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"Idealerweise 1,8 statt zwei Kinder"

Von Konstanze Walther

Wirtschaft

Lord Adair Turner über die Entwicklung der Weltbevölkerung. | Geburtenrate explodiert in einigen | "Intelligente" Pensionsreformen im greisen Europa nötig. | Wiener Zeitung:Als ehemaliger Leiter der britischen Pensionsreforms-Kommission haben Sie sich viel mit der Bevölkerungsentwicklung beschäftigt. In Ihrem Vortrag anlässlich des internationalen Demografie-Kongresses in St. Gallen äußerten Sie sich überaus optimistisch über die Zukunft der westlichen Welt.


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Lord Adair Turner: Die größten demografischen Herausforderungen stellen sich in der Tat nur in den Entwicklungsländern, wo die Geburtenrate explodiert, wie etwa im Jemen, Pakistan und Uganda.

Und Indien?

In Indien dagegen, wo man sich lange Zeit Sorgen um die vielen Geburten gemacht hat, hat sich diese Entwicklung eingebremst. In einigen indischen Bezirken ist die Geburtenrate sogar unter zwei Kinder pro Frau gefallen. Zukunftsprognosen zeigen, dass in den "stärker entwickelten" Entwicklungsländern - inklusive Chinas - die Bevölkerung bis 2050 weitgehend konstant bleiben wird. Auch in den USA kommt es zu keiner großen Zunahme.

In Europa wird oft beklagt, dass die Geburten zurückgehen. Bei zwei Kindern pro Frau geht man davon aus, dass die Balance in der Gesellschaft gehalten wird - zwei Kinder würden ihre beiden Eltern ersetzen. Wenn weniger Kinder geboren werden, wird die Bevölkerung dagegen älter und weniger Personen treten ins Arbeitsleben ein.

Hier gibt es aber Unterschiede. Wenn im Durchschnitt jede Frau nur 1,7 Kinder bekommt und dazu aber die Immigration kommt, gibt es keine Probleme. Volkswirtschaftlich werden die Immigranten wie Kinder behandelt - das heißt, man zählt sie als Geburten. Solange die so kombinierte Geburtenrate zwischen 1,7 und 1,9 bleibt - wie etwa in Frankreich, Großbritannien und Schweden - gibt es keinen Grund, sich Sorgen zu machen.

In Italien ist die Fertilitätsrate allerdings bei 1,3.

Und mit den Immigranten kombiniert ist sie bloß 1,5. Doch wenn die EU die Grenzen für die neuen Mitgliedsländer öffnet, wird sich wohl auch dieses Problem erübrigen. Ich glaube, dass eine Fertilitätsrate von 1,8 oder 1,9 sogar besser ist als 2 oder 2,5, denn dann könnte man ökonomisch davon ausgehen, dass jedenfalls genug Arbeitsplätze vorhanden sein werden.

Dann wird die Bevölkerung aber zunehmend älter.

Deswegen brauchen wir intelligente Pensionsreformen. Man kann nicht das Pensionseintrittsalter gleich halten, wenn die Lebenserwartung ständig am Steigen ist. Mit der jüngsten britischen Pensionsreform wird das Pensionsalter bis 2024 von bisher 65 schrittweise auf 68 angehoben.

Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptprobleme bei Pensionsreformen?

Problem Nummer Eins ist: Viele Staaten ermöglichen der Bevölkerung, in Frühpension zu gehen. Das ist aber nur solange in Ordnung, solange deren Pension proportional gekürzt wird. Problem Nummer Zwei: Es gibt keine Anreize, länger zu arbeiten, als es das staatliche Pensionsalter vorsieht. Die Personen, die länger arbeiten wollen, sollten nicht mehr die ganzen Sozialabgaben leisten müssen. Ihren Teil haben sie ja nach der volkswirtschaftlichen Rechnung schon geleistet - indem sie jedenfalls bis zum vorgesehenen Pensionsalter gearbeitet haben. Das heißt, sie beziehen danach ohnedies eine kürzer dauernde Pension und arbeiten parallel noch immer für die Produktivität des Staates. In Großbritannien haben wir das erste Problem schon gelöst, das zweite allerdings leider noch immer nicht.

Viele Personen haben aber nicht die Möglichkeit, solange zu arbeiten wie sie wollen. Allein durch Restrukturierungen werden viele Arbeitsplätze abgebaut, zumeist sind davon ältere Mitarbeiter betroffen.

Leider gibt es tatsächlich in der Wirtschaft den Hang, ältere Leute loszuwerden. Vor allem aufgrund von schlechter Kalkulationen wird geglaubt, dass es den Unternehmen so billiger kommt. Mit der EU-Gesetzgebung, die ab 2008 Diskriminierungen verbietet, wird es hoffentlich einfacher.

Ich war auch in der Privatwirtschaft und bin es wieder. Ich weiß: Manchmal müssen Unternehmer in die richtige Richtung geschubst werden. Dazu braucht es eben Gesetze, damit sie wissen, was sie tun müssen.