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"Ich würde Griss nicht deshalb wählen, weil sie eine Frau ist"

Von Petra Tempfer

Politik
Auch auf der Zielgeraden des Wahlkampfes nächste Woche werde Griss stets Haltung bewahren, glaubt der 22-jährige Jus-Student Stefan Himsl.
© Stanislav Jenis

Das Juridikum - der klassische Ort, wo man selbstredend auf potenzielle Wähler der ehemaligen OGH-Präsidentin und Bundespräsidentschaftskandidatin Irmgard Griss trifft? Nicht unbedingt, wie ein Lokalaugenschein zeigt.


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Wien. Emsiges Treiben herrscht diesen Nachmittag in der Aula des Juridikums, der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien. Auch vor den Eingängen in der Hohenstauffengasse und in der Schottenbastei scharen sich Studenten zu Gruppen, um zu plaudern, zu essen, zu rauchen - oder zu politisieren. Es ist jener Ort, an dem man aufgrund ihrer Vorgeschichte als ehemalige Präsidentin des obersten Gerichtshofes potenzielle Wähler der Juristin Irmgard Griss vermuten würde. Ganz so eindeutig ist die Situation dann aber doch nicht, zeigt ein Lokalaugenschein der "Wiener Zeitung" unter den Studenten. Was diese verbindet, ist, dass sie uns alle bereitwillig ihre wohlüberlegten Standpunkte zur Bundespräsidentschaftswahl am 24. April schildern - aufgrund möglicher Konsequenzen in ihrer juristischen Laufbahn bis auf eine Ausnahme aber nicht mit vollem Namen genannt werden wollen.

"Irmgard Griss ist auf jeden Fall bereichskompetent, weil sie Juristin ist", sagt - die eine Ausnahme -Stefan Himsl, während er die Aula des Juridikums betritt. "Sie hat einen beeindruckenden Lebenslauf."

"Hätte Fischer nicht hergegeben"

Wie würde sich das im Vergleich zu den anderen Kandidaten konkret auswirken, wäre Griss Präsidentin? Der 22-Jährige, der an der Uni in der Mindeststudienzeit unterwegs ist, überlegt und reibt sich das Kinn. "Die anderen geben ein Wahlversprechen nach dem anderen, und wenn jemand fragt, woher man das Geld dafür nehmen soll, kommt als Antwort: ,Na, dann müssen wir halt die Verfassung ändern.‘ Griss gibt sich in der Hinsicht weniger Utopien hin, sondern wirkt eher pragmatisch", antwortet er schließlich.

Eigentlich hätte Stefan Himsl ja "Fischer nicht hergegeben", wie er sagt -der bis 8. Juli dieses Jahres amtierende Bundespräsident Heinz Fischer ist auch Jurist. Dass Griss die erste weibliche Bundespräsidentin werden könnte, sei allerdings auch reizvoll, "obwohl sie es auf internationaler Ebene außerhalb Europas vermutlich schwer haben wird". Der Student, der im Moment noch nicht weiß, bei wem er am Wahltag das Kreuz machen wird, werde aber sicher nicht Griss allein deshalb wählen, weil sie eine Frau ist.

"Ich auch nicht", sagt dazu Michaela J. "Für mich ist klar Van der Bellen mein Favorit." Griss sei zwar gewiss sehr schlau und vertrete interessante Ansichten -diese seien aber mitunter zu christlich, zu konservativ. Was ihr fehle, so die Studentin, sei Charisma. Alexander Van der Bellen (von den Grünen unterstützt) sei auch nicht zu 100 Prozent perfekt. "Auf internationaler Ebene könnte er Österreich aber gut vertreten."

Die Gedanken der Studenten spiegeln die Einschätzung des Politikwissenschafters und Meinungsforschers Peter Hajek wider. "Unter-30-Jährige spricht Griss nicht an", sagt er, "dafür ist sie zu richterlich." Sogar für viele Jus-Studenten. Für Griss werde es daher "sicherlich kein Heimspiel werden". Die Wähler zwischen 30 und 50 Jahren würden schon eher zu Griss tendieren, die Älteren wieder nicht, weil diese zu wenig internetaffin seien und Griss mit einer Online-Offensive in den Wahlkampf startete. Für die Jüngeren, die Unter-30-Jährigen, passten indes "der junge Hofer oder der grüne, verwirrte Professor" besser, so Hajek.

"Hofer kommt sympathisch rüber, Griss unsympathisch", sagt auch der Jus-Student Moritz H., als er sich zu seinen Kollegen gesellt. Der 45-jährige Norbert Hofer (FPÖ) wirke einfach am jugendlichsten. Wählen werde er ihn dennoch ganz sicher nicht, meint der Student und schüttelt entschieden den Kopf. Weil die für ihn "falsche" Partei dahinterstehe. Andreas Khol (ÖVP) habe wiederum die von Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll initiierte Personal-Rochade in der ÖVP geschadet. Auch Rudolf Hundstorfer (SPÖ) als Gewerkschafter und ehemaliger Sozialminister sei in dieser Hinsicht "viel zu politisch, sogar noch politischer als Hofer". Und das, obwohl ein Bundespräsident als moralische Instanz des Landes absolut unparteiisch sein müsse.

Als Unabhängige in die Stichwahl?

Genau aus diesem Grund wird Annelie L. Griss wählen, wie die Studentin sagt. Als unabhängige Kandidatin stehe diese für einen konstruktiven Weg. Sie sei zwar weniger geübt beim Geben von Interviews und auch irgendwie eine "graue Maus". "Aber sie zieht sich zumindest schon bunter an", so die Studentin. Annelie L. glaubt sogar, dass Griss es in die Stichwahl schaffen könnte.

Umfragen des Gallup-Instituts zufolge führt derzeit Van der Bellen mit 26 Prozent der Wählerstimmen im Rennen um das Bundespräsidentenamt. Hofer folgt mit 24 Prozent, Griss liegt mit 20 Prozent an dritter Stelle. Auf sie folgen Hundstorfer (16 Prozent), Khol (11 Prozent) und der Bauunternehmer Richard Lugner (3 Prozent).

Für den immer noch unschlüssigen Stefan Himsl steht zumindest eines fest: Auch auf der Zielgeraden des Wahlkampfes nächste Woche, "wenn es so richtig dreckig wird", werde es Griss sein, die stets Haltung bewahrt.