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Identitätsrätsel mit geopolitischen Folgen

Von WZ-Korrespondent Frank Nordhausen

Politik

Die Türkei beharrt darauf, dass das Attentat von Ankara nicht von einem eigenen Staatsbürger verübt wurde, sondern von einem syrischen Kurden.


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Istanbul. Als Abdülbaki Sönmez, 27, geboren in der osttürkischen Stadt Van, als "Märtyrer" mit dem Kampfnamen Zinar Raperin (Fels des Aufstands) beschreiben die "Freiheitsfalken Kurdistans" den Attentäter von Ankara. Auf ihrer Webseite hat die Gruppe, die häufig mit den Buchstaben TAK abgekürzt wird, auch ein Foto des jungen Mannes veröffentlicht. Ebenfalls ist dort ein Bekennerschreiben zu finden. Demnach war der Angriff auf einen Militärkonvoi mit 28 Toten am vergangenen Mittwoch ein Vergeltungsakt der TAK für die andauernden "Massaker" der Armee in den Kurdengebieten der Türkei.

Doch die türkische Regierung weigert sich beharrlich, das Bekenntnis der radikalen Abspaltung der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zum Terroranschlag von Ankara zur Kenntnis zu nehmen. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und Regierungschef Ahmet Davutoglu beharren darauf, dass das Attentat von einem kurz nach der Tat identifizierten Angehörigen der syrischen Kurdenmiliz YPG begangen worden sei.

"Nur ein Vorwand"

Salih Muhammed Neccar heißt der Mann, den die Regierung anhand eines Fingerabdrucks identifiziert haben will. Davutoglu hatte erklärt, Neccar sei 24 Jahre alt, in der nordsyrischen Stadt Amude aufgewachsen und habe für die YPG gekämpft. Er sei dann im vergangenen Juni als Flüchtling in die Türkei gekommen und dabei auch registriert worden. Beim Anschlag sei er von der PKK unterstützt worden. Doch haben PKK, YPG und deren politischer Arm PYD eine Beteiligung strikt dementiert. Sie sehen in den Anschuldigungen einen Vorwand, um das immer umfangreichere militärische Eingreifen der Türkei in den Kurdengebieten Nordsyriens zu rechtfertigen. Als Vergeltung für das Attentat hatte die Türkei zuletzt immer wieder YPG-Stellungen mit schwerer Artillerie beschossen.

Da viele Türken nur regierungsnahe Medien wahrnehmen, wissen sie aber bis heute nicht, dass es eine andere als die offizielle Version der YPG-Täterschaft gibt. Regierungsnahe Zeitungen wie "Türkiye" oder "Star" behaupten, dass der syrische Präsident Bashar al- Assad den Anschlag befohlen und die YPG ihn ausgeführt hätte.

Selbst die auf Seriosität bedachte englische Ausgabe der "Hürriyet" traute sich nicht, die Meldung prominent zu vermelden. Ihre Hauptschlagzeile lautete: "Erdogan sagt, der Selbstmordattentäter war definitiv YPG-Mitglied." Innenminister Efkan Sala erklärte, die TAK-Version sei ein Ablenkungsmanöver, um YPG und PYD zu entlasten. Bisher wurden mindestens 21 Verdächtige im Zusammenhang mit dem Anschlag festgenommen.

Ernsthaft wird die Alternativ-Realität bisher nur in der marginalisierten Oppositionspresse diskutiert. Kritische politische Beobachter sind sich einig, dass das TAK-Bekenntnis einiges für sich hat. Die Organisation hatte den Anschlag als Vergeltung für die "Ermordung" von Zivilisten durch das türkische Militär bei dessen Offensive gegen die PKK in der südosttürkischen Stadt Cizre bezeichnet. Dagegen haben YPG oder PYD bislang stets erklärt, dass die Türkei für sie "kein Feind" sei. Militärisch wäre es für sie kontraproduktiv, eine weitere Front zu eröffnen.

USA setzen auf Kurden

Für die Täterschaft von Abdülbaki Sönmez spricht zudem, dass er klar identifizierbar und nicht mehr auffindbar ist. Anders Salih Neccar aus Amude. Mit beiden Fällen hat sich der Abgeordnete der linken Kurdenpartei HDP aus der grenznahen Stadt Gaziantep, Mehmet Karayilan, eingehend beschäftigt. Es gebe zwar eine Familie Neccar in Amude, die auch einen Sohn habe. Der trage aber einen anderen Namen, sei erst 16 Jahre alt und quicklebendig, sagte Karayilan der "Wiener Zeitung". "Dagegen ist Abdülbaki Sönmez‘ Existenz bewiesen. Der 27-Jährige, an dessen Trauerfeier am Sonntag mehr als tausend Menschen teilgenommen hatten, wurde sogar vom Gouverneur der Provinz Van als TAK-Kämpfer bezeichnet."

Die unabhängige Zeitung "Cumhuriyet" meldete am Montag, dass auch Abdülbaki Sönmez‘ Vater seinen Sohn inzwischen als Attentäter identifiziert habe. Falls die Angaben der Regierung zuträfen, müsse er sich in Syrien aufgehalten und den Namen Salih Neccar benutzt haben, als er dann wieder in die Türkei einreiste, schreibt das Blatt.

Die Lösung des Identitätsrätsels hat geopolitische Auswirkungen. Die Regierung in Ankara drängt die USA seit Tagen, YPG und PYD als Verantwortliche für das Attentat anzuerkennen und gemeinsam gegen diese vorzugehen. Das lehnt Washington ab, weil es die syrischen Kurden als ihren wichtigsten syrischen Verbündeten gegen den Islamischen Staat betrachtet. Auch US-Präsident Barack Obama kam Erdogan in einem längeren Telefonat am Wochenende in der Sache offenbar nicht entgegen. Die Verstimmung darüber ist in Ankara deutlich spürbar. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu drohte bereits, den USA die Nutzung der türkischen Luftwaffenbasis Incirlik wieder zu entziehen. "Es gibt keine Entschuldigung für die Verbindungen der USA zu einer Terrororganisation, die die Türkei angreift", sagte Ministerpräsident Davutoglu.