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Im Bombenregen

Von Gerhard Lechner

Politik
Durch Bombardierung von Wohnhäusern haben bereits viele Ukrainer - wie hier ein Einwohner von Sneschnoje - Angehörige verloren.

Laut Menschenrechtlern setzt die ukrainische Armee in Donezk Streubomben ein. Kiew dementiert.


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Kiew. Die Detonation kam für Oleg - so wollen wir ihn nennen - überraschend. "Zunächst habe ich gar nicht begriffen, was passiert ist", sagte der 37-jährige Mann aus Donezk der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW). "Ich hörte einen lauten Knall, meine Ohren waren taub. Ich fühlte einen Stoß in meinem Rücken und wurde zwei oder drei Meter nach vorne geschleudert. Es war wie eine Welle. Als ich wieder hören konnte, begann ich mich langsam zu erheben. Dann fühlte ich etwas Klebriges an meinem Rücken und an meinem Fuß herunterrinnen. Ich bemerkte - es war Blut."

Olegs Fall klingt, als wäre er in diesem Krieg ein gewöhnlicher. Als wäre der Mann aus Donezk einer von tausenden Verwundeten und zivilen Opfern des schmutzigen Konflikts in der Ostukraine. Doch die Granatensplitter, die in die Lunge des 37-Jährigen eingedrungen waren, sind nichts Alltägliches: Sie stammen von der Submunition einer Streubombe, wie die Experten von HRW bemerkten. An mehr als einem Dutzend Orten seien die international geächteten Bomben zum Einsatz gekommen, heißt es in einem neuen Bericht der Menschenrechtsorganisation. HRW will die umstrittenen Waffen über die Reste von explodierten Raketen und Granaten identifiziert haben. Zwar ließe sich in vielen Fällen nicht eindeutig feststellen, wer die Streubomben abgefeuert habe, heißt es in dem Bericht. Doch "die Beweise deuten bei mehreren Angriffen darauf hin, dass ukrainische Regierungstruppen verantwortlich waren". Vor allem bei Angriffen auf das Stadtzentrum von Donezk Anfang Oktober - inmitten der sogenannten Waffenruhe - gebe es besonders deutliche Hinweise für die Verantwortung der Regierungstruppen.

Gefürchtete Waffe

Streubomben zählen zu den gefürchtetsten Waffen. Sie zerteilen sich vor dem Aufprall in "Submunition", also in viele kleinere Sprengsätze, die wie ein Bombenregen auf dem Zielort niedergehen. Diese kleinen Bomben können sich über ein Gebiet von der Größe eines Fußballfeldes verstreuen. Bei Angriffen mit Streubomben auf bewohnte Gebiete ist die Zivilbevölkerung damit großer Gefahr ausgesetzt. Manche der kleinen Bomben explodieren nicht sofort - sie verwandeln sich, wie Human Rights Watch schreibt, de facto in Landminen. Kinder werden oft noch Jahre nach dem Abwurf zu Opfern, wenn die Munition explodiert. Deshalb haben 114 Länder ein internationales Abkommen zum Verbot von Streumunition unterzeichnet - die Ukraine gehört ebenso wie Russland nicht dazu.

Das ukrainische Militär hat die Vorwürfe von HRW zurückgewiesen. "Wir verwenden diese Bomben überhaupt nicht, weil sie verboten sind", sagte Wladislaw Selesnjow von der "Anti-Terror-Operation" in Kiew. Dennoch hat die ukrainische Präsidentschaft am Dienstag zugesagt, Vorwürfe zum Einsatz von Streubomben in bewohnten Gebieten untersuchen zu lassen. HRW hatte der ukrainischen Armee schon im Juli Kriegsverbrechen vorgeworfen: Sie soll bei ihren Attacken auf Wohngebiete zielungenaue Raketen vom Typ "Grad" eingesetzt haben. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) wiederum hat beiden Konfliktparteien illegale Hinrichtungen und Gräueltaten vorgeworfen. Hinweise auf Massengräber, über die russische Medien berichteten, will AI nicht gefunden haben.

Zähe Verhandlungen

Kompromissbereiter als auf dem Schlachtfeld zeigen sich Russland und die Ukraine bei ihrem zähen Gaskonflikt: Am Dienstag sind die Energieminister beider Staaten unter Vermittlung von EU-Energiekommissar Günther Oettinger zu erneuten Verhandlungen in Brüssel zusammengekommen. Der Gasstreit soll jedoch erst nächste Woche entschieden werden, sagte Oettinger Dienstagabend. Der ukrainische Staatschef Petro Poroschenko hat im Vorfeld des Treffens davon gesprochen, dass man sich - einstweilen bis 31. März 2015 - auf einen Gaspreis von 385 Dollar für 1000 Kubikmeter Gas verständigt habe. Der derzeit geltende Gasvertrag von 2009 verpflichtet die Ukraine zur Zahlung von 485 Dollar.