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Die Beziehung zwischen Russland und den USA ist so frostig wie schon lange nicht.
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Wien/Moskau. Das Bild sieht nicht unbedingt nach Geheimgesprächen aus: John Kerry spielt in legerer Kleidung in einem von hohen Mauern umgrenzten Hof des VIP-Terminals am Flughafen Wien-Schwechat Fußball. Im Hintergrund lehnen zwei Männer eher teilnahmslos an einem schwarzen Geländewagen. Dass die Maschine des US-Außenministers, die wenige Stunden zuvor in Pakistan gestartet war, am Freitagvormittag unangekündigt in Wien zwischengelandet ist, gibt aber zumindest einige Rätsel auf.
Die "Kronen Zeitung" hatte mit Berufung auf nicht näher genannte Beobachter sogar von möglichen Gesprächen mit Vertretern Russlands in der Causa Edward Snowden gesprochen - dem 30-jährigen Ex-Geheimdienstmitarbeiter, der die weitreichenden US-Schnüffelprogramme Prism und XKeyscore aufgedeckt hatte, war am Donnerstag von den russischen Behörden vorläufiges Asyl gewährt worden. Die USA, die Snowden als Geheimnisverräter suchen, hatten sich angesichts der Entscheidung zutiefst enttäuscht gezeigt.
Von offizieller Seite wurde aber jede Art von Gesprächen dementiert. Sowohl die US-Botschaft in Wien wie auch das österreichische Außenministerium erklärten auf Nachfrage der "Wiener Zeitung", bei Kerrys Zwischenlandung habe es sich lediglich um einen technischen Zwischenstopp gehandelt, bei dem die Air Force Two aufgetankt wurde. Warum ein Tankstopp notwendig gewesen ist, scheint allerdings nicht so ganz klar. Denn London, wohin Kerry nach seiner knapp zweieinhalbstündigen Zwischenlandung weiterflog, liegt von seinem Ausgangspunkt Islamabad 6045 Kilometer entfernt. Mit 5914 Kilometern ist die Entfernung London-Washington allerdings nur knapp kürzer - wenn es die eigentlich auf große Reichweiten ausgelegte Maschine des Außenministers auf Grund von beschränkten Treibstoffkapazitäten nicht von Pakistan nach Großbritannien schafft, hätte sie wohl auch Probleme, bei der Heimreise den Atlantik zu überqueren. Selbst große Passagiermaschinen lassen sich zudem in weniger als 50 Minuten auftanken, der knapp zweieinhalb Stunden dauernde Stopp Kerrys in Wien scheint damit ungebührlich lang.
Gipfel-Treffen in Gefahr
Potenziellen Gesprächsstoff zwischen den USA und Russland gebe es zwar genug - Stichwort Syrien-Krise, iranisches Atomprogramm oder Fragen der atomaren Abrüstung. Die definitive Weigerung des Kreml, den US-Whistleblower Snowden an die USA auszuliefern, hat Washington allerdings derart in Rage gebracht, dass den USA nach Verhandlungen offenbar nicht zumute ist. US-Präsident Barack Obama erwägt gar, das für Anfang September im Vorfeld des G-20-Gipfels anberaumte Gipfeltreffen mit Präsident Wladimir Putin abzusagen. "Wir evaluieren derzeit die Sinnhaftigkeit", ließ der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, am Freitag verlauten. Einige Kongressmitglieder, unter ihnen auch Demkoraten, gingen noch einen Schritt weiter; sie legten dem Staatschef nahe, auch der G-20-Veranstaltung in St. Petersburg fernzubleiben. Und Senator John McCain, Vietnam-Veteran und ehemals Präsidentschaftskandidat, fordert Obama sogar auf, jetzt zur großen Keule zu greifen: "Die Zeit ist gekommen, die Beziehungen zu Putins Russland grundsätzlich zu überdenken."
Fest steht: Das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Washington und Moskau, das zuletzt durch den Magnitzky-Act - das neue US-Gesetz verbietet russischen Staatsdienern, die in Menschenrechtsverletzungen verwickelt sind, die US-Einreise - weiter getrübt worden war, hat mit der Causa Snowden einen neuen Tiefpunkt erreicht. Putin hatte zwar noch versucht, die Amerikaner zu beschwichtigen, indem er erklärte, Snowden erhalte nur dann Asyl, wenn er aufhöre, den USA mit seinen Enthüllungen Schaden zuzufügen, letztlich war das aber nicht mehr als eine Worthülse gewesen, zumal der Kreml wusste, dass der Ex-US-Geheimdienstmitarbeiter dafür vorgesorgt hat, dass sein brisantes Material auch ohne sein Zutun an die Öffentlichkeit gelangt.
Mit der vorläufigen Schutzgewährung für Snowden sehen viele US-Kommentatoren bereits eine neue Eiszeit zwischen den beiden Mächten am Horizont aufsteigen. So weit will Russland-Experte Gerhard Mangott nicht gehen. Doch ein rasches Ende des Zerwürfnisses sieht auch er nicht. Weder in der Syrien-Krise noch beim iranischen Atomprogramm oder der strategischen atomaren Abrüstung sehe er Chancen auf eine Annäherung. "Die Beziehungen werden angespannt bleiben." Dies habe auch mit der persönlichen Abneigung der Präsidenten zu tun. "Die Chemie zwischen ihnen stimmt nicht", sagt der Politologe der Wiener Zeitung.
Anti-Amerikanismus liegt in Russland zudem auch mehr als 20 Jahre nach Ende des Kalten Krieges im Trend. Das nutzt Putin, der sich gerne als Mann des Volkes inszeniert, um seine Führungsstärke zu beweisen. Zudem gefällt sich Russland in der Opferrolle. Die USA seien selbst Schuld an der Lage, tönt etwa der einflussreiche Außenpolitiker Alexej Puschkow. Washington habe Moskau keine andere Wahl gelassen, als Snowden Asyl zu gewähren. Aber Russland dürfte auch auf Imagegewinn hoffen. Immerhin preist Moskau die Aufnahme des US-Amerikaners als humanitären Akt - zum Schutz der Menschenrechte.
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