)
Der blinde Langstreckenläufer Henry Wanyoike hat seinen sportlichen Erfolg genützt, um die gesellschaftliche Stellung von Behinderten in seinem Heimatland Kenia zu verbessern.
Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 13 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Kenias jüngere Generation kleidet sich betont lässig, Henry Wanyoike bildet da keine Ausnahme. Mit seinem Trainingsanzug, einer Baseballmütze über den kurzen Haaren und Sportschuhen würde der 37-jährige Leichtathlet im Straßenbild der Hauptstadt kaum auffallen. Wenn er mit seinem besten Freund Joseph Kibunja in Nairobi unterwegs ist, bleiben jedoch immer wieder spontan Passanten stehen und rufen ihm aufmunternde Bemerkungen in seiner Sprache Kikuyu zu: "Los, Henry gibt Gas, du läufst auch für uns", ist da nicht selten zu vernehmen: Viele sprechen von ihm als dem "großen Krieger" ("Grand Warrior") - eine hohe nationale Auszeichnung, die ihm der ehemalige Staatspräsident Daniel arap Moi vor 12 Jahren verliehen hatte.
Weil die meisten Kenianer den Marathonläufer mit der eher zierlichen Statur vom Fernsehen und aus den Zeitungen kennen, gleicht so ein Spaziergang einem Bad in der Menge. Es ist Henry Wanyoike deutlich anzumerken, dass er diese Momente auskostet.
Sehen kann er seine Bewunderer nicht. Wanyoike, der bei seinen Ausflügen auf den Begleiter Joseph und seinen Blindenstock angewiesen ist und stets eine überdimensionierte Brille trägt, hat Mitte der 1990er Jahre sein Augenlicht eingebüßt.
Marathon-Weltrekord
Dennoch gab er sich damals nicht geschlagen: Mit Ausdauer, Fleiß und einer ungebrochenen Willenskraft stieg Henry im Laufe der Jahre international zu einem der bekanntesten blinden Leichtathleten auf. Als Teilnehmer an den Paralympischen Spielen für Sportler mit Behinderungen hielt er bis 2008 den Weltrekord im Marathonlauf. Inzwischen zieren zahlreiche Auszeichnungen aus vielen Ländern die gute Stube in seinem Wohnhaus. Ein Autounfall warf ihn 2008 aus dem Rennen, nur langsam erholte er sich von den schweren Verletzungen. Jetzt aber fühlt er sich wieder fit und trainiert voller Zuversicht für die kommenden Paralympischen Spiele, die Ende August in London stattfinden.
Henry Wanyoike ist ein Kikuyu, spricht Kikuyu und ist sinnigerweise in einer Nachbarstadt Nairobis mit dem Namen Kikuyu aufgewachsen. Allerdings lag seine Kindheit nicht auf der Sonnenseite des Lebens. Er lebte mit seiner Familie in einer städtischen Armensiedlung, wo er sich in seiner Jugend unter anderem mit dem Verkauf gebrauchter Schuhe über Wasser hielt. Kaum 22 Jahre alt, musste er einen folgenreichen Schicksalsschlag hinnehmen. "Ich hatte in der Nacht wohl einen leichten Schlaganfall bekommen, vielleicht habe ich zu heftig nachgedacht", erinnert er sich mit einer Spur Humor. Vermutlich war dabei der Sehnerv geschädigt worden, denn er konnte seine Umwelt anschließend nur noch schemenhaft wahrnehmen.
Im Spital habe man ihm nicht weiterhelfen können. Zwei Wochen darauf waren auch die verbliebenen fünf Prozent Sehvermögen verschwunden. "Auf einen Schlag ständige Nacht", erinnert sich Henry Wanyoike, der zum Gefangenen seines Körpers geworden war. Lange habe er sich an die Hoffnung geklammert, das Sehvermögen doch noch zurückzuerlangen. "So viele Krankenhäuser habe ich aufgesucht, mich untersuchen lassen und alle möglichen Medikamente genommen, aber geholfen hat es nicht", erzählt er. Schließlich kam er im Kikuyu Eye Hospital, das seiner Effizienz wegen in ganz Ostafrika einen guten Ruf besitzt, in Kontakt mit der in der deutschen Stadt Bensheim ansässigen Christoffel Blindenmission (cbm), die das Spital finanziell unterstützt. "Dort fand ich zum ersten Mal richtigen Beistand, die Mitarbeiter haben mich immer wieder ermutigt, nicht aufzugeben", erinnert sich Wanyoike.
Seinen Betreuern gelang es nach einiger Zeit, den jungen Mann wenigstens zur Teilnahme an den Kursen an einem staatlichen Rehabilitationszentrum zu bewegen. "Dort war ich mit Menschen, die dasselbe Schicksal hatten, das hat mir auch dabei geholfen, mich mit meinem Los abzufinden", meint er heute rückblickend. Henry erlernte die BrailleBlindenschrift und das Maschineschreiben. Dann begann er die Ausbildung zum Strickmeister, die er im Alter von 26 Jahren mit dem Diplom abschloss. Noch heute widmet sich der Blinde diesem Metier. Inzwischen verfügt er dank Spenden über eine kleine Werkstätte, die er in einer Garage eingerichtet hat. Mit anderen blinden Handwerkern verfertigt er hauptsächlich Pullover und verdient damit ein bisschen Geld.
Sieg über die Angst
Dass sich Henry noch während der Rehabilitationsphase der Leichtathletik zuwandte, führt er auf seinen damaligen Sportlehrer zurück. "Er hat mich inspiriert und mir nach und nach die Angst genommen, weil ich anfangs Stürze befürchtete", berichtet er. Der Lehrer habe ihn bei der Hand genommen, dann sei man gemeinsam gerannt, auch Mitstudenten unterstützten ihn dabei tatkräftig. "Trotzdem bin ich dabei häufig zu Boden gegangen", erinnert er sich mit düsterem Gesichtsausdruck und verweist auf große Narben an den Armen. Allmählich entwickelte er sich jedoch zum begabten Langstreckenläufer.
Was wirklich in ihm steckte, bewies er erstmals 2000 bei den Paralympischen Spielen im aus-tralischen Sydney, bei denen er sich die Goldmedaille über 5000 Meter und zweimal Bronze sicherte. Und das, obwohl sein Begleitläufer, mit dem er während des Laufs über ein Band zwischen den Armen verbunden war, das Tempo nicht mithalten konnte und kurz vor dem Ziel einen Schwächeanfall erlitt. Henry schleppte ihn über die Ziellinie und gewann.

"Als bei der Siegerehrung die kenianische Nationalhymne erklang, fühlte ich mich glücklich. Denn mein sehnlichster Traum, auf diese Weise mein Land zu repräsentieren, war Wirklichkeit geworden", erzählt der Leichtathlet. Im Heimatort gab es bei seinem Besuch einen großen Bahnhof. "Es war auch ein großer Sieg für alle Behinderten", meint Henry. Bis zu diesem Zeitpunkt taugten Menschen mit Behinderung nach landläufiger Meinung gerade fürs Betteln in der Straße, "mehr hat man ihnen nicht zugetraut".
Seit 2003 ist der Behindertenstatus in der Verfassung verankert und Henry Wanyoike ist davon überzeugt, dass sein sportlicher Triumph als Behinderter bei dieser Aufwertung eine maßgebliche Rolle gespielt hat.
Dann ging alles Schlag auf Schlag: Henrys Erfolgsgeschichte reißt nicht ab, er wird so populär, dass Sponsoren auf ihn aufmerksam werden. Eine kenianische Bank kürt ihn zur Werbe-Ikone. Er hat Fernsehauftritte, macht dort seinen behinderten Mitmenschen Mut, aus ihrem Schicksal das Beste zu machen, besonders eindringlich wendet er sich an jüngere Menschen. "Was ich geschafft habe, das kriegt ihr auch hin", lautet seine Devise. Und bis heute warnt er sie, in Drogen Zuflucht zu suchen. Nun wirkt Henry Wanyoike im ganzen Land als cbm-Botschafter bei zahlreichen Wohltätigkeitsveranstaltungen mit, er wirbt Spenden ein, um den in Afrika weit verbreiteten "Grauen Star", eine zur Erblindung führende Linsentrübung, zu bekämpfen. Schon kleine Kinder sind in den afrikanischen Ländern davon bedroht, aber wenn die Krankheit rechtzeitig erkannt wird, kann sie mit einer kleinen und billigen Operation aus der Welt geschafft werden. "Das gefällt mir, es motiviert mich. Denn andere Menschen, die es benötigen, haben davon einen Vorteil", sagt Henry, der inzwischen auch außerhalb Afrikas nicht mehr unbekannt ist und mit seinen Vorhaben oftmals auf offene Ohren stößt.
"House of Hope"
Inzwischen hat er eine nach ihm benannte Stiftung eingerichtet, sie richtet in Henrys Heimatort Kikuyu alle sechs Jahre im Sommer den gemeinsamen Wettlauf "Run for Hope" aus. Inzwischen hat er in seinem Heimatort zudem eine Vorschule für Waisen zwischen drei und fünf Jahren gegründet. Sie werden dort auf die Grundschule vorbereitet und ganztätig verpflegt.
Mit eigenen Mitteln hätte er seinen Traum nicht realisieren können. Ermöglicht wurde der Bau durch den Einsatz einer todkranken Österreicherin, die Henry vor einem halben Jahrzehnt kennen gelernt hatte. Theresia, wie der Vorname der damals 23-jährigen, inzwischen verstorbenen Frau lautete, half Wanyoike beim Einbringen von Spenden; ein beachtlicher Teil der Beiträge stammte von österreichischen Privatpersonen. Der Bau heißt nun "Theresia’s House of Hope".
Womit aber beschäftigt sich der umtriebige Leichtathlet, wenn er nicht gerade durch das Ausland tourt und um Sympathien für seine Vorhaben wirbt?
Dann schlüpft der Zentralkenianer Henry Wanyoike gerne in die Rolle des Landwirts. Wie die meisten Kenianer, die auf dem Land leben, hat er sich eine Kuh gekauft, auch ein Esel gehört zu seinem Besitz - und natürlich Hühner. Mit seiner Frau Myllow zieht er vier schon größere Kinder auf. Am Morgen melkt er die Kuh und bringt die Milch den Kindern in der Vorschule persönlich vorbei.
Thomas Veser geboren 1957, lebt als Journalist in Konstanz. Er schreibt u.a. über Bildung und Internationale Zusammenarbeit.
)
)
)
)