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Im dritten Anlauf an die Wolga

Von Helmut Dité

Wirtschaft

Wolf am Steuer bei Russlands zweit-größtem Autobauer. | Automarkt legt wieder stark zu. | Wien. "Sigi spricht Englisch schon mit russischem Akzent" witzelte Magna-Gründer Frank Stronach im Frühjahr 2007, als sein steirischer Landsmann und Magna-International-Vorstand Siegfried Wolf den russischen Oligarchen Oleg Deripaska als neuen Großaktionär beim weltweit drittgrößten Autozulieferer im kanadischen Hauptsitz Aurora begrüßte: "Russland hat für Magna das größte Potenzial." | Deripaska im Aufwind


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Das Land stehe erst am Anfang des Wachstums, während Europa, die USA und teilweise sogar schon China mit Überkapazitäten in der Autoindustrie konfrontiert seien.

Damals war der Putin-Vertraute Oleg-Deripaska reichster Mann Russlands - und der russische Automarkt mächtig im Wachsen: Schon für Ende 2008 erwartete die Branche, dass Russland mit 3,8 Millionen verkauften Pkw Deutschland als größten Markt Europas abgelöst haben würde.

Die Russland-Connection hatte schon 2001 begonnen. Magnas Wunsch in Russland zu expandieren, traf sich mit dem Interesse der Russen, ihre marode Autoindustrie zu modernisieren. Magna galt dafür als Schlüsselpartner. Stronach und Wolf trafen sich mehrfach mit dem damaligen Staatspräsidenten Wladimir Putin und Deripaska. Magna entwickelte einen Prototypen für ein russisches Fahrzeug und sollte mit Deripaskas GAZ eine Zulieferindustrie aufbauen. Deripaskas Einstieg bei Magna sah Stronach schließlich schon als Krönung des Lebenswerks.

Auch Opel sollte in Russland gesunden

Es kam jedoch ganz anders: Die Krise traf Russland besonders hart. Von Rekordzahlen für 2008 war nicht mehr die Rede, 2009 brach der Automarkt um mehr als 60 Prozent ein. Deripaska, der die 1,1 Milliarden Dollar für seinen Magna-Anteil auf Kredit finanziert hatte, musste seine Aktien schon bald wieder verkaufen.

Die Verbindung aber blieb eng: "Beam" ("Lichtstrahl"), hieß dann im Vorjahr das Konzept - federführend ausgearbeitet von Siegfried Wolf - mit dem Magna Opel übernehmen wollte. Mit dabei Oleg Deripaskas Konzern Basic Element und Deripaskas größter Kreditgeber German Gref, Chef der größten russischen Bank "Sberbank". Im Hintergrund - wie immer - Wladimir Putin, der sich auch als Regierungschef die Modernisierung der russischen Autoindustrie persönlich angelegen sein lässt. Opel und Stronach sollten dabei helfen.

Zu Deripaskas Reich gehört das Autowerk GAZ in Nischni Nowgorod, früher Gorki, an der Wolga. Es produziert Lastwagen der Marke Ural, Kleintransporter namens Zobel - und ein Modell namens Wolga Siber, ein leicht adaptierter Chrysler Sebring, dessen Produktionsanlagen Deripaska vor Jahren den Amerikanern abgekauft hatte.

Während die Nutzfahrzeuge halbwegs gut laufen, will den Wolga, Nachfolger einer viele Jahre produzierten und als Taxi beliebten Uralt-Funktionärslimousine, niemand kaufen. Nur knapp 3000 Stück liefen in den ersten vier Monaten 2009 von den wochenweise stillstehenden Bändern der 70.000-Mitarbeiter-Fabrik. In Zukunft könnten die Hallen für die Opel-Produktion verwendet werden, sah "Beam" vor, denn vor allem vom russischen Automarkt sollte Opel durch die Verbindung mit GAZ profitieren. Schließlich verfügt Deripaska über ein landesweites Händlernetz und über beste politische Kontakte. Was dem Oligarchen seit der Finanzkrise fehlt, ist lediglich das Geld. Das sollte von der Sberbank kommen, die auch 2008 trotz massiver Kreditausfälle noch 2,5 Milliarden Euro Gewinn erwirtschaftete.

Doch wieder kommt alles ganz anders: Stronach und Wolf, deren Magna-Konzern im Zug der Krise auch in die roten Zahlen gerutscht ist, und Deripaska, der mit seinem größten Gläubiger Sberbank die Restrukturierung seiner Milliardenschulden verhandelt, haben zwar trotz allem schon mehr als einen Fuß in der Tür von Opel, als die Amerikaner ihre Europa-Tochter schließlich überraschend doch selbst behalten wollen.

Putin ist verschnupft, brummt abfällig über "amerikanische Geschäftsmethoden". Wolf ist enttäuscht, er war - mehr als der "eher neutrale" Stronach von der Idee begeistert gewesen und glaubt lange Zeit daran, dass man doch noch einmal eine Chance zur Opel-Übernahme bekommen würde.

Inzwischen ist die Autokrise vorbei, die Industrie verdient wieder gutes Geld. Und gerade in Russland, wo der Fall so tief war, legen im Herbst 2010 die Verkaufszahlen wieder am stärksten zu - fast 60 Prozent Plus gab es im August Schon wird wieder vom Überrunden Deutschlands als größtem Markt Europas geredet, vielleicht schon 2012? Denn immer noch kommen in Russland knapp erst knapp 100 Pkw auf 1000 Einwohner, in Westeuropa sind es 550.

Stronach: "Bei Magna ist jeder ersetzbar"

Siegfried Wolf will es wissen: Am 15. November, kurz nach seinem 53. Geburtstag, tritt er sein Amt als Top-Manager in Deripaskas Russian Machines-Konzern an, verantwortlich für die Auto- und Nutzfahrzeug-Sparte von GAZ, aber auch für den Militär- und Luftfahrtbereich.

"Als Oleg Deripaska kürzlich uns um Erlaubnis ersuchte, Sigi ein Angebot zu machen, stellten wir klar, dass die Entscheidung letztlich bei ihm selbst lag", sagte Magna-Chef Frank Stronach am Montag. Bei Magna ist jeder ersetzbar, hatte er schon kürzlich nach seinem eigenen Rückzug an die Aufsichtsratsspitze erklärt. "Wir erkennen aber auch den möglichen Vorteil, der sich daraus für Magna ergeben könnte", fügt er hinzu.

Zur Person

Ein Schulabbrecher, der es dennoch aus eigener Kraft an die Spitze mehrerer internationaler Top-Konzerne schaffte: Siegfried Wolfs Karriereverlauf dürfte - rechtzeitig zum Schulstart - so manchem Schüler Trost spenden. Geboren wurde Wolf am 31. Oktober 1957 im oststeirischen Feldbach, wo er mit sechs Geschwistern auf dem Bauernhof der Eltern aufwuchs. Das Gymnasium brach er ab - und absolvierte stattdessen eine Ausbildung zum Werkzeugmacher-Meister bei Philips in Wien.

Danach holte er seinen Schulabschluss an der Bundeslehranstalt für Maschinenbau nach. Beim Munitionsproduzenten Hirtenberger wurde er 1994 von Magna-Chef Frank Stronach entdeckt und angeheuert - und legte daraufhin eine Blitzkarriere hin. Zunächst Vorstand für Forschung und Entwicklung, avancierte er schon ein Jahr später zum Präsidenten der Magna Europa AG mit Sitz in Oberwaltersdorf bei Wien. 1998 wickelte Wolf für Magna den Kauf von Steyr-Daimler-Puch ab (ab 2001 "Magna Steyr"). Unter Wolf stieg die Zahl der Magna-Mitarbeiter in Europa von rund 1000 auf 29.000.

1999 wurde Wolf von Stronach in den Verwaltungsrat des Mutterkonzerns Magna International berufen, wo er seine rechte Hand wurde.

Bauer im Nebenerwerb

Ende Jänner 2004 kehrte Frank Stronach überraschend an die Spitze zurück - als interimistischer Nachfolger seiner Tochter Belinda, die seit 2001 Konzernchefin gewesen war und in Kanada in die Politik wechselte. Ebenso überraschend gab er die Führung wieder ab, und zwar an den Kanadier Donald Walker (bereits von 1994 bis 2001 CEO) und an Wolf. Stronach zog nun als Chairman des Board of Directors die Fäden.

Wolf setzte die Expansion fort. In China wurden rund zwei Dutzend Fabriken gebaut. 2007 beteiligte sich die russische Basic Element von Oleg Deripaska um 1,5 Milliarden US-Dollar an Magna - ein Engagement, das Deripaska in der Wirtschaftskrise wieder aufgeben musste. Wolf besitzt - ebenso wie Walker - Anteile an Magna International. Eine weniger glückliche Hand hatte er als Miteigentümer der 2003 gestarteten steirischen Pleite-Airline Styrian Spirit, die schon 2006 wieder aufgeben musste.

Wolf sitzt in Österreich in den Aufsichtsräten von Strabag, Verbund, ÖIAG und Siemens.

Er zählt in Österreich zu den Spitzenverdienern, 2008 kassierte er von Magna 5,7 Millionen Dollar. Siegfried Wolf ist verheiratet und hat zwei Töchter. Auf seinem Bauernhof mit 80 Hektar im niederösterreichischen Weikersdorf soll er selbst bis zu 70 Stunden pro Jahr mit Hand anlegen.