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Ikone für Ägyptens Kampf gegen Korruption

Von Alexander U. Mathé

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Vorzugsschülerin sieht sich um gute Leistung betrogen.


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Mariam Malak ist eine Musterschülerin, die zu den besten in Ägypten zählt. 97 Prozent erzielte sie während der letzten zwei Jahre. In Österreich entspricht das einem ausgezeichneten Erfolg mit fast nur Einsern. Begierig und freudig trat sie im Sommer zur Matura an, die darüber entscheidet, wo und was die Ägypter studieren dürfen. Bei ihren Leistungen konnte man davon ausgehen, dass sie sogar zu ihrem Wunschstudium - Medizin - an der renommierten Universität Kairo zugelassen werden würde. Doch als die Ergebnisse veröffentlicht wurden, herrschte bei Mariam das blanke Entsetzen. 0 Punkte soll die 19-Jährige erzielt haben - und zwar gleich in allen sieben Fächern, in denen sie angetreten war. Sie konnte es nicht fassen: Ausgerechnet an dem Tag, der über ihre berufliche Zukunft entscheidet, soll sie ein totales Blackout gehabt haben? Hier musste etwas faul sein. Der Verdacht erhärtete sich, als sie sich ihre Prüfungsbögen ansah. Während sich Mariam daran erinnerte, Seiten über Seiten geschrieben zu haben, waren hier teilweise lediglich die Prüfungsfragen ausgeschrieben, sonst nichts. Andere ihrer vermeintlichen Antworten bestanden wiederum nur aus einigen Zeilen. Das Mädchen, das der christlichen Minderheit in Ägypten angehört und aus einem armen Dorf 240 Kilometer südlich von Kairo stammt, ist überzeugt, zum Opfer korrupter Machenschaft geworden zu sein. Ihre Prüfungsbögen seien mit jenen eines unbedarften, aber aus einflussreicher Familie stammenden Sprösslings vertauscht worden. Keine abwegige Idee in einem Land, das von Korruptionsaffären gebeutelt ist. Das Bildungswesen ist so marod, wie es korrupt ist. Es herrscht ein verstricktes System von Lehrern und Professoren, die über Privatunterricht den Kindern der Oberschicht die nötigen sehr guten Noten für die Matura sichern und so sich selbst das Zubrot für das Existenzminimum sowie das Bakschisch für die Behördenvertreter, die in dem Zyklus ebenfalls die Hand aufhalten. Mariam wehrte sich dagegen, von diesem System einfach überrollt zu werden. Sie legte Beschwerde ein, die von lokalen Behörden und Staatsanwaltschaft jedoch abgewiesen wurde. Das Mädchen gab nicht auf und ging an die Öffentlichkeit. Sie beschrieb ihren Fall auf Facebook. Innerhalb kürzester Zeit erhielt sie mehr als 42.000 Likes und wurde vom Fernsehen eingeladen, ihren Fall vorzutragen. Mariam avancierte zur Ikone des Kampfes gegen die Korruption in Ägypten. Das Bildungsministerium führte einen Handschriftenvergleich durch, konnte jedoch keine Auffälligkeiten feststellen, während ein entsprechender Vergleich im Fernsehen klare Unterschiede zeigte. Inzwischen hat sich der Premierminister der Angelegenheit angenommen und versichert, er wolle die Schülerin unterstützen, als ob sie seine eigene Tochter wäre. Ein unabhängiger Schriftvergleich soll nun einmal für Klärung sorgen.