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Im Bergbau grassiert Fusionsfieber

Von Ralf Bode und Daniel Magnowski

Wirtschaft

Preisauftrieb in der Rohstoffbranche. | Schnelles Wachstum nur durch Zukäufe möglich. | Berlin/London . (reu) Kaum eine Branche macht derzeit so oft mit Großfusionen von sich reden wie der Bergbau. Erst am Donnerstag gab der kanadische Konzern Goldcorp bekannt, seinen Rivalen Glamis zu schlucken und so zu einem Weltmarktführer aufzusteigen. In Russland soll durch einen Milliardendeal der größte Aluminium-Hersteller der Welt entstehen. Das Thema gipfelt in Gerüchten um eine Übernahme des Minenbetreibers Anglo American für 80 Mrd. Dollar (62,4 Mrd. Euro).


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"Wer derzeit schnell seine Kapazitäten ausbauen will, kommt an Zukäufen kaum vorbei", erläutert Rohstoff-Experte Klaus Matthies vom Institut für Wirtschaftsforschung in Hamburg (HWWA). Alternative wäre eine Erschließung neuer Vorkommen, was aber langwierig wäre. "Neue Bergwerke erschließt man nicht in ein oder zwei Jahren", sagt Matthies. "Sieben Jahre ist der Horizont."

Aber gerade jetzt ist wegen der riesigen Nachfrage in China und Indien viel zu verdienen. Jaap van der Geest von ABN Amro sieht deshalb Vorteile bei einem Zukauf: "Du bekommst den Gewinn schon fast am nächsten Tag und musst nicht lange warten. Wenn Du eine Mine erschließt, dauert das vielleicht fünf Jahre. Dann könnte die Hochpreis-Phase wieder vorbei sein."

Rekordgewinne füllten die Kassen

Eine Übernahme bringt weitere Vorteile: Die Firmen holen sich dringend benötigte Fachleute an Bord, die auf dem freien Markt kaum zu haben sind. Auch haben Käufer nicht nur Förder- und Produktionsanlagen im Blick. "Man kauft auch Lagerbestände", sagt HWWA-Experte Matthies.

Geld für Zukäufe ist dank der Rekordgewinne in der Branche reichlich vorhanden. "2005 war ein weiteres spektakuläres Jahr für die Minen-Branche", heißt es in einer Studie von PriceWaterhouseCoopers (PWC) mit dem Titel "let the good times roll" - etwa "lass' die guten Zeiten weitergehen". Demnach stieg der Gewinn bei den 40 größten Firmen der Branche 2005 zusammen um 59 Prozent auf 45 Mrd. Dollar - rund acht Mal mehr als 2002.

Vor allem die Preisexplosion an den Rohstoffmärkten heizt Gewinne und Fusionsfieber an. "Die Preise für Kupfer oder Nickel haben sich in den vergangenen Jahren vervielfacht", sagt Matthies. "So teuer wie zuletzt waren einige Rohstoffe noch nie."

Der Goldpreis hat sich in fünf Jahren verdreifacht, Silber war so teuer wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Platin kletterte auf ein Rekordhoch und der Kupfer-Preis hat sich zeitweise fast verfünffacht. Dies macht sogar viele bisher als unrentabel eingestufte Projekte gewinnträchtig. So erwägen etwa Goldfirmen die Ausbeutung inzwischen bereits dann, wenn eine Tonne Gestein nur ein oder zwei Gramm Gold enthalten.

Politische Risiken erschweren Projekte

Neue Projekte werden aber oft durch politische Risiken erschwert: Das rohstoffreiche Lateinamerika etwa ist für Investoren unsicherer geworden. PWC nennt hier vor allem Bolivien, Peru und Venezuela. "Das politische Klima in diesen Ländern hat dazu geführt, dass Investoren die Dauerhaftigkeit der Politik in den Ländern in Frage stellen, das Vertrauen verlieren und letztlich weniger Geld in dortige Minen stecken."

Bei dem Preisanstieg vieler Metalle spielen neben höherer Nachfrage auch schwindende Vorkommen eine Rolle. So wird im Internet darüber diskutiert, ob die Gold- und Silbervorkommen bereits 2026 erschöpft sind. Auch wenn viele Experten dies in Frage stellen, die Unsicherheit über ist hoch. Niemand weiß genau, wo wie viele Rohstoffe verborgen sind.

Inmitten des Fusionsfiebers gibt es aber auch mahnende Stimmen. "Die Goldgräberstimmung täuscht", sagt etwa Heiko Leschhorn, Rohstoff-Händler bei der LBBW. "Die Firmen müssen etwas tun, um nicht selbst geschluckt zu werden. Der Handlungsdruck ist hoch." Damit wachse auch die Bereitschaft zum Risiko, zumal die Rohstoffpreise sehr schwankungsanfällig seien. Daher würden einige Firmen derzeit auch gezielt nach solchen Fusionspartnern suchen, mit denen sie ihr Geschäft weniger abhängig von nur einem Produkt machen.

Auch in der Studie von PWC wird die Frage aufgeworfen, wie lange der Höhenflug in der Rohstoffbranche anhält. "Derzeit sieht es so aus, dass 2006 nochmal stärker wird", heißt es. "Aber wie lange werden die guten Zeiten weitergehen?"