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Im früheren Leben Österreicher

Von Stefan Beig

Politik
"Österreicher sind im Herzen ein stilles Volk", meint Vijay Upadhyaya.
© © Stanislav Jenis

"Man kann auch bikulturell sein", ist der Dirigent Vijay Upadhyaya überzeugt.


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Wien. Als Vertreter der österreichischen Musikkultur ist Vijay Upadhyaya um die ganze Welt gekommen. Für das Österreichische Kulturforum war er als Dirigent in Rom und Istanbul tätig, Reisen mit österreichischen Chören führten ihn nach Afrika und Südamerika, Musikprojekte leitete er auch im Iran, Indien, Indonesien, Singapore, Brasilien und Ost Timor. Zurzeit ist er Gastdirigent der "China National Symphony" und des Symphonieorchesters in Chile. Aufgewachsen ist Upadhyaya in Lucknow in Indien. Erst zum Musikstudium an der Musikhochschule Graz ist er vor 25 Jahren nach Österreich gekommen.

"Indien ist stark durch die Kolonialzeit geprägt. Man wächst mit indischer Musik, aber ebenso mit Bach und Chopin auf", erzählt Upadhyaya. Eine Umstellung war das Leben hier zunächst schon. "In Indien ist alles viel bunter - und chaotischer." Beim herbstlichen Wetter in Graz kam er sich wie in einem "Stummfilm" vor: Die Bäume sind nicht grün, Krähen gibt es viele, die Menschen sind einfärbig gekleidet und Kinder hört man kaum.

"Hier sind die Menschen etwas zurückhaltend, aber nicht unhöflich, wie manche Migranten fälschlicherweise annehmen." Am Anfang gebe es eben eine Hemmschwelle. Upadhyaya hat ein Sprichwort dazu parat: "Was der Bauer net kennt, frisst er net." Sein Studium hat er sich durch die Leitung einer Blaskapelle und eines Kirchenchors in der Oststeiermark finanziert. Für den Kirchenchor hat er kräftig die Werbetrommel gerührt und ist von Bauernhof zu Bauernhof gegangen. In kurzer Zeit wuchs der Chor von 20 auf 80 Mitglieder. "Damals konnte ich kein Hochdeutsch, weil alle Südsteirisch geredet haben", erinnert sich Upadhyaya. Doch den Dialekt beherrschte er in Kürze mit solcher Perfektion, dass seine indische Herkunft nicht aufgefallen ist. Einmal bemerkte ein Bauer: "Mei, bist du schwarz; bist aber lange in der Sonne gelegen."

Zur Jause in die Wirtshausstube wurde Vijay Upadhyaya oft mitgenommen, nach einem Jahr war er im Pfarrgemeinderat. "Ich wurde total integriert." Beim gemeinsamen Schmaus im Gasthaus wurden Volkslieder gesungen, die Upadhyaya heute alle auswendig kann. "Die alpine Volksmusik ist einmalig, weil sie auch eine Harmonie hat, nicht nur eine Melodie. Am Land singen Leute, die keine Noten lesen können, spontan die zweite Stimme oder die Bass-Stimme zu einer Melodie dazu. Es ist einmalig, dass eine Volksmusik-Kultur nicht nur horizontal, sondern auch vertikal ist." Diese Art von Volkskunst - so lautet Upadhyayas Theorie - habe auch diese hohe Zahl an Komponisten hervorgebracht. "Dadurch erfährt man die Tiefe der Musik und entwickelt einen Instinkt für ihre Dreidimensionalität." Dass das Volksliedgut durch die Popmusik verdrängt wird, bedauert Upadhyaya. Bei seinen Chören sind österreichische Volkslieder fixer Bestandteil des Repertoires.

Das Volkslied "Oh Hoamatle" ist so etwas wie die inoffizielle Hymne Vorarlbergs. Vijay Upadhyaya hat einen vierstimmigen Satz für Sopran, Alt, Tenor und Bass dazu geschrieben, der in ein neues Buch mit Vorarlberger Lieder Eingang gefunden hat.

"Ich werde in Europa oft auf Rassismus angesprochen. Dazu kann ich nur sagen: Ich habe so etwas nie erlebt. Als Inder in Österreich wurde ich nur gefördert." Sein Professor für Kirchenmusik war Priester. "Erst nach Jahren habe ich erfahren, dass er ein Jahr lang mein Stipendium mit seinem eigenen Geld finanziert hat. Ich habe das nicht einmal gewusst." Nach dem St. Martiner Kochbuch hat er auch Kochen gelernt. Sein Schweinsbraten schmecke wie bei der Oma, hört Vijay Upadhyaya öfters.

"Österreicher sind im Herzen ein stilles Volk, es braucht Zeit. Das ist keine Angst, man soll das nicht falsch interpretieren. Wenn du österreichische Freunde hast, dann hast du sie für immer." Upadhyaya zitiert aus dem Volkslied "Wahre Freundschaft": "Ich will für dich Sorge tragen / bis zur späten Mitternacht." In Italien entstehe Kontakt zwar viel schneller, doch gehe er auch ebenso schnell zu Ende. Noch heute ist Upadhyaya mit Dorfleuten aus der Südsteiermark befreundet. "I hab mi so g’freut, dass einer von uns so weit gekommen ist", hat eine Bekannte zu ihm einmal gesagt.

Fließend in acht Sprachen

Heute beherrscht Vijay Upadhyaya acht Sprachen fließend: Hindi und Urdu sind seine Muttersprachen, perfekt ist er auch auf Deutsch, Englisch und Italienisch, im Alltag kann er sich ebenso auf Spanisch, Französisch und Türkisch unterhalten. Land und Leute lernte Upadhyaya über das Dirigieren in aller Welt kennen. Über das österreichische Kulturinstitut kam er als Dirigent nach Istanbul, im Rahmen eines EU-Projekts war er 2005 in Ostanatolien, wo er an acht Unis gearbeitet hat. Einen EU-Beitritt der Türkei sieht er skeptisch: "Sag einem Bauern in Ostanatolien, seine Tomaten sollen nur mehr in eine bestimmte EU-konforme Größe haben; der glaubt, du bist wahnsinnig geworden." Die Kultur dort sei einzigartig, sie bestehe schon seit Jahrtausenden.

Auch im Iran hat er schon einen Chor und ein Orchester geleitet, die beide großteils aus Frauen bestanden. Den "Messias" von Händel hat Vijay Upadhyaya dort dirigiert - in einer armenischen Kirche. Als er zu Weihnachten in Teheran war, haben seine muslimischen Freunde dort extra für ihn eine Weihnachtsparty organisiert. "Die persischen Frauen sind extrem intelligent, gebildet und sehr selbstbewusst", erinnert er sich. "Sie haben eine wunderbare, 5000 Jahre alte Kultur."

Sehr schwer ist ihm das Erlernen des Chinesischen gefallen. "Chinesisch kannst du nicht nebenbei lernen." Doch Vijay Upadhyaya muss sich in China mit Chor und Orchester auf Chinesisch verständigen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich das Chinesische anzueignen, auch wenn sein Wortschatz sehr überschaubar ist. "Philosophische Gespräche kann ich in der Sprache nicht führen." Heute hat er Freundschaften in aller Welt. "Aber meine Freundschaften in Österreich sind mir am wichtigsten", meint Upadhyaya heute. "Das Volk, mit dem ich am besten kommunizieren kann, sind die Österreicher." In seinem früheren Leben müsse er Österreicher gewesen sein.

"Kultur ist nicht ein Ding, sondern es sind die Menschen, die du kennenlernst und die dir ans Herz wachsen." Heimat, das sind für Upadhyaya "die Menschen, die einem nahestehen." Aber: "Man kann auch bikulturell sein. Wenn man die europäische Kultur als Zuwanderer aufnimmt, heißt das nicht, dass man von der alten alles aufgibt, wie man in Europa öfters glaubt." Vijay Upadhyaya hat Menschen vieler Nationen über seine Tätigkeit sehr gut kennengelernt: "Es gibt verschiedene Mentalitäten und Kulturen. Die sollen sich auch halten und ihre Einzigartigkeit bewahren. Nur stehen sie nicht in Widerspruch zueinander. Jede Seele ist groß genug, um mehrere Kulturen in sich zu beheimaten." Und: "In Zeiten der Globalisierung ist das nicht eine Gefahr, sondern die große Chance - nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell."