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Anstatt Bürokratie und Fehlerquellen zu reduzieren, sind die Probleme durch die Neustrukturierung der Geheimdienste verschärft worden. Zu vieles wird einfach hin- und hergeschoben.
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Ein paar peinliche Fragen muss sich die CIA stellen. Wie konnten die Pannen passieren? Wie konnte der Mann mit der Bombe trotz eindeutiger Warnungen nach Detroit fliegen? Und wie konnte der jordanische Doppelagent in der CIA-Basis in Afghanistan sieben CIA-Mitarbeiter töten?
Das habe ich erfahrene Terrorabwehrexperten gefragt. Alle waren sich in einem Punkt, der beide Fälle verbindet, einig: Die bürokratischen Vorgänge zur Fehlervermeidung können das Risiko auch enorm vergrößern. "Das System ist einfach überlastet", wie es ein CIA-Agent formuliert.
Die beiden Fälle unterscheiden sich sehr, und doch veranschaulichen beide, was passiert, wenn Geheimdienstler auf Resultate drängen und zugleich übervorsichtig sind. Was dabei herauskommt, ist ein Versagen des Systems, das zur Katastrophe führen kann. Wie sich zeigt, hat die Neustrukturierung der US-Geheimdienste das Bürokratieproblem, das sie hätte beseitigen sollen, nur noch verschlimmert.
Im Fall des versuchten Flugzeuganschlags ist eine Überfülle an Informationen wie in einem Schneesturm untergegangen. Der Vater des jungen Mannes hatte die CIA in Nigeria gewarnt, dass sein Sohn radikalisiert und somit gefährlich sei. Die CIA-Mitarbeiter handelten bürokratisch korrekt, indem sie das US-Außenministerium informierten und gleichzeitig die gesamte CIA-Kommandostruktur mit Meldungen eindeckten.
In der Praxis sieht das so aus: Der CIA-Agent in Nigeria informierte das CIA-Terrorabwehrzentrum, das sich um biografische Daten und Fotos kümmerte. Kopien davon ergingen an das nationale US-Terrorabwehrzentrum, eine umstrittene zusätzliche bürokratische Einrichtung, die dem Director of National Intelligence Bericht erstattet. In einer der beiden Einrichtungen hätte dann jemand darauf drängen können, den Namen des Terrorverdächtigen auf die Flugverbotsliste zu setzen. Das hat aber trotz aller Aktivitäten niemand getan.
Auch im US-Außenministerium wurde korrekt gehandelt - theoretisch. Dort wurde der Name des Verdächtigen ins Visa-Viper-System aufgenommen und somit auch hochrangigeren Mitarbeitern zur Kenntnis gebracht. Er landete in einem Datenmeer von rund 500.000 Namen. Zum Vergleich: Auf der Flugverbotsliste stehen etwa 4000.
Wie kommt es zu diesem Anschwellen und zum Stau im Datenfluss? Laut meinen Quellen liefert jede der 180 US-Botschaften im Durchschnitt täglich einen Beitrag für das Visa-Viper-System. Jeder will sich absichern, indem er Warnungen aussendet, aber niemand will derjenige sein, der die Alarmglocke läutet.
"Das ganze System ist völlig verstopft. Das meiste ist unwichtig, aber alle haben Angst, es nicht hineinzustellen", so ein CIA-Mitarbeiter. Das Terrorabwehrzentrum soll um die 120 Datenbanken prüfen, manche Mitarbeiter haben täglich 10.000 bis 12.000 Informationen zu bearbeiten. Bei größeren Anlaufstellen gehen tagtäglich mehrere tausend Mails ein. Kein Wunder, dass in diesem Aufruhr tatsächliche Bedrohungen untergehen.
Auch der Anschlag in Afghanistan zeigt, dass die CIA Informationen ernster nehmen muss. Es gibt schon seit einiger Zeit Warnungen, dass Doppelagenten versuchen, in CIA-Basen einzudringen.
Der ehemalige CIA-Chef William Casey versuchte einst, die Geheimdienstmitarbeiter zu ermutigen, mehr Verantwortungsbewusstsein zu zeigen und Entscheidungen nicht einfach in der bürokratischen Struktur weiterzuschieben. CIA-Chef Leon Panetta sollte die Ereignisse zum Anlass nehmen, eine neue Kultur des Unternehmungsgeistes und der Verantwortlichkeit zu etablieren.
Übersetzung: Redaktion

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