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Experten des Bundesheers über die weitere Eskalation in Syrien.
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Damaskus/Wien. Internet- und Telefonverbindungen stark eingeschränkt, die Straße zum Flughafen unterbrochen, der Flugverkehr eingestellt.
Die syrische Armee führt eine Offensive gegen Rebellenstellungen in der Nähe der Straße zum internationalen Flughafen und beschießt die in der Nähe liegenden südöstlichen Distrikte Akraba und Babilla. "Es scheint, dass eine entscheidende Phase in der Damaskus-Offensive begonnen hat", sagte ein Diplomat der Nachrichtenagentur Reuters. Ziel der Rebellen ist es, den strategisch wichtigen Flughafen unter ihre Kontrolle zu bringen. Während des seit 20 Monaten anhaltenden Aufstands sind bislang 40.000 Menschen getötet worden.
Bei der Rotation österreichischer UNO-Soldaten war ein Konvoi mit 88 österreichischen Soldaten auf dem Weg zum Flughafen beschossen worden, vier österreichische UN-Soldaten wurden verletzt, zwei, ein 53-jähriger Burgenländer, der einen Steckschuss an der Schulter erlitt, sowie ein 25-jähriger Steirer, der am Arm angeschossen wurde, werden im Ramam Spital in der israelischen Küstenstadt Haifa behandelt. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagt gegenüber der "Wiener Zeitung", dass die beiden auf dem Landweg nach Israel gebracht und von dort mit einem israelischen Helikopter ins Spital geflogen worden sind.
Österreicher überwachen als Teil der Undof-Mission die entmilitarisierte Zone zwischen Syrien und dem von Israel besetzten Golan. UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon bezeichnete den Angriff als "ernstes Risiko" für die UN-Beobachter am Golan. Die Sicherheit der Soldaten unter ihrem Mandat sei für die UNO von höchster Priorität.
Bundesheer-Analysezentrum
Beim österreichischen Bundesheer beobachtet man die Lage seit der Eskalation des Konflikts mit größter Aufmerksamkeit.
In der Wiener Stiftskaserne hat das Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement bereits vor geraumer Zeit ein sogenanntes Analysezentrum eingerichtet. Auf Lagekarten wird der Konfliktverlauf eingezeichnet, Bilder der am Gefechtsfeld eingesetzten schweren Waffen hängen an den Wänden, ebenso wie Fotos der Protagonisten der Konfliktparteien. Experten aus den verschiedenen Bereichen treffen sich hier zu Lagebesprechungen, die Militärs pflegen den Meinungsaustausch mit Kollegen aus den Nachrichtendiensten und Diplomaten.
Brigadier Walter Feichtinger, der Leiter des Analysezentrums, gibt einen Lageüberblick: Die Konsolidierungsbemühungen der Opposition seien mit einem Fragezeichen versehen, denn die Interessen der eher säkularen Kräfte der "Free Syrian Army" (FSA) würden stark von jenen der terroristischen Jihad-Gruppierung Al-Nusra-Front divergieren. "Jihadi-Gruppen bestimmen das Kampfgeschehen auf Seiten der Opposition immer mehr", meint Feichtinger, das sei eine "sehr negative Entwicklung, denn das bringt für eine mögliche Zeit danach "ein zusätzliches Problem". Ein befürchteter wachsender Einfluss jihadistischer Oppositionsgruppen würde den Westen auch weiterhin davon abhalten, Waffensysteme an die "Free Syrian Army" zu liefern. "Wo gehen diese Waffensysteme schlussendlich hin? Das ist nicht kontrollierbar", sagt Feichtinger.
Die Ziele der Arabellion
"Der Sturz des Herrschers ist in Syrien - wie bei den meisten Arabellionen wichtigstes Ziel. Für die Zeit danach gibt es kein Konzept", meint Feichtinger. Die Rebellion sei vor allem eine der ländlichen Regionen, der Vorstädte, in den urbanen Zentren gebe es bis heute viel weniger Zulauf zur Opposition, meinen die österreichischen Militär-Experten. Zudem gebe es keinen Zulaufpunkt für die Rebelion.
Wegen der Einflüsse aus dem Ausland sprechen die Offiziere des Analyse-Zentrums von einem "Hybriden Stellvertreterkrieg". Die Türkei etwa sei besorgt über die Geburt eines autonomen Kurdengebiets im Norden Syriens im Fall eines Zerfalls des Landes. Das Scheitern der "Null-Problem-Politik" mit den türkischen Nachbarn, die von Außenminister Ahmet Davutoglu verfolgt worden ist, habe ebenfalls Spuren hinterlassen. Am Anfang des Konflikts hatte Ankara ja Vermittlungsangebote gemacht, die aber brüsk zurückgewiesen worden waren. Oberst Karl Fitsch meint, dass die Türkei "kein Interesse an einer Stärkung der radikalislamischen Salafisten hat." Für Saudi-Arabien sei es "Ziel Nummer eins, den iranischen Einfluss in der Region zurückzudrängen." Die Karten würden neu gemischt, Saudi-Arabien ist bestrebt, sich als Regionalmacht zu festigen, die Möglichkeit in Syrien "einen iranischen Pflock herauszuschlagen, stärkt die regionale Position der Saudis". Wie sieht Saudi-Arabien die Rolle der salafistischen und jihadistischen Gruppen? "Durchaus zwiespältig", meint Fitsch. Riad habe kein Interesse, dass extremistische Strömungen zu stark werden, eine direkte Unterstützung dieser Gruppierungen sei daher nicht gegeben. Was aber nicht heißen soll, dass nicht private Spender finanzielle Zuwendungen an derartige Gruppierungen leisten würden. Das offizielle Saudi-Arabien unterstützt aber die "Free Syrian Army", verschiedentlich sei von einer Anschubfinanzierung von 100 Millionen Dollar die Rede. Auffällig sei auch die aktive Rolle des Scheichtums Katar im Konflikt in Syrien. Es gebe wohl die strategische Absicht, ein überproportionales politisches Gewicht zu erlangen und sich zu einem politisch aktiven Zentrum auf der arabischen Halbinsel hochzustilisieren.
Militärische Entscheidung
Die USA wollen - ähnlich wie Israel - vor allem Stabilität in der Region. Die Strategie der USA sei von mehreren Faktoren bestimmt: die Schutzmachtrolle für Israel und das Interesse an einem stabilen Irak, die Sicherheit der Schifffahrtsrouten am Persischen Golf und die antagonistische Stellung gegenüber Iran. Teheran ist ja neben Russland einer der letzten verbliebenen engen Verbündeten des Assad-Regimes in Damaskus.
Fitsch interpretiert die Zurückhaltung der USA in der Syrien-Frage auch mit der zunehmenden außenpolitischen und strategischen Verlagerung des Schwergewichts nach Asien. Brigadier Feichtinger meint, das Interesse der USA am Nahen Osten würde nicht zuletzt wegen der rasch abnehmenden Energie-Import-Abhängigkeit der Vereinigten Staaten zurückgehen. Wenn es freilich zu einer humanitären Intervention in Syrien käme, wären die USA in der Pflicht, meint Brigadier Feichtinger.
Einig sind sich die Militär-Experten über die Rolle des Libanon im Konflikt: "Es gibt einen "stillen Konsens, dass man nicht in den Konflikt hineingezogen werden will", sagt Feichtinger. Der Iran würde das Regime in Damaskus unterstützen, so gut er kann, "es gibt aber nur wenig Hinweise auf materielle Hilfe", meint Oberst Fitsch. Die Rolle Russlands werde oft überschätzt, sagt Feichtiger, "der oft zitierte russische Marinehafen in Tartus hat eher Symbolcharakter".
Conclusio: "Es sieht so aus, als würde man eine militärische Entscheidung suchen. Wenn die Aufständischen massiv mit Flugabwehr-Waffen ausgerüstet werden, dann würde den entscheidendsten Vorteil der syrischen Streitkräfte - die absolute Luftüberlegenheit - auslöschen. Ich sehe ein Aufwuchs-Szenario, mit all den Bruchlinien, die wir sehen, sowie einer Stärkung der extremistischen Elemente."
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