuell 243,3 Millionen), so ist die Entwicklung der letzten Jahren im Verkauf von Notizbüchern im Allgemeinen und Taschenkalendern im Besonderen auch nach Expertenmeinung als sehr erstaunlich zu bezeichnen.

Zu dieser Entwicklung trägt sicher die Qualität und die Vielseitigkeit des spezifischen und stetig erweiterten Angebots der großen Notizbuch-Verlage bei, wie die der weltweit aufgestellten Häuser Hartley & Marks aus Vancouver mit ihrer Marke Paperblanks oder Moleskine. Aber auch die Innovationen der vielen anderen Verlage mit ihren speziellen - von sehr günstigen bis absolut hochpreisigen - Angeboten beeinflussen den Geschmack des Kunden und fördern die Nachfrage.

Wir haben es hier dennoch mit einem Trend zu tun, den vor zehn Jahren so niemand erwarten konnte. Denn unsere Informationsgesellschaft ist erstens mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln auf handgeschriebene Notizen und Termine nicht mehr angewiesen und es erscheint zweitens umständlich, für jeden Eintrag am Arbeitsplatz, bei Besprechungen oder privaten Aktivitäten sein Notizbuch oder Kalender zu zücken. Diese Entwicklung ist also nicht nur mit dem Innovationspotenzial der Verlage oder ihrer Marketingstrategien zu erklären. Das gilt besonders, wenn man die steigenden Umsatzzahlen der handgeschriebenen Adressbücher berücksichtigt. Durch die Verbreitung elektronischer Medien und die damit einhergehende Notwendigkeit, immer größer werdende Adressdatensätze zu verwalten, bedarf es der digitalen Formen des Adressbuches. Dieses kann innerhalb von in Standard-Bürosoftware integrierten Programmen oder Datenbanken, am Einzelplatzrechner, im Intranet oder Internet oder gar als separate, speziell für diesen Zweck konzipierte Software gespeichert sein.

Vor noch nicht allzu langer Zeit war das Adressbuch als Arbeitsutensil hauptsächlich für Geschäftsleute unabdingbar, wurde ansonsten aber ausschließlich für den privaten Gebrauch geführt. Heutzutage dagegen kommt kaum noch ein Mensch daran vorbei, es in den normalen Alltag als Gebrauchsgegenstand einzubeziehen. Und so steigen auch die Anforderungen an den Einzelnen, ob als Arbeitnehmer oder Privatperson: Mobiltelefone, Organizer, Mailverwaltungsprogramme und Netzwerkplattformen müssen vor allem gepflegt und aktualisiert aber auch synchronisiert werden.

Persönliches Gut und individueller Ausdruck. Es stellt sich also die Frage, warum trotz all der technischen Schreib- und Organisationshilfen immer mehr Menschen zu handschriftlich verfassten Notiz- und Adressbüchern sowie Kalendern greifen? Und das gleichermaßen im Privaten wie auch in der Arbeitswelt. Nicht nur Einkaufslisten und Rezepte, Einladungen, Liebesbriefe, Spickzettel und Mannschaftsaufstellungen, sondern auch Zeit- und Arbeitspläne, Erinnerungen und natürlich all die anderen Notizen über Notwendigkeiten und besondere Erlebnisse werden wieder handschriftlich aufgezeichnet. Ist es das Individuelle, das Persönliche im Meer des Unpersönlichen? Tage- und Notizbücher sind gleichsam Bühne und Requisite unseres Alltags. Mit ihnen werden aus bloßen Zuschauern und Zuhörern Akteure; in ihnen spiegelt sich ein Teil unseres Lebens und es könnte sein, dass wir diesen Teil nicht "aus der Hand geben wollen".

Bezüglich des klassischen Tagebuchs ergab schon eine frühere Umfrage, dass dieses bei ca. acht Prozent der Deutschen (polis/Usuma, 2006: zwölf Prozent Frauen, vier Prozent Männer) mehr oder weniger intensiv im Gebrauch ist. Die von Media Control GfK International für die Saison 2008/2009 erhobene absolute Zahl von 35,7 Millionen verkauften Kalendern alleine in Deutschland zeigt darüber hinaus, dass wir es nicht nur mit irgendeiner neuen Modeerscheinung zu tun haben, sondern dass viele Menschen handschriftlich geführte Kalender und Notizbücher bevorzugen bzw. zusätzlich nutzen. Oder wie im Fall der notwendigen Adressverwaltung, bei der es durchaus nützlich sein kann, ein handgeschriebenes Adressbuch als eine Art Sicherungskopie nebenher zu verwalten.

Und auch wenn die Statistiken mit Vorsicht zu behandeln sind, so ist doch unverkennbar, dass es eine (Rück-) Entwicklung hin zum handschriftlich geführten Tagesbegleiter gibt. Wir dürfen nicht vergessen, dass mit dem Siegeszug des Personal Computers und des Internets die schriftliche Kommunikation eine unerwartete Renaissance erfahren hat und zur generalisierten Form der menschlichen Kommunikation überhaupt geworden ist. Unsere Lebenswelt wird dadurch aber auch anonymer und unpersönlicher. Und vielleicht gibt sich der Mensch gerade deshalb im Privaten aber auch in seiner Arbeitswelt eine individuelle Note dadurch, dass er sein eigenes schönes Buch besitzt und bei sich trägt. Der Einzelne scheint sich im Zeitalter einer sich medial vermittelnden Welt mit ihren vielen verschiedenen Kommunikationsformen im Netz des Datenflusses zu verlieren. Als zwangsläufig funktionierendes Rädchen in dieser anonymen Informations-Maschinerie ist der Mensch offensichtlich bestrebt, die eigene Sichtweise und Haltung darzustellen und so einen Teil seiner selbst zu bewahren.

Was würde sich wohl besser dafür eignen als die eigene Handschrift! Mit ihr setzen wir ein ganz persönliches Zeichen gegen die austauschbare programmierte Typisierung, setzten den Anker in die an uns vorbeifließende Information und verlieren uns nicht in der von uns abverlangten Flexibilität und Mobilität, die oft Vorbedingungen für ein mögliches Arbeitsengagement sind.

So ist allen Unkenrufen zum Trotz weder der Akt des von Hand Schreibens noch die Benutzung von hochwertig angefertigten Notizbüchern ein überholt geglaubtes Relikt. Im Gegenteil: Analog zum Buch, dessen Untergang mit dem Einzug des Fernsehens prognostiziert wurde, erfreut sich heute das Notizbuch in den verschiedensten Formen und Funktionen steigender Beliebtheit. Und die Leute schauen nicht nur auf den Preis, sondern vor allem auf die Qualität: Notizbuch und Kalender avancieren vom notwendigen Alltagsbegleiter zum schmückenden Accessoire. Diese Entwicklung spiegelt sich in den letzten Jahren auch auf dem PBS-Markt (Papier, Büro und Schreibwaren) wider. Die Umsatzzahlen besonders in den Bereichen Notizbuch, Kalender und Schreibutensilien steigen stetig. Und mit Blick auf den Synergieeffekt, der sich aus den Berührungspunkten zwischen Buch- und PBS-Markt ergeben wird, kann man sagen: Wer viel liest, möchte auch gern schreiben. Und was der Mensch aufschreibt, erlebt er aufs Neue.