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"Ich sehe keine offenen Fragen"

Von Ina Weber

Politik

Während Wiens Ärztekammer Kampfmaßnahmen wegen Nachtdienst-Reduzierungen plant, bleibt Stadträtin Wehsely hart.


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Wien. Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) kann der Streikdrohung der Wiener Ärztekammer nichts abgewinnen. Die Veränderung des Wiener Spitalswesens sei ein "evolutionärer Prozess" und "vertraglich bis ins kleinste Detail" festgelegt. Im Interview mit der "Wiener Zeitung" schließt sie eine Leistungsminimierung an Wiens Gemeindespitälern aus und erklärt die Eckpfeiler des zukünftigen Wiener Gesundheitswesens.

"Wiener Zeitung":Die Wiener Ärztekammer plant heute, Mittwoch, ihr weiteres Vorgehen. Man hört, dass im September Streiktage an unterschiedlichen Spitälern eingelegt werden sollen. Werden Sie auch dann den Fahrplan für die neuen Ärztedienstzeiten umsetzen?Sonja Wehsely: Wir haben im Jahr 2015 ein Paket verhandelt, das sehr klar und detailliert ist. Darin steht, dass ab 1. Juli 2015 die Gehälter der Ärzte deutlich erhöht und im Gegensatz dazu schrittweise die Dienst- und die Arbeitszeiten angepasst werden. Dabei geht es um die Verschiebung von Nachtdiensten in den Tag und wie lange dieser dauert. Mein Auftrag an den Krankenanstaltenverbund (KAV) besteht ganz klar darin, sich an die Vereinbarung zu halten und in jedem Einzelfall zu schauen, ob die Rahmenbedingungen so sind, dass die Umsetzung auch möglich ist. Und ich sehe keine offenen Fragen bei dieser Vereinbarung. Wir haben vereinbart, ein Drittel der Nachtdienste in den Tag zu verlegen. Am Ende des Jahres werden wir bei 60 Prozent der Umsetzung sein. Dazu stehe ich, weil es darum ging, das Schritt für Schritt zu machen.

Immerhin haben sich mehr als die Hälfte aller KAV-Spitalsärzte für einen möglichen Streik ausgesprochen. Ist das nicht Grund genug, um noch einmal Gespräche zu führen? Viele Experten meinen auch, dass es zu wenig Zahlenmaterial gibt, um wirklich die Auswirkungen abschätzen zu können.

Ich biete ihnen jedes Zahlenmaterial, das sie gerne möchten. Hier geht es ganz stark um ein Politikum und um die Ärztekammerwahl im nächsten Jahr. Denn es gibt Missverständnisse, wo gar keine sein können. Wenn die Ärztekammer etwa sagt, dass es jetzt weniger Ärzte gibt als vor einem Jahr, dann ist das falsch. Wir haben jetzt mehr Ärzte als vor einem Jahr. Das sind klare Fakten.

Warum sollen die Kammerwahlen schuld am Aufschrei sein?

Der Kammerpräsident (Thomas Szekeres, Anm.) regiert mit sieben anderen Fraktionen, die nun alle um ihr Leiberl rennen. Da geht es ganz stark darum, wer am lautesten schreit und wer der nächste Kammerpräsident wird. Denn kein Mensch denkt daran, dass in der Nacht keine Ärzte da sein sollen.

Gab es überflüssige Nachtdienste?

Der Nachtdienst war früher wesentlicher Bestandteil des Gehalts. Diesen Anreiz gibt es nun nicht mehr, weil der Verdienst in das Grundgehalt gehoben wurde. Dieser Umstand wird jetzt in der aufgeheizten Stimmung natürlich bestritten werden.

Für viele Ärzte sind die 25-Stunden-
(Nacht-)Dienste aber oft notwendig, um einen Informationsverlust zu vermeiden. Immerhin haben diese Dienste ja auch in den vergangenen Jahrzehnten funktioniert . . .

Ich kann die Verunsicherung der Ärzte ja nachvollziehen. Hier geht es um die größte Veränderung in den letzten Jahrzehnten. Doch auch die Ärztekammer hat Folgendes unterschrieben: Die geplanten Veränderungen sind ein wesentlicher Bestandteil, um das Wiener Spitalswesens an die zukünftigen Herausforderungen anzupassen. Und genau das tun wir. Der Patient wird dabei leider von manchen in Geiselhaft für individuelle Bedürfnisse genommen.

Ein Schwerpunkt sind die zentralen Notaufnahmen. Was ist damit eigentlich genau gemeint?

Der Unterschied ist, dass der Arzt zum Patienten kommt. Wenn ein Notfall hereinkommt, kommt der Arzt von der Fachabteilung zur zentralen Notaufnahme und nicht mehr der Patient in die jeweilige Abteilung. Beim sukzessiven Ausbau der zentralen Notaufnahmen sieht man sehr gut, dass die derzeitige Umstrukturierung ein evolutionärer Prozess ist.

Sie schließen die von den Ärzten immer wieder angesprochene und gefürchtete Leistungsminimierung in Wiens Spitälern aus?

Ja.

Viele Ärzte sind verärgert und sagen, dass die Spitäler überlastet sind, weil der niedergelassene Bereich nicht funktioniert...

Das Paket dreht sich nicht nur um den KAV, sondern um das Gesundheitssystem insgesamt. Ich verhandle derzeit mit den niedergelassenen Ärzten über ein Wiener Hausarzt-Modell, wo es darum geht, den Beruf des Allgemeinmediziners zu attraktivieren. Für die jungen Ärzte ist es nicht mehr attraktiv, allein mit einer Sprechstundenhilfe in einer Ordination zu sitzen. Die brauchen andere Strukturen. Das eine bedingt aber das andere. Wenn es im Spital nicht zu einer Effizienzsteigerung kommt, komme ich nicht zum nächsten Schritt, der Stärkung der Niedergelassenen.

Ein Beispiel sind Wiens Kinderärzte. In einer stark wachsenden Stadt sind diese rückläufig.

Ja, das ist eine schlechte Situation, die wir in Wien haben. Ich kann momentan nur Krücken bilden, wie eine im AKH vorgelagerte Kinderpraxis mitzufinanzieren. Auch im Kaiser-Franz-Josef-Spital haben wir eine solche eingerichtet und wir wollen das noch bei anderen Stationen machen. Aber das ist natürlich nicht die Lösung. Die Lösung muss sein, flächendeckend ausreichend Kinderärzte zu haben. Und dafür gibt es derzeit Verhandlungen seitens der WGKK mit der Ärztekammer, damit die Finanzierung und die Rahmenbedingungen passen.

Das heißt, es gibt mehr Geld für Kinderärzte?

Geld ist der eine Punkt, eine engere Zusammenarbeit mit den Spitalsambulanzen ein anderer. Die Spitalsambulanzen im Kinderbereich sind vor allem am Wochenende voll mit kranken Kindern, die aber überhaupt kein Spital brauchen.